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Theater News

Mittelreich – Josef Bierbichler’s Roman an den Münchner Kammerspielen

Februar 23, 2016 — by Juli Tributs0

Mittelreich in der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler an den Münchner Kammerspielen ist zum Berliner Theatertreffen 2016 eingeladen!

Ich gratuliere und freue mich für das Theater. Und kann endlich eine Inszenierung unter der neuen Intendanz von Matthias Lilienthal uneingeschränkt empfehlen.

Wie bringt man diesen Lebensroman Mittelreich von Josef Bierbichler, voll mit lebensumspannenden, tief symbolischen Bildern, Geschichten und viel Lokalkolorit auf die Bühne eines Theaters? Was zeigt man, was lässt man weg? Zehn gelebte Jahrzehnte einer Familie, durch zwei Weltkriege hindurch, durch Zeiten mit gesellschaftlichen Umbrüchen, Zeiten des einkehrenden Wohlstands („Mittelreich“). Der Roman ist die biographisch eingebettete Auseinandersetzung mit der Bigotterie im katholischen Bayern mit seinen Nazi- und Kommunistenströmungen, den Zwängen des Erbes, der Enge der Familie, dem Unverständnis für den Anderen, der Verdrängung von Wünschen und von Schuld – Verdrängung, die das Leben vielleicht erträglich macht, es zugleich aber auch entwertet.

Die Süddeutsche Zeitung, mein Theaterorgan schlechthin, hatte die Inszenierung so besprochen, dass einem die Lust eher vergangen ist. Wer schaut sich schon freiwillig ein „saft- und kraftloses Musiktheater“ an (SZ vom 24.11.2015)? Meine Geneigtheit, Inszenierungen gut zu finden, war zu der Zeit auch nicht allzu groß. Ich hatte gerade den Spieler, Caspar Western Friedrich, Rocco und seine Brüder hinter mir, die neuen Schauspieler haben mich enttäuscht, die verbliebenen Schauspieler des alten Ensembles machen einem schmerzhaft den Verlust deutlich, die Regisseure haben bislang noch nicht überzeugt. Die Webseite nervt und man schwelgt in Wehmut über das verlorene Regietheater, welches durch Kongresse zur Weltlage, Konzerte und Off-Theater Performances nicht adäquat ersetzt wird. Mit der Stimmung, alles weitere auch schlecht zu finden, saß ich nun also in Mittelreich.

Und wurde in den Bann dieser Familiengeschichte um den Seewirt aus Ambach am Starnberger See gezogen. Anstatt Musiktheater bekam ich Schauspielertheater. Steven Scharf darf als Gast den Semi, Sohn des Seewirts und Alter Ego von Sepp Bierbichler spielen und tut das ergreifend und wohltuend professionell. Annette Paulmann überzeugt als des Seewirts unglückliche Frau.

Die Inszenierung beginnt mit dem Ende, der Beerdigung des Seewirts (Stefan Merki). Die Familie sitzt auf Stühlen und singt „selig sind die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden…“.  Das ist ergreifend einfach. In der Rückschau entblättert Anna-Sophie Mahler dann die Motive des Romans und konzentriert sie auf die stärksten und eindrucksvollsten, die, die man als Leser des Romans sofort wieder erinnert. Das Bühnenbild ist der bayrischen Gastwirtschaft nachempfunden, erweckt aber eine bedrückende Assoziation von Enge.

Der Seewirt, der eigentlich Singen will, heiratet und übernimmt die Wirtschaft der Eltern, um sein Erbe nicht zu verlieren. Er ist es, der den Hof und die Gastwirtschaft zu ihrer Blüte bringt und der Familie den Wohlstand. Glücklich wird die Familie dadurch nicht. Die Ehe zwischen dem Seewirt und seine Frau ist lieblos – sie leidet unter der freudlosen Anwesenheit der Schwestern des Seewirts und unter fehlender Liebe, er hat sie zwar geheiratet, lebt mit ihr aber ohne Leidenschaft. Vielleicht ist diese im Krieg abhanden gekommen, vielleicht schon vorher, als der Traum vom Gesang enden musste. Das Verhältnis zwischen Semi und seinem Vater ist distanziert. Verdrängung – „nicht hören“ und „nicht wissen wollen“ bestimmen das Leben aller und ihr Verhältnis zu einander. Der Vater verdrängt den Krieg und seine Mittäterschaft bei der Vergasung von Kindern ist das Bild für Schuld und Verdrängung. Den jungen Semi verschickt man ins Internat, er möge dort fromm werden. Er verdrängt seine Einsamkeit und lernt und wird trotzdem nicht froh. Man hört ihn nicht, als er den Eltern den ständigen Missbrauch durch den Klosterbruder im Internat beichtet, „das bildest du dir ein, bete nur ein Vater unser“ ist alles was die Mutter ihrem Sohn dazu sagen kann. Damit zerbricht auch die Liebe des Sohnes zu seiner Mutter.

Das tragische, unglückliche Fräulein Zwittau outet sich als der Zwitter der sie ist und geht daran zugrunde, von ihrer Umwelt verkannt (irritierend mit hoher Stimme gesungen und gespielt von Damien Rebetz). Selbst im Sterben gibt es keine Erlösung, die Mutter verfällt im Rollstuhl, der Vater trifft der Schlag als ihn Semi mit der Wahrheit über seine Teilnahme an einem Kriegsverbrechen konfrontiert. Einzig der polnische Flüchtling (Jochen Noch), anhänglich und froh beim Seewirt ein Heim gefunden zu haben, ist bei sich und dankbar, ob seiner Existenz an diesem Ort. Er folgt dem Seewirt bis in den Tod, Zeichen für Treue und zugleich aus Angst vor der Einsamkeit.

Schon der Roman ist so bildhaft erzählt, dass sich Motive fest in das Gedächtnis einbrennen. Eine reduzierte Erzählweise, wie sie Anna-Sophie Mahler anwendet, tut diesem an Bezügen  und Geschichten reichen und überbordenden heimatverbunden Roman gut. Es wäre sonst zu viel. Die Inszenierung bringt die Schauspieler zur Geltung, sie transportieren diese bigotte Welt, die unterdrückten Gefühle derer, die in ihr leben und berühren den Zuschauer mit ihrem Spiel. Besonders bewegend ist Steven Scharf als Semi – leider nur als Gast – füllt er die Rolle des Sepp Bierbichler nicht nur mit seiner Körpergröße, sondern mit spielerischem Können. Wir vermissen ihn sehr im Ensemble.

Ein schöner und tiefer Abend, darüber waren sich danach alle einig. Sowohl mein spanischer Begleiter, der noch nie im Leben etwas von Mittelreich gehört hat, als auch die beiden älteren Damen, die nach der Vorstellung im Blauen Haus jede ihre zwei Weißbiere kippten, seit 40 Jahren Abo haben und sich (so wie ich) darüber freuten, dass der Abend viel besser war, als es uns die Kritik der SZ vermittelt hat.

Also Applaus für die tolle Leistung der Schauspieler in Mittelreich und für eine eindringliche, bewegende Inszenierung, die gut ins Bayerische passt.

 

Kunst

Manifesto von Julian Rosefeldt mit Cate Blanchett

Februar 16, 2016 — by Juli Tributs0

Manifesto. Eine Multi-Screen Film Installation von Julian Rosefeldt. Cate Blanchett spielt in 13 verschiedenen Rollen die Manifestos der Kunstwelt des 20 Jahrhunderts.

Manifesto ist derzeit zu sehen im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in Berlin und im Australian Centre for the Moving Image in Melbourne.

Die Installation ist atemberaubend. Mit Manifesto überschreitet Julian Rosefeldt die Grenzen der Kunst: Sein Werk ist Film- und Performancekunst mit der wandlungsfähigen Cate Blanchett in allen Hauptrollen. Ist Videoinstallation, skulpturale Bilderkomposition, die in der Gesamtheit erlebt absolut beeindruckend ist. Ist Textcollage, weil Manifeste von Karl Marx, Kandinsky, André Breton, Louis Aragon, Jim Jarmusch und vielen anderen Künstlern des letzten Jahrhunderts in Szene gesetzt werden.  Ist politisches Statement, weil modellhaft heutige Erscheinungsformen der Gesellschaft abgebildet (Cate Blanchett ist Obdachloser, Börsenmaklerin, Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage, Geschäftsführerin auf einem privaten Empfang, Tätowierte Punkerin, Wissenschaftlerin, Trauerrednerin, Puppenspielerin, Konservative Mutter mit Familie, Nachrichtensprecherin und Reporterin sowie Lehrerin) und durch die Manifeste in Frage gestellt, gespiegelt oder einfach kommentiert werden.

Julian Rosefeldt saugt alle Eindrücke aus der Welt auf, ist inspiriert vom Film, von der Kunst in all ihren („mus“-)Erscheinungsformen des Situationismus, Futurismus, Dadaismus, Surrealismus, Kreationismus, Konstruktivismus, Minimalismus Konzeptionismus und schafft daraus etwas Neues, ganz Eigenes und noch nie Dagewesenes.

Die Bilderwelt beginnt mit dem Manifest von Karl Marx, als Prolog, Im Video als brennende Zündschnur in Szene gesetzt. So in etwa -glühend, verglühend- war es wohl mit dem Kommunistischen Manifest. Aber selbst verglüht springen noch Funken…  Gleich daneben begegnet uns Cate Blanchett als „Homeless man“, spricht die Manifeste des Situationsmus, hoch über der Stadt Berlin auf dem Teufelsberg, auf dem sich früher die Flugüberwachungs- und Abhörstation der US-amerikanischen Streitkräfte befand. Man muss es im Ganzen und sicher auch mehrfach sehen, um die vielen Ebenen der Kunst zu erfassen. Hier ein kleiner Einblick:

Manifesto von Julian Rosefeldt mit Cate Blanchett
Cate Blanchett als Obdachloser – Szene aus Manifesto von Julian Rosefeldt

Beeindruckend ist Cate Blanchett als Grabrednerin in dem Video, in dem der Dadaismus und alle gesellschaftlichen Grundfesten zu Grabe getragen wird (no more democrats, no more bourgeoise…, no more armies, no more police … – nothing nothing nothing). Dazu gibt es Trauermarsch und Mafiamusik. Hier werden alle Sinne angesprochen.

Manifesto von Julian Rosefeldt mit Cate Blanchett
Cate Blanchett als Trauerrednerin – Szene aus Manifesto von Julian Rosefeldt

Und so geht spannend geht es weiter, jedes Video zeigt eine andere Welt. Cate Blanchett ist der Star aller Videos. Ihr hat Julian Rosefeldt die Szenen auf den Leib geschrieben. Die Verbindung beider Künstler ist kongenial. Es ist kaum vorstellbar, wie eine einzige Schauspielerin in so vielen Rollen so hundertprozentig echt die jeweiligen Charaktere verkörpert, den richtigen Ton, die richtige Nuance trifft. Und das in nur 12 Drehtagen. Die Kulissen sind perfekt für den Charakter inszeniert, das geht weit über Filmkunst hinaus, ist Bühnenbild- und bildende Kunst und hochästhetisch.

Manifesto ist eine Reminiszenz an Vordenker, politische Philosophen, Künstler, Andersdenkende. Julian Rosefeldt transferiert Kunst von früher ins Heute, zeigt, dass es vor jeder Idee schon eine andere Idee  gab. So entwickelt sich Leben, so entwickelt sich Kunst, und aus Kunst wird wieder Kunst.

Manifesto von Julian Rosefeldt ist ein Must. Daher auf nach Berlin und rein in die Warteschlange vor dem Hamburger Bahnhof (noch bis zum 10.Juli 2016). Zu sehen ist ein Jahrhundertwerk.

Theater News

„Der Spieler“ und anderes wird verspielt an den Münchner Kammerspielen

Januar 17, 2016 — by Juli Tributs0

Der Spieler und Rocco und seine Brüder an den Münchner Kammerspielen

Kinder, so ein Theater! Der künftige Hausregisseur der Münchner Kammerspiele, Christopher Rüping, vergeigt seine Einstandsinszenierung: Der Spieler von Dostojewski ging gründlich daneben, trotz oder wegen der Kinder, die hier zusammen mit Thomas Schmausen, dem größten Kind an diesem Abend, die Hauptrollen spielen. Schöner als Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung vom 19.12.2015 kann man es nicht sagen – geboten wird über weite Teile „Topfschlagen beim Kindergeburtstag“ und statt ernsthafter Auseinandersetzung mit den Figuren und dem Stoff von Dostojewski gibt es Schlägerei mit „Schaumstoffwürsten“. Das war leider nix (mehr dazu bei Nachtkritik).

Das wäre ja nicht weiter schlimm, jeder kann sich mal vertun und verzetteln, erst recht wenn man im Alter von gerade mal 30 Jahren an eines der – vormals – besten deutschsprachigen Theater als Hausregisseur geholt wird. Aber wenn auch sonst nix Gescheites zu sehen ist (wofür man natürlich dem Regisseur keinen Vorwurf machen kann), dann ist die Enttäuschung beim Publikum eben doch groß.

Seit Wochen möchte ich mir vom Niedergang der Kammerspiele ein eigenes Bild verschaffen.  Aber es ist so schwer geworden, überhaupt einen Theaterabend zu finden, seit Matthias Lilienthal die Intendanz übernommen hat. Es kommt entweder nichts, weil eine Konferenz zur Weltlage stattfindet. Oder es gibt auf der Hauptbühne ein Konzert und in den so bedeutsam umbenannten Kammern 2 und 3 dann: nichts. Und ab und an wird gelesen… bitte nicht falsch verstehen: Lesungen sind als Ergänzung zum Theater keine schlechte Sache, aber eben nicht auf der Hauptbühne am Freitagabend, wenn auch sonst nichts anderes läuft.

All das muss ich mir auf einer Website mühsam rausfieseln, von der man eher Augenkrebs bekommt als Inspiration. Schaut selbst (übrigens, das scheint mir programmatisch, findet man kaum die Seite, auf der die Schauspieler – eigentlich die Stars und Lockvögel eines Theater – vorgestellt werden…):

Münchner Kammerspiele Website 2016
Startseite! Münchner Kammerspiele
Münchner Kammerspiele Website 2016
Programm auf der Website der Münchner Kammerspiele

Warum die Kammerspiele als von der Stadt subventionierte Theaterbühne den Münchner Konzertbetreibern zur Hauptspielzeit Konkurrenz machen müssen und die Bühne für Konferenzen blockieren, die sehr gut auch woanders stattfinden können, bleibt mir ein großes Rätsel. Mehr noch als unerklärlich finde ich es sehr traurig und der Stadt München mit seiner großen Theatertradition unwürdig. Es ist überdies auch ärgerlich, dass da einer aus Berlin kommt und denkt, wir brauchen hier Anarchie im Off-Theater Format. Nein danke!

Wie mag es bloß den wenigen Schauspielern gehen, die aus dem alten Ensemble noch da sind? Die großartige Brigitte Hobmeier spielt ihre neuen männlichen Kollegen in „Rocco und seine Brüder“ dermaßen an die Wand, dass es nur so kracht. Rocco und seine Brüder nimmt aber in der Inszenierung von Simon Stone eine so große Fahrt auf, dass man sich diesem Sog nicht entziehen kann –  auch wenn einen die Unterschichten-Milieustudie von Luchino Visconti von 1960, die hier in Neuzeit-Sprache auf jung getrimmt ist – nicht unbedingt interessieren muss. Alles in allem ein  Abend mit Gefühlen und Figuren, die einem nahe gehen. Das kann man sich anschauen. Eine sehr gute ausführliche Besprechung des Abends findet sich bei Nachtkritik.

Ansonsten kann ich derzeit für die Kammerspiele (nur) die wenigen übernommen Inszenierungen der letzten Spielzeit empfehlen, darunter:

  • Die Zofen von Jean Genet in einer Inszenierung von Stefan Pucher: am 9.2.2016 (tolle Schauspielerinnen, sehr kurzweilig und unterhaltsam)
  • Maria Stuart von Friedrich Schiller in einer Inszenierung von Andreas Kriegenburg am 14.2 (sehr toller Text von Schiller, den auch eine statische Inszenierung nicht tot kriegt).
 Oder: geht besser gleich ins Residenztheater!

 

KunstLiteraturTheater News

Rocko Schamoni im Münchner Volkstheater bei den Süd-Punks

November 22, 2015 — by Juli Tributs0

Rocko Schamoni im Münchner Volkstheater

Münchner Volkstheater, Samstagabend, 21.11.2015, 20 Uhr. Schon am Publikum im Foyer erkennt man – es findet wohl irgendwas hippes, cooles statt, wenngleich für die gehobene Altersklassse (E30/Ü40 und – wie wir später erfahren – lauter Punks… die andere Hälfte des Publikums besteht aus der Verwandtschaft von Rocko aus der Nähe von Weilheim).

München kann sich glücklich schätzen: Es ist Station von Rocko Schamoni’s Europatournee, die vorvorgestern in Leipzig begann, vorgestern in Regensburg ihren Peak hatte und gestern in München endete. Dementsprechend erschöpft ist Rocko, musste doch sowohl der Beginn als auch die Halbzeit gebührlich gefeiert werden. Er kuriert sich daher auf der Bühne mit Tegernseer. Und als bekennender Antinichtraucher gibt es später auch ein Zigarettchen. Die Show meistert der „King“ dann trotz der behaupteten Jämmerlichkeit mit Bravour. Er beglückt die Süd-Punks (das weiß doch jeder, dass München die Süd-Punkstadt ist :-)) mit Lesungen alter und neuer Texte, launigen kleinen Reflektionen über sich und  das Leben und macht dazwischen Musik mit seiner Band (zu der noch Tex Matthias Strzoda gehört und eine über Skype aus Hamburg eingespielte Hintergrundband, mal mit Ringo Starr mal mit Meik Jägger oder Elvis besetzt… ).

Rocko Schamoni ist ein smarter, lustiger und unterhaltsamer Entertainer. Einer, dem man stundenlang dabei zuhören und zusehen kann, wenn es aus ihm heraus sprudelt. Z. B. über die Dummheit in ihren verschiedenen Erscheinungsformen: zahlendumm (Rocko selbst), kunstdumm (die meisten anderen außer Rocko), sprachdumm (Männer im allgemeinen), raumdumm (Frauen im allgemeinen, weshalb es auch so schwierig mit den Männern und Frauen ist, denn der sprachdumme Mann kann der raumdummen Frau den Weg aus der Raumverirrung schlicht nicht erklären… naja, nicht alles ist hochgeistig, aber es läuft leicht runter auf der Showbühne und ist amüsant unterhaltsam).

Der Abend handelt aber auch davon, wie man dem Leben standhält („Wir müssen eine Mauer bauen, eine Mauer im Kopf…“), wie die Macht uns verändert („Angela“), man trotz Depressionen weitermachen (Lassie Singers) und selbst dann, wenn Dinge herunterfallen oder man wieder mal eine Teetasse umgeschmissen hat, sagen kann: egal, das Leben geht weiter…

Kostenprobe (Mauern):

Kostprobe (Angela)

Musikalisch erinnert Rocko Schamoni an vergangene Songs von Wegbegleitern, die weiterleben sollen. Er spielt u.a. den wunderbar depressiven Song der Lassie Singers  (heute gibt es davon nur noch Christiane Rösinger, die auch immer noch schreibt und singt): „Ist das wieder so ne Phase … oder bleibt es für immer so stehn, werd ich jemals noch in diesem Leben wieder aufstehn, mich anziehn und auf die Straße gehn…“ (in voller Länge zu finden nur unter Spotify!). Die Einspielung von Rocko’s Hintergrundband über Skype funktioniert zwar musikalisch gar nicht, aber das ist total egal, es geht hier nicht um musikalische Qualität im Vortrag, sondern um das Da- und Hiersein…

Grandios sind die unter dem Tarnnamen Kevin Bock geschriebenen schlechten Buchanfänge. Kevin Bock hat diese an Verlage geschickt, um sie dann zusammen mit den Absagen (… lassen sie sich von der Absage nicht abhalten weiter zu schrieben und versuchen sie es auf jeden Fall bei einem der anderen großen Verlage noch mal…) zu veröffentlichen . Auch schlechte Buchanfänge müssen aber erst einmal geschrieben werden und sind, wenn sie von Schamoni vorgetragen werden, zum quieken komisch. Wirklich „weak“ und sehr lustig: „Immer Ärger mit Herr Berger“. Die Geschichte vom Hund „Herr Berger“ hat die Verlage nicht mal mehr zu Absagen motivieren können… Schräger und sehr heiterer Ausklang eines launigen, erfrischenden, komischen Abends.

Rocko, bitte behalt die Punkstadt München als Station in deinen künftigen Welttourneen… – wir wären hocherfreut und danken es mit Treue.

Zum Abschluss noch ein offizielles Rocko Schamoni Video:

Theater News

„König Ödipus“ – Mateja Koleznik’s Sophokles Inszenierung am Residenztheater München

Oktober 19, 2015 — by Juli Tributs0

Thomas Lettow als König Ödipus am Residenztheater München: Er stemmt die Last der eigenen Existenz und kann doch seinem Schicksal nicht entfliehen 

 

Es gibt kein Entrinnen, es wird nicht gut gehen mit diesem Ödipus. Wir wissen es und schauen doch gebannt zu, wie Ödipus sich langsam, selbstquälerisch, als Mörder von Laios, dem eigenen Vater, und als Geliebter seiner eigenen Mutter, seiner Ehefrau Iokaste, entlarvt.

Auf der Bühne gibt es einen Krimi der feinsten Art. Hochkonzentriert ist das Spiel und die Sprache hinter der Wand aus Glas. Die trennt das Publikum von den Schauspielern. Sie alle bewegen sich in einem Kasten aus Fensterglas, vollkommen isoliert; nur durch Mikroports und Lautsprecher können ihre Gespräche nach draußen dringen. Es ist eine politische Bühne, wie wir sie von heute kennen, irgendwie weit weg und doch so nah und so klar. Wir schauen in das Foyer, vor dem Plenarsaal in dem die großen Staatsreden gehalten werden. Dieser ist auf der Bühne nur durch zwei Türen angedeutet. Aus ihr kommen und gehen die Anzugträger, um in Sitzungspausen Zigaretten rauchend zu beraten, zu intrigieren, zu tratschen. Thomas Grässle trägt als Diener mal leere mal volle Wasserbehälter über die Bühne. Wir hören aus dem Plenarsaal nur, wie Ödipus – noch ganz der stolze und starke König von Theben, verspricht, den Mörder von Laios zu finden, um damit Theben von dem Fluch der Pest zu befreien. Im Foyer qualmt daweil der einsame Aschenbecher, Wind wirbelt die Asche auf – das verheißt nichts Gutes.

Langsam tastet sich Ödipus, Frage um Frage aufwerfend, an die Wahrheit. Es gibt Momente der Hoffnung, die jedoch durch immer stärker werdende Indizien zunichte gemacht werden. Iokaste, unterkühlt und souverän gespielt von Sophie von Kessel, ahnt es schon etwas früher als Ödipus. Teiresias, der blinde Seher, altersweise wissend, wunderbar gespielt von Hans-Michael Rehberg, prophezeit es. Der Chor (gleichbedeutend mit Fraktion, Parlamentariern o.ä.), angeführt von René Dumont als leicht intrigantem Chorführer, tuschelt und berät, wird immer mehr zur Bedrohung. Die Regisseurin findet schöne treffende Bilder dafür, wie sich Erkenntnis und Zweifel schleichend durchsetzen, wie der Chor langsam dem Herrscher Gefolgschaft versagt.

Das muss man sehen! Man fühlt mit Ödipus und möchte ihm zurufen, glaub es doch endlich, du bist der Vatermörder, gegen dein Schicksal kommst du nicht an, also akzeptiere es doch. Als Ödipus sich am Ende verzweifelt selbst blendet, damit seine Augen nie wieder sehen müssen, was er angerichtet hat, fühlt man die Verzweiflung fast körperlich. Gibt es wirklich keine Alternative, als sich diesem Schicksal zu ergeben? Keine Vergebung für den, der nicht wußte was er tat und der doch eigentlich nur versucht hat, dem prophezeiten Unheil zu entgehen (dieses Unrecht scheint die Schuld für den tatsächlich verübten Totschlag an Laios, von der keine Rede ist, vollkommen zu überlegen…).

Thomas Lettow spielt den Ödipus mit einer großen Intensität. Es ist kaum zu glauben, dass er erst 29 Jahre alt und dies seine erste Hauptrolle ist. Man schaut ihm gespannt dabei zu, wie er fällt. Wie er am Anfang als der stolze Herrscher Thebens die Bedeutung der Worte von Teiresias nicht erkennen kann, der Zweifel aber doch an ihm nagt, er schonungslos aufklären will und dann um so härter vom Fluch der Wahrheit getroffen wird. All dies, von Sophokles ca. 429–425 v. Chr. dramatisiert, ist dem Heute gar nicht so weit entfernt. Da muss man gar nicht die prominenten politischen Enthüllungen und Skandale der letzten Jahre bemühen. Da kann man auch bei sich im Kleinen suchen. Wie lange verdrängt man bestimmte, unliebsame Wahrheiten, versucht, den Dingen besser nicht auf den Grund zu gehen. Mit welcher Wucht kann einen eine einmal erkannte Wahrheit dann doch treffen. Die Lebensfragen, die sich damals wie heute unverändert stellen, kreisen darum, ob es ein vorherbestimmtes Schicksal gibt und ob man diesem entgehen kann, lohnt es die Anstrengung überhaupt, wenn doch eh alles so kommt, wie vorgesehen. Wie weit reicht unsere Selbstbestimmung oder ist der freie Wille eine Mähr. Sicherlich gibt uns Sophokles Ödipus darauf keine befriedigende Antwort, aber Alternativen zur Selbstblendung sind denkbar.

Meine Empfehlung also: Der Abend am Residenztheater ist spannender und ergreifender als jeder Fernsehkrimi. Verdichtete Tragödie mit wunderbaren Bildern und großartigen Darstellen. Eine tolle Inszenierung von Mateja Koleznik! Unbedingt ansehen.

 

Theater News

Peaches rockt mit „Peaches Christ Superstar“ die Münchner Kammerspiele

Oktober 11, 2015 — by Juli Tributs0

„Peaches Christ Superstar“ zur Spielzeiteröffnung der Münchner Kammerspiele unter der Intendanz von Matthias Lilienthal 

 

Da ist sie nun, die neue Spielzeit,  lang ersehnt und viel vorab besprochen. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ein anderer Intendant vor Beginn der Spielzeit so viel Aufmerksamkeit erhielt – oder bewusst provoziert hat – wie es gerade bei Matthias Lilienthal zu erleben war. Eines lässt sich bereits jetzt sagen: es bewegt sich etwas. Die Kammerspiele verändern sich. In welche Richtung es dann wirklich geht, werden wir sehen. Ob die von Lilienthal angestrebte Verjüngung des Theaters dauerhaft eintritt, wird sich zeigen. Dafür ist Peaches Christ Superstar nicht exemplarisch, zieht Peaches doch ganz klar ein eigenes Fan-Publikum an. Und den ersten Abend (Kaufmann von Venedig, inszeniert von Nicolas Stemann) habe ich verpasst… meine Beobachtungen sind also (noch) sehr begrenzt.

Offensichtlich ist: Es gibt Party. Es werden neue Räume für Bars erschlossen. Es gibt das sog. Aquarium, unter der Spielhalle, jetzt Kammer 2. Dann ist das Foyer des Theaters zur Bar geworden. Partystimmung stellte sich denn auch Samstagnacht im Theater ein, was sicher vor allem an den Fans von Peaches lag. Danach, bei der After-Premieren Party hängen dann lauter fremde, sehr junge Menschen in der Kantine vom Blauen Haus rum. Außer den bekannten Kritikern, die teilweise fast verloren allein unter Fremden rumstehen (ein seltenes Bild) und ein paar wenigen Hausangehörigen, begegnen einem kaum mehr bekannte Gesichter. Klar, die Schauspieler der letzten Intendanz sind ja auch fast alle weg, was an einem Abend wie gestern dann doch recht schmerzlich klar wurde.

Und nun zu Peaches Christ Superstar. Keine echte Premiere, sondern eine Performance, die bereits 2010 im Hebel Theater am Ufer im Berlin und an vielen anderen Orten in Europa zu sehen war. Nun holt Lilienthal sie auch nach München, als musikalisches Beiwerk für seine fulminante Spielzeiteröffnung (an diesem Wochenende mit zwei echten Theater-Premieren: Ode to Joy und Kaufmann von Venedig und einer bereits in Weimar und Graz aufgeführten Performance von Rimini Protokoll Adolf Hitler: Mein Kampf, Bd. 1&2).

Peaches singt sich allein durch die letzten 7 Tage Jesu vor seiner Kreuzigung, nur begleitet vom Piano. Stimmgewaltig singt sie alle Rollen von Jesus und seinen Jüngern, über Pontius Pilatus, den Pharisäern, Judas bis zu Maria Magdalena. Sie singt schon gut, aber der Performance fehlt die Inszenierung und damit die Tiefe. Die Leidensgeschichte von Jesu lässt sich nicht erzählen, nur indem man je nach Rolle die Stimmlage und einmal das Kostüm ändert. So süß wie es klingt, wenn man es liest – Peaches verwirklicht sich mit ihrer Performance des Musicals von Lloyd Webber einen Mädchentraum, sie kennt „Jesus Christ Superstar“ seit Kindertagen auswendig – aber nur singen reicht hier nicht. Das mögen die Peaches Fans anders sehen, was auch einige Standing Ovation erklärt. Aber neben Peaches Glamour wären ein paar dramaturgische Ideen gut gewesen.

Erst ganz am Schluss, als Peaches (wohl nach der Gerichtsverhandlung unter Pontius Pilatus, so ganz folgen kann man der Handlung mangels Dramaturgie nicht) die Peitsche hervorholt und aus dem Publikum gerufen wird „Crucify him!“ gab es bei mir ein Schauern, eine Ahnung davon, wie es sich anfühlen kann, wenn der Mob geweckt wird. Am Ende hängt Peaches am Kreuz, schwebt über der Bühne und singt ihre letzten Worte „Lord forgive them, they don’t know what they are doing“. Das ist ein schönes Bild.

Und so vergeben wir Peaches und freuen uns, als wir sie später in echt, als Peaches (das bedeutet grell grün geschminkt mit krasser Frisur) in der Kantine wieder treffen. Sie sitzt da einfach so am Tisch, knutscht mit ihrem farbigen Boyfriend und klatscht uns ab, als wir ihr beim Vorübergehen kurz den Daumen hoch zeigen.

Die nächste Vorstellung von Peaches Christ Superstar ist am 22. Dezember. Wer Gesang mag, dem sei sie empfohlen. Wer echte Handlung erwartet, der kann sich kurz vor Weihnachten dann auch intensiv dem Weihnachtsbaum und der Festtagsgans widmen.

An den kommenden Inszenierungen an den Kammerspielen bleibe ich dran und hoffe auf schöne Theaterabende.

Theater News

„Sein oder Nichtsein“ am Münchner Volkstheater: Hingehen oder es Sein lassen, das ist die Frage…

Oktober 1, 2015 — by Juli Tributs0

Das Sommerloch ist schon lange zu Ende und es gibt erst jetzt wieder kulturphorische News. Dabei ist einiges passiert, über das es sich lohnen würde zu berichten. Ganz besonders schön war es zum Beispiel, die shabbyshabby apartments an dem Tag, als sie wie Pilze aus dem Münchner Boden schossen, zu suchen und zu finden… und zu fotografieren (mit übernachten darin wird es leider nix).

Für alle zum Raten – wo steht dieses goldene Prachtexemplar?

Aktion Kammerspiele München

Dann gab es schöne Momente in Münchner Galerien, aber auch fast zu lange her, um nun noch etwas konkret zu empfehlen.  Wahnsinn, wie schnell die voranschreitende Zeit die Ereignisse überholt. Aber wenn nun mal keine Zeit zum Schreiben ist, dann ist das schade, aber nicht zu ändern. Daher springen wir direkt zur Spielzeiteröffnung ins Volkstheater, Donnerstag, 27.09.2015.

Es hat Premiere: „Sein oder Nichtsein“ in einer Inszenierung von Mina Salehpour. Das Stück: Eine Tragikomödie über eine polnische Theatergruppe in der Zeit kurz nach Hitler’s Machtergreifung bis in die deutsche Besatzungszeit Polens.  Filmmusik Hollywood ertönt – eine Reminiszenz an die Filmvorlage von Ernst Lubitsch. Es öffnet sich eine Bühne auf der Bühne. Auf ihr proben – durchaus komisch – Schauspieler eine Groteske über Hitler und deutsche Nazis. Wir befinden uns in Warschau, im Theater. Dort wird angesichts der angespannten Lage 1939 die Premiere des Stücks verboten, kurz darauf greifen die Deutschen Polen an. Es ist Krieg und Warschau von den Deutschen besetzt. Die Schauspieler, vorher noch mit allerlei Liebesverwirrungen beschäftigt, sehen sich unvermittelter Dinge als Ensemble im Untergrund und es beginnt ein Kampf ums Überleben, der – so ist es im Film und im Theaterstück angelegt – bei aller Tragik stets auch Komödie ist.

Wer den Film nicht kennt (so wie ich bei der Premiere) hat möglicherweise einen unterhaltsamen Theaterabend. Es gibt hübsche Szenen, wenn der betrogene Ehemann den berühmten Hamlet Monolog „Sein oder Nichtsein“ spricht und jedes Mal ein junger Fliegeroffizier auffällig seinen Platz in der vordersten Reihe verlässt (was den eitlen Schauspieler zutiefst in seiner Ehre kränkt), um während des langen Monologs die Ehefrau des Schauspielers in ihrer Garderobe zu treffen.

Wer den Film kennt, dem gibt die Theaterinszenierung nichts. Zu viel Slapstick, zu wenig bleibt dabei von der Tragik in der Komödie. Für das spaßige Aneinanderreihung von komischen Szenen ist das Thema zu ernst. Und wenn dann ganz am Schluss plötzlich doch einer der Kameraden erschossen wird, kommt das einfach nur überraschend daher, nach all dem Klamauk. Die Stimmen nach der Premiere waren dementsprechend zwiespältig, einige fanden die Aufführung okay, andere grottenschlecht.

Mich hat die Aufführung zwar durchaus unterhalten, es bleibt aber ein unbefriedigtes Gefühl. Es fehlt der Inszenierung etwas – sie transportiert nicht den Ernst der Lage, nicht die Angst, die dem ganzen Treiben –  bei aller Komik – ja stets latent innewohnt.

Ich habe noch in derselben Nacht Filmausschnitte der Vorlage von Ernst Lubitsch geschaut. Schon in wenigen Minuten wird klar, dass der Film grandios ist und die Aufführung dagegen nicht ankommt. Daher ist meine Empfehlung: Den Gang ins Volkstheater kann man sich schenken und besser den auf DVD erhältlichen Film von Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1942 anschauen.

Hier noch eine kleine Kostprobe:

Theater News

Aus dem Sommerloch grüßt der neue Intendant der Kammerspiele und läutet seine erste Spielzeit ein

August 23, 2015 — by Juli Tributs0

Der Sommer hält Juli immer noch gefangen in seinem Loch. Aber das Ende des Sommerlochs naht!!! Es trudeln erste Einladungen zu Ausstellungseröffnungen für den September ein… Die Theater, allen voran die Kammerspiele und das Residenztheater, veröffentlichen ihre Spielpläne für die neue Spielzeit. Und, vor allem davon soll dieser Blog handeln: Auf der Webseite der Kammerspiele begrüßt uns Matthias Lilienthal, der neue Intendant der Kammer.

Er stellt sein Programm für die kommende Spielzeit und seine konzeptionelle Neuausrichtung für die Kammerspiele vor. Das Lesen hat mir gute Laune gemacht (auch wenn einige Zweifel bleiben, denn eigentlich möchte ich kein Off-Theater an der Kammer sehen :-)). Aber meine Grundeinstellung ist positiv. Ich freue mich auf Theater und es mir fehlt mir im August.

Motiviert durch sein Verständnis der Kammerspiele als Stadttheater, das er als „ein Gegenüber“ der Stadt und der in ihr lebenden Menschen begreift, möchte Lilienthal dieses weiter für die Menschen öffnen. Das ist konsequent, denn München hat sich in den letzten Jahren verändert. Die Stadt ist viel internationaler als noch vor wenigen Jahren. Nicht nur wegen der vielen Flüchtlinge (die er auch anspricht, was aber wohl eher als Haltung zu verstehen ist), sondern auch weil München als Wirtschafts- und Universitätsstandort Menschen aus der ganzen Welt zum Arbeiten und Studieren anzieht. Es ist auch mein Eindruck, dass junge und ausländische Bewohner der Stadt derzeit von der Theaterlandschaft vielleicht nicht ausgeschlossen, aber jedenfalls nicht von ihr angezogen werden. Das Verständnis von Theater, das einer kleineren gebildeten und wohlhabenderen (und dadurch naturgemäß älteren) Gemeinschaft vorbehalten ist, soll und darf sich ändern.

Daher öffnet er sein Theater für die nicht deutschen Bewohner der Stadt und spielt in so vielen Inszenierungen wie möglich englische Obertitel ein.

Er verjüngt die Kammer, in dem er viele junge Schauspieler und Regisseure holt und Off-Theater Projekte realisiert. Und er möchte ein jüngeres Publikum anziehen. Sehr lobenswert, das war auch die meinen Blog inspirierende Idee :-) Dafür bietet er für Studenten ein Jahresticket für 80 Euro, das sie zum Besuch aller Vorstellungen (außer Konzerten) berechtigt. Was für eine geile Aktion. Ich wünschte, ich wäre Student.

Er setzt aber auch die Internationalisierung des Theaters selbst, von Johan Simons begonnen, weiter fort und öffnet es für Schauspieler, Regisseure und Projekte aus dem Ausland.  Aus Paris kommt der Regisseur Philippe Quesne und aus Tokio der Autor und Regisseur Toshiki Okada. Er holt Rabih Mroué aus Beirut (gleich mit der 2. Premiere Ode to Joy am 10.10.). Namen dir mir noch nichts sagen, aber ich bin gespannt. Und google auch gleich noch mal alle.

Bevor es am 9.10. mit Shakespeare losgeht („Der Kaufmann von Venedig“ in einer Inszenierung von Nicolas Stemann) startet am 12.9. die Aktion Shabby shabby apartments. Morgen geht der Vorverkauf für die lustigen kleinen Buden im Stadtgebiet los. Ich geb mein Bestes, um am Telefon durchzukommen und ein Ticket für eine Übernachtung zu ergattern (http://raumlabor.net/shabbyshabby-apartments/). Und Matthias Lilienthal macht derweil Hausbesuche bei Abonnenten. Einzige Voraussetzung; Man muss 10 Freunde in seinem Wohnzimmer versammeln? Schaffen wir das?

Ich muss ansonsten hier nicht weiter wiederholen, was noch es künftig geben wird. Ich freue mich auf die Bühnenversion von „Mittelreich“, dem Roman von Josef Bierbichler über seine Familie in Ambach.  Gespannt bin ich auf die Inszenierung von Rimini Protokoll mit dem Namen Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1& 2. und auf vieles vieles mehr. Lest es selber nach:  http://www.muenchner-kammerspiele.de

Also, Kammer 1, Kammer 2, Kammer 3 (so heißen ab jetzt die Spielstätten Großes Haus, Werkraum, Spielhalle) – wir kommen!

Dies und DasKunst

Was tun im August in München? Kunst schauen und Eis schlecken…

August 8, 2015 — by Juli Tributs0

Es ist August. Es ist irre heiß. In München sind Sommerferien. Theater findet gerade woanders statt. Theaterkritiker haben es ziemlich gut, sie tummeln sich auf den diversen Festivals (z.B. Salzburger Festspiele, Ruhrtriennale). Juli Tributs ist in München. Und sucht nach Erlebnis-Alternativen. Es ist ja nicht so, dass einem nichts anderes als Theater einfällt!

Worüber macht man sich also am Ende einer heißen Woche, am späten Nachmittag bei fast 40 Grad, Gedanken? Über Eis… Über die nächste Wasserstelle, die man mit möglichst wenig Anstrengung erreicht und in die man seine Füße hängen kann… Über Terrassen, auf denen man mit einem kühlen Getränk in der Hand abhängen kann. Über sehenswerte Ausstellungen in klimatisierten Museumsräumen… Also, eins nach dem anderen:

Haidhausen hat eine neue Eisdiele!! Das Eis schmeckt köstlich und wer in seinem Viertel noch kein Eis aus echten Zutaten (nicht aus Pulver) hat, der kann zur Wörth-/Ecke Preysingstraße pilgern und sich dort ein paar riesige Kugeln abholen. Ich wage es mal zu sagen: Ich glaube es sind die größten Kugeln für das wenigste Geld in ganz München. Und es ist yammiiii…

Eisdiele in Handhohen München
Chocolatte Eis in der Wörthstraße

So erfrischt schnappt man sich aus dem Kühlschrank einen gekühlten Wein, packt die Badehose ein und radelt zur Isar. Das ist nun wahrlich keine neue Idee. Aber immer wieder eine gute! Ich garantiere, jeder findet dort noch (s)einen Platz, mal mit mehr und mal mit weniger Grillrauchschwaden, mal mit, mal ohne Musik. Und in jedem Fall ist die Isar schön kühl, man kann die Füße oder den ganz Körper eintauchen. Und nach Einbruch der Dunkelheit wird es sogar an einem Tag wie gestern (Freitag, 7. August) angenehm kühl. Und von dem Abend hat man auch am nächsten Tag noch was, meine Haare duften nämlich immer noch nach Grillkohle.

Isarauen in München
wir lieben unsere Isar

Wer über Donnerstagabende im August nachdenkt, der möge an die Goldene Bar im Haus der Kunst denken. Die riesige Terrasse mit den Wahnsinnssäulen öffnet sich auf der einen Seite zum englischen Garten, das bringt grüne Frische in das sonst urbane Ambiente. Es loungt sich ganz toll da, auch wenn das Abhängen in der Goldenen Bar seinen Preis hat. Zwei Gläser Weißwein, 18 Euro. Aber wir sind hart im Nehmen, sparen können wir an der Isar. Wenn es schön in der Bar ist und ein cooler DJ coole Musik von Platte auflegt, dann zahlen wir dafür jeden Preis. Dass es super da ist, haben natürlich viele andere auch kapiert. Es ist zum „sunny open air dj“ bis 22 Uhr gerappelt voll. Macht aber nix, es verteilt sich und die Leute kommen und gehen. Und wem es doch zu hipp und zu cool ist, der hüpft schnell zum Chinesischen Turm, immer noch einer meiner Lieblingsbiergärten in München. Lebendig, international und schön grün mitten in der Stadt.

Noch besser ist es, wenn man vor der Goldenen Bar am Donnerstag in eine oder mehrere Ausstellungen im Haus der Kunst geht (schafft man aber zeitlich nicht in einer Stunde!!). Am Donnerstag hat das Haus der Kunst, für alle denen es entgangen ist, nämlich bis 22 Uhr auf! Meine aktuelle Lieblingsausstellung dort ist die Tourneeausstellung des Goethe-Instituts (noch bis 11. Oktober 2015): „Geniale Dilettanten. Subkultur der 1980-iger Jahre in Deutschland„. Die Ausstellung präsentiert Bands der Subkultur, darunter die Einstürzenden Neubauten, Die Tödliche Doris, Der Plan, Freiwillige Selbstkontrolle (F.S.K.), Palais Schaumburg und Deutsch Amerikanische Freundschaft (D.A.F.). Es gibt von all diesen Bands Musikvideos. Es gibt Filme über die Musiker, Interviews, etc. Es hängt bildende Kunst aus der Zeit (Penk!) und es steht Möbeldesign aus der Zeit. Und für Fans: Die DDR-Band Ornament & Verbrechen ist dabei!! Für mich war das eine super spannende Reise in eine Zeit, die ich leider nicht erlebt habe, die ich aber sehr gerne erlebt hätte (ich war 1981 gerade mal 7 Jahre alt). Das waren coole Zeiten. Echt explosive Kreativität. Die Ausstellung ist absolut sehens- und hörenswert. Und wer den Gang ins Haus der Kunst bis Oktober nicht schafft, dem empfehle ich einen Besuch der Website vom Haus der Kunst, da sind einige Filme und Videos zu sehen!

Kunst gibt es aber nicht nur im Museum. Sondern auch in Galerien! Sehr schön und sehenswert ist die aktuelle Ausstellung „Cubanspaces“ mit Arbeiten von Katarzyna Badach (Malerei), Nathalie Grenzhaeuser (Fotografie) und Adidal Abou-Chamat (Video) in der Galerie Christa Burger (Theresienstraße 19, noch bis 25. September 2015). Die Künstler setzen sich in ihren Arbeiten mit dem urbanen Raum in Havanna und anderen Regionen Kubas auseinander, jeder auf seine Weise. Das ergibt ein eindrucksvolles Panorama der sich im Umbruch befindenden Insel. Die Fotos von Nathalie Grenzhaeuser zeigen Themenparks, Stadien, Promenaden, Volksfeste und öffentliche Plätze mit Denkmälern. Man kennt diese Orte, die mit großem sozialistischem Pathos daher kommen, aus den Ostblockländern, nur sind sie in Kuba wieder ein bisschen anders… verfallen stehen sie bizarr im karibischen Ambiente. Das ist schön zu sehen.

Sehr gefallen haben mir die Arbeiten von Katarzyna Badach. Ihre Malerei- und Aquarellarbeiten erwecken auf den ersten Blick den Eindruck von farbenfroher Karibik. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man, dass es sich um verfallene, verlassene Orte handelt. Es sind keine Blumen, sondern abgeblätterte Wandflächen einer alten Fabrik oder eines aufgegebenen Hotels. Jeder der Kuba kennt weiß, wie viel Realität diese Bilder zeigen und kennt den ganz eigenen Reiz, den die Verfallenheit der Orte entfaltet. Aber schaut selber! Die Galerie ist den ganzen August über offen.

Und es gibt natürlich auch noch viel mehr. Das war nur meine Auswahl der letzten Tage. Und der August ist noch nicht zu Ende! Also werft euch in die Fluten der Isar und ins Getümmel der Goldenen Bar. Hüpft in die Galerien und schleckt zwischendurch ein Eis. Sommer Juhu!

 

Film News

„Taxi Teheran“: Mit Jafar Panahi unterwegs durch die iranische Gesellschaft

Juli 29, 2015 — by Juli Tributs0

Endlich gibt es mal wieder einen Film, der mir sehr am Herzen liegt, der nahe geht, der tiefgründig, dabei aber witzig und leicht erzählt ist und den ich uneingeschränkt jedem zum Anschauen empfehle: „Taxi Teheran“

 

Mit Taxi Teheran hat Jafar Panahi  den Goldenen Bären der Berlinale 2015 gewonnen
Taxi Teheran von Jafar Panahi ist in den Kinos!

Es ist der dritte Film, den der iranische Regisseur Jafar Panahi seit 2010, dem Jahr seiner Verurteilung zu 6 Jahren Haftstrafe und zu 20 Jahren Berufs- und Reiseverbot im Iran gedreht hat. Er setzt sich über sein Berufsverbot und all die Risiken, die mit diesem Vergehen verbunden sind, einfach hinweg, und das unter Teilnahme der internationalen Öffentlichkeit. Denn auch diesen Film hat er, wie bereits die beiden Vorgängerfilme, aus dem Land und auf die Berlinale geschmuggelt. Dort hat er für „Taxi Teheran“ den Goldenen Bären bekommen. Nun ist der Film in den deutschen Kinos. Ist das nicht beeindruckend? Nicht zuletzt wegen dieser internationalen Anerkennung hat ihn das iranische Regime bislang verschont. Statt im Gefängnis sitzt er – wenn auch nur für den Film – im Taxi und filmt mit Hilfe von drei Digitalkameras sich selbst, seine Insassen und manchmal auch die Welt draußen.

Das Taxi ist die Schutzzone in der Öffentlichkeit, die Kameras verlassen diesen Raum nicht und geben Panahi, seinen Gästen und ihren Gesprächen den Schutz, den sie im Iran unter der schiitischen Regierung immer noch brauchen. Dieses Arrangement ist aufgeladen mit Bedeutung – so ist das Taxi für die Bewohner Teherans offenbar auch im echten Leben ein Ort, an dem man offen sprechen kann. Man steigt zu, andere Gäste sitzen schon drin, man redet, niemand bleibt lang genug als das es gefährlich werden könnte, hier seine Meinung zu sagen. Gleichtzeitig ist das Taxi Sinnbild für die räumliche Enge, die das Reise- und Berufsverbot für Panahi und – um den ganz großen Bogen zu spannen – das Verbot von Meinungs-, Religions- und Pressefreiheit für die Bürger Irans mit sich bringt. Es ist geniales Mittel, um nicht nur Menschen, sondern vor allem ihre Geschichten zu transportieren.

Durch die Geschichten seiner zusteigenden Gäste zeigt uns Panahi ein Bild der Gesellschaft und ihrer aktuellen großen Themen. Diese überschneiden sich auf ganz leicht erzählte Weise mit dem Leben von Panahi selbst. Es geht gleich zu Beginn schon um nichts Schwierigeres als die Todesstrafe. Leicht wird das Gespräch durch die Personen, die es führen: Ins Taxi steigt ein massiger Mann mit großspurigem Auftreten und Silberkette um den Hals, er plädiert dafür, dass der Dieb von vier Autoreifen die Todesstrafe verdient. Die dazukommende Volkschullehrein verurteilt diese Haltung aufs Schärfste. Es werden Argumente ausgetauscht bis der Mann aussteigt und dabei – kleine Pointe am Schluss – zu erkennen gibt, dass er ein Taschendieb ist.

Gleich der nächste Mitfahrer ist ein Dealer. Er handelt mit der vielleicht wichtigsten Droge in einem Land, das keine Meinungsfreiheit duldet: Mit ausländischen Filmen. Wer solche Filme schauen will, wird ebenso wie derjenige, der sie anbietet, in die Illegalität getrieben; so wie Panahi (der vom Dealer als ehemaliger Kunde und als Regisseur, der wohl gerade einen Film dreht (?) „erkannt“ wird). Die Überschneidungen zu Panahi’s eigenem Leben setzen sich fort, als der Kunde des Dealers auftaucht. Er ist ein angehender Filmregisseur der hofft, durch das Schauen mehr oder weniger schlechter US-amerikanischer Filme zu Inspirationen für einen eigenen Stoff zu kommen und Panahi sein Leid ob seiner Einfallslosigkeit klagt. Für Panahi  kaum zu fassen, liegen doch die großen Themen auf der Straße, direkt vor einem, wenn man nur rausgeht (aus der privaten Schutzzone der eigenen vier Wände). Wie leicht es ist, sie zu erzählen und wie gefährlich, sich an sie zu wagen.

Es steigen zwei alte, schwarz verschleierte Frauen zu, die zwei Goldfische im Glas transportieren und sie in der Ali-Quelle aussetzen wollen. Dies soll sie vor dem Tod bewahren. Der theokratische Staat, der seit der islamischen Revolution 1979 keine anderen Religionen zulässt, scheint ein guter Nährboden für Aberglauben. Um den Tod und sein Folgen für die überlebende Ehefrau geht es auch bei den nächsten Gästen. Der Mann wurde bei einem Autounfall verletzt und wird von seiner Frau blutend ins Krankenhaus gebracht. Er diktiert sein Testament in das Handy von Panahi, in dem es allein darum geht, seine Ehefrau, die nach seinem Tod rechtlos wäre, vor der Gier seiner Brüder zu schützen. Wie weit ist ein Staat von seinen Bürgern entfernt, wenn er seine Frauen derart rechtlos stellt.

Es folgt der niedlichste Auftritt im Film. Die Nichte von Panahi, die unglaublich süße, altkluge und sehr gewitzte 8-jährige Hana Saeidi wartet vor der Schule, an der sie Panahi abholt. Ihre Geschichte gibt anschaulich wieder, womit Panahi zu kämpfen hat: die Unmöglichkeit, einen staatskonformen Film im Iran zu produzieren und zu zeigen. Hana ist dabei, für ein Schulprojekt einen Film zu drehen. Dieser soll einerseits die Wirklichkeit zeigen. Andererseits hat die Lehrerin dafür einen riesigen Katalog an Regeln mitgeteilt: Neben den Kleider- und Verhaltensregeln (Männer sollen keinen Anzug und Krawatte tragen, es dürfen keine Beziehungen zwischen Mann und Frau gezeigt werden usw.) bereitet es Hana vor allem Sorge, wie sie es schaffen soll, keine „Schwarzseherei“ zu filmen. Wie kann sie Realität filmen unter diesen Regeln? Egal was sie filmt, es wird den Zensoren nie gefallen, weil die Realität den strengen Filmregeln nicht entspricht. Das sieht ja jedes Kind! Wie könnte man von der Unmöglichkeit, einen realistischen Film im Iran zu drehen, leichter und augenzwinkender erzählen, als durch die Brille eines Kindes…

Die wohl beeindruckendste Szene aber ist der letzte Auftritt einer lächelnden, farbenfrohen (nicht schwarz verschleierten) sehr zarten Dame mit einem roten Rosenstrauß. Sie ist auf dem Weg ins Gefängnis, um eine weibliche Gefangene im Hungerstreik zu besuchen. Sie ist neben dem Regisseur und seiner Nichte Hana die einzige, die sich selbst unter ihrem echten Namen spielt. Sie macht das, weil sie – im echten Leben! – unfassbar mutig ist und weil sie wahrscheinlich eh nichts mehr zu verlieren hat: Es handelt sich um Nasrin Sotudeh, eine der bekanntesten Anwältinnen und Menschenrechtsaktivistinnen im Iran. Sie war über Jahre inhaftiert und selber im Hungerstreik. Und sie erträgt die Repressalien des Staats mit offenbar unerschütterlichem Gleichmut: Lächelnd plaudert sie mit Panahi über die Methoden der Einschüchterung und Unterdrückung in einem Unrechtsstaat, die beide am eigenen Leib erfahren haben und mit denen beide tagein tagaus kämpfen.

In dieser Leichtigkeit, mit der diese Plauderei daherkommt, kulminiert die große Haltung beider Protagonisten: Sie bleiben im Land, sie lassen sich trotz aller Versuche der Einschüchterung weder ihren Mund noch ihren Beruf verbieten und auch sonst nicht unterkriegen. Mit innerer Leichtigkeit, so zeigt es der Film, mit Witz und einem Lächeln auf den Lippen kämpfen sie weiter, für sich, ihre Mitbürger und ihre Ideale. Das verdient größten Respekt und Anerkennung. Deshalb und weil er trotz seiner Tiefgründigkeit großen Spaß macht, muss man den Film schauen und darf sich von ihm für’s eigene Leben ein Stück Gelassenheit und ein Stück Mut abschauen.