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Theater News

Juli im Sommerloch mit Kammerspiele Abschiedsweh

Juli 24, 2015 — by Juli Tributs0

14 Tage seit der letzten Veröffentlichung. Was macht Juli nur? Sie treibt sich schon rum, auch kulturell, nur hat sie darüber nicht schreiben können. Sie ist gerade etwas zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, gemeinhin auch Arbeit genannt. Und dann ist da noch die Hitze und der See…

Gmund am Tegernsee
Mein Tegernsee

Aber heute muss es wieder mal sein. Zeit für ein Resumé:

Juli war in der letzten Vorstellung von Lola Montez am Residenztheater, einem Operettenklamauk-Abend von ihrem Berliner Theaterliebling, Jürgen Kuttner, speziell für das Cuvilliétheater maßgeschneidert. Darüber wollte sie aber nicht schreiben. Es hat ihr nicht gefallen. Erwartet hat sie eine freche kluge Inszenierung. Bekommen hat sie viel Operetten Schmonzette in verstaubter Kulisse und ollen Kleidern. Genau fünf Minuten waren witzig, als Kuttner in gewohntem Schnellsprech nach Videoschnipsel-Manier in einer „Reflexionspause“ erklärt, wie er „von Hegel bis zu Lola Montez kegelt“. So hätte der Abend inszeniert sein müssen, war er aber nicht. Weil es aber eh der letzte Abend war, muss man sich über Empfehlung ja/nein keine Gedanken machen. Und besser auch nichts weiter schreiben darüber.

Dann nimmt Juli mit viel Wehmut von Inszenierungen, Schauspielern und einer ganzen Kammerspiele-Ära Abschied. Jeden Tag sagt das Programm der Münchner Kammerspiele, „Zum letzten Mal!“. Freunde von Juli sind plötzlich im Hype, sie wollen alles noch sehen und gehen fast jeden Tag ins Theater. Das ist schön zu sehen, ich fühle mich dafür (mit)verantwortlich. Aber es ist eben auch traurig, wenn alles vorbei geht.

Ich habe auch noch letzte Abende an den Münchner Kammerspielen gesehen: Dem Himmel sei Dank war ich noch in „Späte Nachbarn“ – Zwei Séancen von Alvis Hermanis nach Geschichten von Isaac B. Singer. Ein grandioser Abend. Alles toll toll toll. In der ersten Séance sieht man André Jung als 85-igjährigem jüdischem Kauz beim Leben zu in seinem Beach Apartment bei Miami. Er verliebt sich für einen Tag in seine neue, verwitwete Nachbarin, ebenfalls grandios von Barbara Nüsse gespielt, und dreht dabei noch mal richtig auf. In der zweiten Séance sind die beiden alte Nachbarn in New York, Andrè Jung darf an ihren telepathischen Séancen teilnehmen in einem wunderbar verramschten Yoga-Indienkult-Bühnenbild. Das ist ein Theater! Und ist an Schauspielkunst kaum zu übertreffen.

Sehr schön war auch „Hundeherz“ von Michail Bulgakow in der Regie von Matthias Günther. Ein lustiger kurzweiliger Theaterabend. Beide Inszenierungen zeigen, dass man Romanadaptionen doch sehr gut auf eine Theaterbühne bringen kann.

Die Zofen von Jean Genet (Regie Stefan Pucher) haben mich auch überaus gut unterhalten: Brigitte Hobmeier und Annette Paulmann als den zwei Zofen Claire und Solange bei ihrem leicht sadomasochistischem Rollenspiel und Wiebke Puls als gnädiger Frau zuzusehen, ist die reine Lust.

Am kommenden Samstag (25.7.) gibt noch eine letzte große Finaleparty an den Kammerspielen. Und dann ist Schluss mit der Intendanz von Johan Simons. Ob wohl in jedem Abschied ein guter Neubeginn liegt? Vergleicht man die alte und die neue Web-Seite der Münchner Kammerspiele (schon zu sehen für die Spielzeit 2015/16) wird die Wehmut erst mal nur größer. Schaut selbst. Grellgelb ist auch eine Farbe.

Vor dem Ende der Simons-Ära gibt es noch einmal André Jung, meinen absoluter Lieblingsstar (neben vielen anderen Lieblingen). Er ist noch ein letztes Mal zu sehen am Samstag in Hiob, aber es ist ausverkauft. Juli weint und fährt deshalb besser an den Schliersee. Dort ist das ganze Wochenende Seefest. Das ist immer sehr schön, am Samstagabend kann man romantisch mit einem lampionbestückten Bötchen über den See schippern  und das Feuerwerk genießen.

Und dann kommt: das Sommerloch. Was das wohl bringt?

Theater News

„der die mann“ nach Konrad Bayer an der Volksbühne Berlin

Juli 11, 2015 — by Juli Tributs0

Herbert Fritsch hat die Essenz eines geschriebenen Lebenswerks genial, hochästhetisch und amüsant auf die Volks(Bühne) gebracht.

Ich bin dafür aus München angereist. Es ist Freitag. Zweieinhalb Stunden nach Landung und fünf Stunden nach der Flucht vom Schreibtisch in den Werken sitze ich, umgeben von vier Freunden, in der ausverkauften Volksbühne in Berlin, Reihe 7. Es geht los.

Schon der Beginn ist grandios. Die ersten Minuten berauscht uns Musik. Fulminant. Vier Live- Musiker (unter Leitung von Ingo Günther) die uns sofort in Stimmung bringen. Dann öffnet sich der Vorhang. Uns flasht die rot ausgeleuchtete Drehbühne, auf der sich die Showtreppe und ein schrill gelber überdimensionierter Grammophontrichter im Kreis drehen. Wie Wachsfigurenpuppen sitzen plötzlich bei der nächsten Umdrehung die Schauspieler auf der Treppe, wie im Spuk verschwinden sie wieder von dieser und stehen bei der nächsten Drehung hinter hier. Die Magie des Abends beginnt. Die sieben grandiosen Darsteller, sie stecken in knallfarbenen Latexanzügen und -kleidern, ihre Gesichter maskenartig, Barbie und Ken in Porzellan gegossen, Popartfiguren. Sie sprechen Bayer’sche Wortschlangen in unfassbarer Geschwindigkeit und Exaktheit, mal im Chor und mal allein. Sie jumpen am Gummieseil in den Himmel und wieder hinab. Sie liegen auf dem Boden und werfen Schatten an die nun nicht mehr rot, sondern grün ausgeleuchtete Wand. Wie Käfer bewegen sie sich am Boden und in ihrem Schattenspiel entstehen vielarmige Insekten am Bühnenhimmel. Das sind Vexierbilder, Sprache ist Magie und so ist es das Theater, mit allem drum und dran, Kostüm, Licht, Spiel oder Schattenspiel. Allein diese ersten 15 Minuten in popfarben sind so bizarr kreativ und ästhetisch, dass eine Steigerung nicht vorstellbar ist. Aber so überraschend vielseitig die Sprachfantasien von Konrad Bayer, so faszinierend sind die Umsetzungen von Herbert Fritsch. Wir jedenfalls sind schon zu Beginn nicht nur begeistert gebannt, sondern auch total scharf: auf die knalligen Gummianzüge! Und auf mehr gesprochene und inszenierte Wortakrobatik. Und auf Gummieseilhüpfen.

Zu dieser Wahnsinnsinszenierung von Fritsch muss man wissen, er huldigt offenbar einem Idol. Konrad Bayer. Mitglied der Gruppe 47. Dadaist. Geboren 1932 in Wien. Sein Hauptwerk fasst 450 Seiten Kleingeschriebenes. Es ist entstanden bis 1964, dem Jahr, in dem er sich mit 32 Jahren umgebracht hat. Möglicherweise, so lese ich, weil seine Texte in der Gruppe 47 nicht so aufgenommen wurden, wie er es wünschte, vielleicht aber auch, weil er als echter Wiener generell des Lebens müde war… Who knows. Rock me Amadeus.

Die Inszenierung von Fritsch, über 50 Jahre nach dem Tod von Konrad Bayer, vereint die Kulturgeschichte dieser gesamten Zeit bis heute, nun ja, eigentlich der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts: ohne Anspruch auf Richtigkeit oder Vollständigkeit sehe ich Andy Wahrhol und Pop Art, Madonna und Barby, Beatles und dann schon Musical und 80ies Glamour mit Showtreppe, es ist Rocky Horror Picture Show und Greece, Nina Hagen und Neue Deutsche Welle und vieles mehr (ich hoffe Fritsch reißt mir nicht den Kopf ab, naja, er wird es nicht lesen…)

Zurück zum hier und jetzt. „der die mann“ geht weiter. „franz goldenberg kam zur tür herein und gab mir die hand. dr. ertel gab marion bembe die hand. marion bembe gab dr. aust die hand. dr. aust gab dr. herbert krech die hand. dr. herbert krech gab fräulein gisela lietz die hand…“ Und so geht es weiter bis einer aufgefordert wird, den Empfang unverzüglich zu verlassen (in heutigen Zeiten der Autokorrektur hätte Bayer mit dem Kleinschreibtick allein deswegen schon Anfälle bekommen…)

Es ist ein rauschendes Sprech- und Spielfest. Wer Konrad Bayer nicht kennt, kennt vielleicht Ernst Jandl oder H.C.Artmann. An Jandl erinnern die mäandernden Tautologien, Bayer formt endlose Wortschleifen deren Sinn man(n), wenn sie einen haben, bei der Schnelle und dem Rhythmus nicht wirklich erfassen kann. Beispielhaft, herrlich sinnentleert steht dafür „der Karl im Karl“. Darin geht es ungefähr etwa 20 Minuten darum, dass: der Karl, der erscheint mit Karl auf dem Karl, der vor dem Karl sich auf den Karl wirft, in den Karl hineingeht und neben dem Karl steht… (oder so ähnlich, mitschreiben hoffnungslos).

Dazwischen gibt es Slapstick am und mit dem Mikrofon. Die Ständermikrofone sind hier eigenständige Wesen, ein gelbes, ein rotes ein blaues. Schwer zu bändigen, so wie die Wortmäander von Bayer, nehmen sie Besitz von ihren Schauspielern. Das ist so lustig, dass ein anwesendes etwa achtjähriges Kind im Publikum mit Lachen gar nicht mehr aufhören kann, wir Erwachsene tun es ihm gleich.

Dann kommt „der die mann“ in drei Fassungen. Das muss man sehen und hören. Es ist Nonsens und Wortakrobatik, komisch schräg, dada, toll. Danke an Herbert Fritsch, der uns mit solch einem Abend beschenkt.

Auf nach Berlin. Die Volksbühne macht kurz Sommerpause und dann geht es mit „der die mann“ weiter. Ich möchte mit allen meinen Freunden jeweils einzeln noch mal reingehen. Ich glaube, dann spielt die Volksbühne es für mich noch Jahre. Oder bis Chris Dercon übernimmt.

Kunst

MaximiliansForum: Kühler Ort für Kunst im Untergrund von München

Juli 1, 2015 — by Juli Tributs0

Kunst im MaximiliansForum – Passage für interdisziplinäre Kunst

Es wird heiß die nächsten Tage in München. Perfekt für eine kurze Verschnaufpause im Münchner Untergrund. Es locken die gelben Schilder, die den Namen des städtischen Kunstraums für die angewandten Künste sowie für interdisziplinäre Kunst- und Kulturprojekte tragen:  MaximiliansForum.

Es geht an vier Abgängen runter, direkt unter die Maximilanstraße. Man betritt eine kühle und wunderbar im Design der 70er Jahre hellblau gekachelte Fußgängerpassage, die seit den 70ern der Kunst dient. Die Rolltreppen sind außer Funktion und wild von Pflanzen überwuchert. Das allein hat schon eine starke Ästhetik, die in gutem Kontrast zur sonst modern durchgestylten Fassadenwelt der großen Marken in der Maximilianstraße steht.

MaximiliansForum, städtischer Kunstraum
Untergründiges MaximiliansForum in München

Nun gibt es dazu aber auch noch zwei sehr sehenswerte Projekte zu sehen.

Noch bis zum 26. Juli 2015 läuft hier die Zweikanal-Videoanimation „The very moment“ der Künstlerin Veronika Veit. Die Installation passt perfekt in den Raum. Das Video zeigt eine Szenerie, in der sich die Zeit ineinander faltet. Eine Frau bewegt sich, so wie auch ihre Katze, im Zimmer und begegnet sich scheinbar immer wieder selbst. Es gibt kein Vorher oder Nachher, sondern nur den einen Moment. Das ist schön und zugleich auch witzig anzuschauen. Man beobachte die Katze! Die Ohren bekommen coolen Klangsound, der im Untergrund ganz besonders zur Wirkung kommt. Dazu gibt es noch recht theoretische Überlegungen zur Quantenphysik und zum Zeitmodell der Unschärferelation. Anschauen und Anhören lohnt sich.

Veronika Veit im MaximiliansForum
„The very Moment“ – Videoinstallation von Veronika Veit

Gegenüber schaut man auf ein Projekt der TU München: C9 layer_department of architecture_TUM. Erster Sinneseindruck kommt von der Nase: es riecht nach Erde und nach Champignons. Erst nach und nach erschließt sich, dass der Glaskasten vor einem tatsächlich voller Erde ist und aus der Erde vereinzelt Pilze wachsen. Das alles wirkt im ganzen Kunstzirkus wunderbar erdig und geerdet. Ein pilziges, landschaftsplanerisches Experiment der Fakultät für Architektur der TU München.

MaximiliansForum zeigt: layer_department of architecture_TUM
Da wächst der Pilz! Projekt layer_department of architecture_TUM

Hier rennt die Zeit zum Anschauen davon – das Projekt endet nächsten Dienstag, dem 7. Juli 2015. Es gibt ab 19 Uhr die Abschlussveranstaltung mit Pilzverkostung!

Also noch schnell hin, bevor die Pilze verspeist sind.

 

Kunst

Lenbachhaus präsentiert Kunst nach 1945 neu: „So ein Ding muss ich auch haben“

Juni 23, 2015 — by Juli Tributs0

Wer denkt, die Sammlung zeitgenössischer Kunst (Kunst nach 1945 bis heute) im Lenbachhaus hat er schon gesehen und spart sich so die nächsten Jahre einen Besuch, der irrt! Man muss auch nicht mehr auf neue Ausstellungen im Kunstbau warten, nur um danach – zur Hebung der guten Laune -noch schnell zu den Objekten von Erwin Wurm ins Lenbachhaus rüber zu hüpfen. Nein, man kann einfach den seit Mai diesen Jahres neu konzipierten Bereich „Kunst nach 1945“ im 1. Stock besuchen. Und so schnell, wie die letzten zwei Jahre nach Wiedereröffnung des Lenbachhauses vergangen sind, vergehen auch die nächsten zwei Jahre bis zur angekündigten nächsten Neukonzeption. Sure.

Im Mittelpunkt der neuen Präsentation steht der Laden 1975-2015 von Hans-Peter Feldmann. Feldmann hat seit 1975 in seinem Laden in Düsseldorf tausende von kleinen, mal mehr mal weniger kitschigen Objekten gesammelt. Nun hat er seinen Laden in die Museumssammlung des Lenbachhauses überführt. Dort steht er nun und ist voll mit allerlei Krimskrams, angefangen von Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald über knall-bunte Nippes-Highheels, coole Autos im Miniformat bis zur quietsche-gelben Plastikente.

Mir persönlich reicht darauf ein kurzer Blick. Ich genieße die Räume, die der Münchner Urban Land Art gewidmet sind und neben den Werken von Hannsjörg Voth auch Arbeiten von Michael Heizer zeigen, die während seines Münchenaufenthalts in den siebziger Jahren entstanden sind.

Michael Heizer Munich Urban Land Art
Michael Heizer Munich Depression und Munich Optical Painting I

Die Ausstellung legt einen Schwerpunkt auf die Münchner Malereigeschichte von der Nachkriegszeit bis in die unmittelbare Gegenwart. Ein Raum zeigt ausschließlich Werke der Münchner Künstlergruppe SPUR. Besser gefallen mir die Arbeiten von Asger Jorn, einem dänischen Künstler, der etwa zur gleichen Zeit wie SPUR in München aktiv war.

Asger Jorn, Modification, Two Penguins, Lenbachhaus
Asger Jorn, Modification, Two Penguins

Asger Jorn und Jacqueline de Jong haben in ihrer Münchner Zeit auch den Film „So ein Ding muss ich auch haben“ (Regie: Albert Mertz) produziert. In dem schießt ein Kind immer wieder einen Ball vom Balkon auf die Straße, der dann von einem Mann, immer wieder hochgetragen wird. Endlosschleife wird hier gespielt. Das ist witzig. Der Film gibt der aktuellen Präsentation ihren Titel.

Es gibt eine schöne konzeptuelle Neuerwerbung von Andrea Büttner zu sehen, die einen ganzen Raum gestaltet hat.

Andreas Büttner im Lenbachhaus
Andreas Büttner, Brown Wall Painting

Ich mag auch die Malerei der Münchner Künstlerin Hedwig Eberly.

Hedwig Eberle im Lenbachhaus
Arbeiten von Hedwig Eberle

Und den Raum mit den Werken von Heinz Butz.

 

Es gibt natürlich noch viel mehr zu sehen. Und es ist für jeden Geschmack etwas dabei.

Auf dem Weg nach draußen, unten im Erdgeschoss, kommt man noch an einer Arbeit von Judith Hopf vorbei, sie hat dem Lenbachhaus ihre Schafe geschenkt.

Judith Hopf im Lenbachhaus
Judith Hopf, Untitled (Sheep), 2013

Also, zwei Jahre Zeit ins Lenbachhaus zu gehen. Schaut die neue Sammlungspräsentation. Es lohnt sich.

Reiseberichte

Via Cáparra und Baños de Montemayor, die Bäder am großen Berg

Juni 21, 2015 — by Juli Tributs0

Mittwoch, 3. Juni, 13. Tag:

Heute ist der Tag, an dem wir Etappen überspringen werden. Wir wollen nach Cáparra, dem alten römischen Triumphbogen. Das wären von hier aus 71 km durch die Extremadura. Die kann man in zwei Tagen auch zu Fuß schaffen, wir sparen uns aber lieber einen Tag. Wie wir das genau anstellen, wissen wir beim Aufstehen noch nicht. Was wir aber schon wissen, es gibt in Cañaveral, dem nächsten Ort auf unserem Weg, eine Churreria. Das haben uns zwei Mädels erzählt, die gestern Abend auf eine Cola in unser Hostal gekommen sind. Churros zum Frühstück mögen wir, zwei Stunden vor und nach Sonnenaufgang laufen und dann die erste Belohnung abholen.

Die Nacht war heiß, es hat sich wegen der Terrasse vor unserem Fenster nicht so recht abgekühlt. Ich war daher tausend mal wach und froh, als wir viertel vor 6 h aufstehen konnten. Es gab sogar, was eher selten vorkommt, ein kleines Frühstück für uns. Die anderen Pilger waren auch schon wach. Es beginnen die üblichen Gespräche, wer läuft wie und wohin, man kann die Asphaltstraße laufen und spart damit 3 km. Oder man nimmt den schöneren, aber längeren Wanderweg. Dann haben irgendwelche Herbergen geschlossen, das führt bei manchen zu leichter Panik. Der Italiener hat die Nase voll von der Extremadura, zudem hat er sich von der Pasta mit Paprika-Tomatensoße den Magen verdorben… Oh weh…. Wir haben keine Lust auf solche Diskussionen. Wir wollen auch keine Straße und am morgen lieber auch keine Gruppe. Also verabschieden wir uns rasch, auch mit dem Wissen, dass wir niemanden wieder sehen werden, wenn wir springen.

Und schon sind wir draußen unter mondhellem Himmel, es ist halb 7 und es weht frische kühle Luft. Es ist dies die Zeit am Tag, in der wir uns wunderbar fühlen. Der Mond scheint auf den See. Das gibt ein schönes Panorama.

Alcántara Stausee kurz vor Sonnenaufgang
Wir laufen mit dem Mond über dem Alcántara Stausee

Gleich geht die Sonne auf, die Vacas und Toros glotzen uns mampfend an, ansonsten sind wir allein unterwegs. Die Welt gehört uns, wir sind ganz einig und seelig und glücklich.

Kurz nach 9 Uhr betreten wir die Churreria in Cañaveral, fertige Churros warten schon, es gibt Kaffee und Chocolate. Der Italiener und der Franzose tauchen auch auf, sie haben ja abgekürzt… der Italiener, aus Turin kommend, schaut abschätzig auf unseren riesigen Berg mit Churros: sowas ißt man bei uns in Neapel auch… der Franzose ist offen für alles und probiert ein Stück von mir und gibt wohlgefällige Schmatzlaute von sich, doch gar nicht so übel, die Churros. Wir verabschieden uns nun endgültig von den beiden und laufen Richtung Landstraße.

Dort sehen wir vor einem kleinen Hotel einen Mann, der einen Van bepackt. Schnell fragen, ob er uns mitnimmt. Nach einem kurzen Routenabgleich, sagt er ja. Aus dem Hotel kommen nach und nach immer mehr Rentner, die alle in unser Auto einsteigen, einer nach dem anderen. Mein spanischer Begleiter hat einer der ältlichen Damen angeboten, sie könne zur Not auf seinem Schoß sitzen, woraufhin sie dankend ablehnt und sagt, sie sei mit ihrem Ehemann unterwegs. Es geht dann genau auf, als alle drin sind, eng gepackt in der hintersten Reihe die senioren Mädels, bleiben genau zwei Plätze frei. Die sind für uns.

Noch einmal umsteigen, auch das zweite Auto hält sofort an, und wir sind in Carcabosa. Wir sind 38 km gesprungen, es hat keine Stunde gedauert. Von hier sind es noch 20 km bis Cáparra. Es ist kurz nach 11 Uhr, noch nicht so richtig heiß und wir denken, das können wir schaffen.

Die Landschaft ist schön grün, es fließt Wasser in einem kleinen Kanal. Am Horizont gibt es Berge. Wir wandern durch das Ambroz-Tal, das in den Ausläufern der Sierra de Gredos liegt, es geht die calzada romana entlang. Links und rechts grasen Rinder, auf den Wiesen stehen riesige alte Stein- und Korkeichen. Die grüne Abwechslung tut nach der Trockenheit der letzten Tage dem Auge und der Seele gut.

Nach etwa zweieinhalb Stunden wird es heiß. Es ist immer noch wunderschön, wird nun aber anstrengend. Pause. Wir verlassen unseren Feldweg und kommen auf eine baumlose Teerstraße. Diese schlängelt sich durch die Wiesen, ohne das wir mit bloßem Auge ihr Ende erkennen können. Kein Schatten weit und breit, die Sonne knallt jetzt mit 40 Grad auf uns. Ich trinke noch mal einen großen Schluck Wasser, erneuere den Sonnenschutz und setze mein tapferes Gesicht auf. Es hilft ja nix. Hier gibt es nur vor, kein zurück. Wie durch ein Wunder nähert sich von hinten ein Auto. Mein Begleiter stoppt es kurzer Hand, ungebeten. Er kennt mittlerweile meinen Gesichtsausdruck und weiß ihn zu deuten.  Der Fahrer nimmt und mit und zeigt uns, wie der Weg nach der Teerstraße weitergeht, es ist immer noch endlos. Er bietet an, uns nach Oliva zu bringen und rät, wir sollen morgen früh mit frischer Kraft Cáparra anpacken. Gute Idee, so machen wir es.

Oliva hat eine Herberge und ein Casa rural. Wir rufen aus dem Schatten der Bushaltestelle in der Casa rural an. Am Telefon ist Rafael. Er sagt, er hat uns schon gesehen, ist an uns vorbeigefahren mit einem LKW voller Baumaterial. Er holt uns ab und bringt uns in sein Haus. Auf dem Weg dahin erfahren wir schon die wesentlichen Dinge. Er hat unlängst die Herberge übernommen und saniert sie gerade. Auf meinen zaghaft geäußerten Wunsch nach kaltem Bier öffnet er trotz Mittagspause den hiesigen Einkaufsladen. Klar, auch dieser gehört ihm. Seine Casa rural ist auch ganz frisch renoviert. Er hat sich dafür eine Dekorateurin aus der Gegend geholt und in sie verliebt. Nun ist sie von ihm schwanger. Er findet, mit 41 Jahren sei es Zeit für Familiengründung, sie leben nun zusammen in Olivia und warten auf das Baby.

Ich finde das toll. Ein Mensch, der in seinem Dorf alles in die Hand nimmt. Andere versauern hinter der Ladentheke, er renoviert, vermietet und ist der Checker vom Dorf. Aktion statt Resignation. Toll.

So frisch versorgt mit kühlem Bier und ganz unverhofft von den Strapazen des heißen Wanderwegs befreit, genießen wir den Nachmittag im kühlen Zimmer. Abends kaufen wir bei Rafael unser Abendessen und bereiten es zusammen mit einem lupenreinen Engländer in der Küche zu. Wir verbringen einen Abend mit rotem Wein und sehr gepflegter Konversation, auch das gibt es beim Pilgern.

Donnerstag 4. Juni, 14. Tag:

Wir stehen um 6 Uhr auf und bekommen von der Mama Frühstück. Sie führt ein strenges Regiment, also lieber nichts in der Küche anfassen. Der Kaffee wird serviert. Rafael bringt uns mit dem Auto die 10 km bis nach Cáparra. Das gehört zum Service.

Via Cáparra
Arco de Cáparra

Wir schauen in aller Ruhe und ganz allein die archäologischen Ausgrabungen der historischen römischen Rast- und Pilgerstätte an. Cáparra liegt an einer alten Kreuzung, die Raststätte für Soldaten und Passanten war. Der Triumphbogen ist ein Tetrapylon, er öffnet sich in vier Wegrichtungen. Die römische Ansiedlung hat alles, was man für eine Rast braucht: ein thermisches Bad, eine Einkaufsstraße, einen Garten und diverse Räume zum Wohnen. Eine archäologische Sensation.

Wir laufen halb 8 in Cáparra los. Wir wollen ins 28 km entfernt gelegene Baños de Montemayor, dem  letzten Ort der Extremadura vor der Grenze zu Castilla y Leon. Und wie es so oft auf dieser Reise schon war, bringt der Tag eine unverhoffte Wendung: Es ist bewölkt und hat sich dadurch ein klein wenig abgekühlt. Bei 25 Grad ist das Wandern ganz entspannt.

Vor Baños kommen wir aber erst mal nach Aldeanueva del camino.  Dort machen wir zwei Stunden Pause, verbringen den Mittag bei Wein, Kaffee und essen unsere mitgebrachte Brotzeit. Wir könnten hier auch bleiben, aber aus irgendeinem Grund drängt es mich weiter. Ich mag den Ort nicht, vielleicht weil zu viele Menschen nichts tuend rumsitzen, die Bar kein ordentliches Essen anbietet oder weshalb auch immer. Erklären lässt sich das oft nicht, warum man den einen Ort super findet und den anderen nicht. Außerdem haben wir – jedenfalls suggeriert das der Name – eine verlockende Alternative. Also auf nach Baños de Montemayor.

Es geht ausschließlich die Landstraße entlang. Aber das ist heute nicht schlimm. Um uns herum ist es grün, es geht ganz leicht bergan und die Zeit vergeht wie im Flug. Keine zwei Stunden später sind wir da. Uns empfängt ein Kurort mit Bädern, wunderschön an begrünten Bergen gelegen. Kaum im Ort gibt es schon frisches Bergquellwasser aus einem Brunnen. Das erste Mal, dass wir direkt unsere Flaschen unter das kühle Wasser halten können. Wir trinken, so viel in uns reingeht. Das nächste, was wir sehen, ist eine casa rural von 1816. Wir treten ein und es umgibt uns erfrischende Kühle. Hier will ich bleiben, keinen Meter will ich weiter. Nach kurzer Verhandlung bekommen wir ein Zimmer für 40 Euro, fünf Euro Rabatt verhandelt (nicht ich), ja, das gehört dazu. Wir sind bislang die einzigen Gäste. Die Zimmer sind liebevoll restauriert und gestaltet. Es gibt eine wunderschöne Terasse und ich möchte am liebsten länger hier bleiben.

Baño de Montemayor
Meine Casa Rural in Baño de Montemayor

Der Ort ist durch die Kurgäste angenehm lebendig. Auch wenn die Gäste im Durchschnitt eher zwischen 60 und 80 sind, geht es dem Ort durch sie gut. Das sieht und spürt man. Dennoch gibt es das ein oder andere Haus zu kaufen, wie so oft auf diesem Weg… (ich hätte am liebsten das gegenüber von unserer casa rural). Träumen ist schön. Naja, ohne Häuser zu kaufen gehen wir zum Abendessen. Dem wasserreichen Ort angemessen probiere ich Froschschenkel, die ersten meines Lebens.

So schaut ein Frosch aus, wenn er gebacken ist.
So schaut ein Frosch aus, wenn er gebacken ist.

Wir genießen den Abend, den Ort und die Menschen. Ganz glücklich und zufrieden gehen wir heute schlafen. Es weht frisch und kühl in unser Zimmer. Baños, wunderbare grüne Oase.

Theater News

Until our hearts stop – Uraufführung von Meg Stuart an den Münchner Kammerspielen

Juni 18, 2015 — by Juli Tributs0

Diese neue Produktion von Meg Stuart an den Münchner Kammerspielen ist eine Wucht! Sie schlägt ein wie der Blitz. Auf der Bühne geht es rund, die Zuschauer sind gebannt – „until our hearts stop„.

Letzte Premiere der Kammerspiele in dieser Spielzeit und unter der Intendanz von Johan Simons. Das muss sein. Mit Sommererkältung, begleitet von Gähnanfällen wegen durch zu vielen Wolken verursachter Müdigkeit schleppe ich mich nach der Arbeit in die Spielhalle der Münchner Kammerspiele. Und werde dort von der Choreographie von Meg Stuart, ihren fantastischen sechs Tänzern/Schauspielern und der atemberaubenden Musik der drei Live-Musiker elektrisiert. Keine Spur mehr von Müdigkeit, ich bin gebannt von Anfang bis Ende.

Die erste Stunde ist getanzte Liebe, mit allem was dazu gehört. Die Geschlechterrollen vermischen sich, heben sich auf. Es geht sanft und zart los. Langsam beginnen die Individuen sich zu einem großen Knäuel zu verdichten, rollen irgendwann als solches über die Bühne. Raufen miteinander, wie es Kinder und Liebende tun. Getanzte Liebe darf hier auch albern und lustig sein.

Aus dem Raufen wird später ernster Sex, explizite Szenen die einen unmittelbar berühren. Vorher beginnt man aber zaghaft, sich zu beschnuppern, fängt an, sich und die anderen auszuziehen, nur einer ist nackt, die anderen sind halb an- und halb ausgezogen – das Beschnuppern wird hier bis zum Exzess ausgelebt. Erst jetzt, durch die Nacktheit, wird klar, wer Mann und wer Frau ist. Vorher gab es keine Geschlechter. Aber auch die nun bloßgestellten Geschlechter heben sich gleich wieder auf, es gibt keine festgelegten Rollen, es ist egal, wer mit wem oder auf wem liegt. So lösen sich auf der Bühne die gewohnten Seh- und Verhaltensweisen auf. Es wird geliebt und es wird gehasst, Lust ist hier ganz nah auch am Schmerz.

Was Neil Callaghan, Jared Gradinger, Leyla Postalcioglu, Maria Scaroni, Claire Vivianne Sobottke und Kristof Van Boven hier durch die Bewegung ihrer Körper zum Ausdruck bringen, bildet alle Facetten der Liebe ab; was für den einen anziehend ist, stößt den anderen ab. Da wir aber die Vorlieben unseres Nachbarn nicht kennen, kann sich jeder wiederfinden. Alles wird wohl Teil des Lebens oder eine denkbare Variante davon sein.

Die getanzten Bilder sind kongenial begleitet von der wunderbaren Musik von Paul Lemp (Bass), Marc Lohr (Schlagzeug) und Stefan Rusconi (Piano).  Sie lässt Klangbilder beim Zuschauer entstehen. Das ist einzigartig: jeder Ton, den die Musiker spielen, passt perfekt zur Bewegung auf der Bühne. Getanzte Musik!

Statt einer Pause gibt es nach der ersten Stunde eine kleine unterhaltsame Interaktion mit dem Publikum. In der geht es recht lustig zu, Matthias Lilienthal, der auch im Publikum sitzt, bekommt ein Küsschen, andere einen Schluck Whiskey, wieder andere können sich zum Geburtstag beglückwünschen lassen… Das alles kommt ganz natürlich und ungezwungen daher und es könnte keine bessere Überleitung in den zweiten Teil geben. In dem wird es mystisch, es gibt eine Séance, es gibt Magie und Zaubertricks, es gibt Yoga und Chakra und Räucherstäbchen. Wir werden entführt in nicht nur eine, sondern tausend andere Welten. Worin wir uns aus der Lebenswirklichkeit flüchten, ist ja letztlich auch egal, für manche ist es Chakra, für andere ist es die Liebe. Magisch ist das alles, so wie das Leben (und damit verbindet sich denn auch der zweite mit dem ersten Teil).

Kristof Van Boven tritt nun als Magier auf, manchmal spielt er dabei aber auch sich selber und erinnert auch daran, dass Abschied weh tut (München verliert durch den Weggang von Johan Simons nicht nur ihn, sondern auch viele andere wunderbare Ensemblemitglieder). Als Magier kommt sein komisches Talent, das vorher schon immer wieder durchblitzte, vollends heraus. Ironie gepaart mit einem Tropfen wehmütiger Realität, und wenn die nicht gelingt, dann ist es Stand Up Comedy. Er präsentiert in der zweiten Stunde allerlei Wundersames. Das muss man selber sehen, von mir nur nacherzählt nimmt es dem Theater die Magie…

Der Spuk endet nach zwei Stunden, die wie im Rausch verflogen sind, mit Fragen über Fragen und Aufforderungen ans Publikum, von denen man nur zu gerne gleich einige in die Tat umsetzen möchte.

Meg Stuart hat im Interview, das der Dramaturg Jeroen Versteele in seinem während der Proben entstandenen und sehr sehenswerten Video festgehalten hat, gesagt, sie möchte auf der Bühne mehr Heiterkeit und Albernheit. Beides blitzt immer wieder durch. Und trotzdem ist dies kein durchweg heiterer Abend. Viel wichtiger ist, dass sie Bilder findet für die essentiellen Dinge im Leben, für die man oft keine Worte hat. Sie zeigt, dass es kein schwarz und weiß, nicht nur Licht und Dunkelheit gibt. Sie zeigt, dass das Leben für jeden Schritt auch eine Alternative bieten kann. Einmal losgelöst von festen Strukturen und Rollenbildern gibt es auch die andere Realität, die magische Welt der Illusion. Was wäre wenn? Oder, so wie es die wunderbare Maria Scaroni im Probenvideo fragt: Was wäre, wenn wir mehr als nur zwei Planten sehen würden? Würden wir dann zu dritt heiraten, hätten wir mehr als zwei Geschlechter?

Alle diese Fragen muss man nicht klären. Es reicht, sich von der Magie der Bewegungen, der Töne und der Körper betören und entführen zu lassen. Eine wunderbare Produktion. Noch 8 Mal bis zum 17.7. in München zu sehen… und dann on tour.

Ein Muss auch für Fans des Theaters, die sonst mit Tanz (so wie ich) nicht all zuviel anfangen können.

Und weil die Mitwirkenden alle auch ganz zauberhaft sind, empfehle ich vor dem Besuch den Probenfilm Jeroen Versteele mit den Interviews. Er ist auf dem Blog der MK veröffentlicht.

Reiseberichte

Von Casar de Caceres zum Alcantara Stausee, entlang der via de la plata

Juni 13, 2015 — by Juli Tributs0

Montag, 1. Juni, 11. Tag:

Nach der aufregenden Corrida mit El Juli und Fantasma, dem begnadigten Stier, die wir am Abend noch länger nachwirken lassen mussten, habe ich ein großes und dringendes Bedürfnis nach Ausschlafen. Irgendwie bin ich auch unentschlossen, ob ich noch in Caceres bleiben will oder lieber weiterwandern. Wir haben schon viel angeschaut am Vortag, aber noch nicht alles. Andererseits ist der Aufenthalt in der Stadt auch so unpilgerisch… Wir lassen uns aber treiben, erst mal zum stilvollen Café auf der Plaza de Mayor, wir hängen ab, Rucksack haben wir für alle Fälle schon dabei. Und dann ist es wie so oft in diesen Tagen, die Entscheidung kommt wie von selbst, nach dem zweiten Kaffee drängt etwas in uns, wir wollen weiter. Es ist kurz nach 11 Uhr, als wir im Zentrum von Caceres aufbrechen. Trotz der beginnenden Wärme sehe ich das gelassen, denn es geht nur 11 km in den nächsten Ort, nach Casar de Caceres.  Die daran anschließende Etappe hat 33 km und ist heute nicht zu schaffen, da müssen wir gar nicht lange überlegen.

Außerdem bin ich schon neugierig, aus Casar de Caceres kommt der gleichnamige Käse und vielleicht ist es ja ein netter Ort. Also wandern wir stadtauswärts, nochmal an der Plaza de Toros vorbei; heute ist da alles entspannt, es stehen nur noch die großen Übertragungswägen der TV-Anstalten da, ansonsten ist alles ruhig, vor allem gibt keine aufgeregte Vorfreude mehr.

Wir laufen ein Stück Landstraße, die sehr schnell in trockene Felder mündet. So schnell geht das hier, eigentlich eher wie man es aus Dörfern kennt, es gibt kaum einen Übergang zwischen Stadt und Land. Caceres endet und wir stehen im Feld.

Nach guten zweieinhalb Stunden trudeln wir ein in Casar de Caceres, es ist Mittagszeit. Gleich am Beginn des Ortes kommen wir an einer Herberge vorbei, die offenbar ganz neu gebaut ist. Alles Beton, ambitionierte Architektur, die hier eher abweisend wirkt und total fehl am Platz ist. Wir bleiben trotzdem. Welch ein Unterschied zu den casas rurales, die atmosphärisch sind und mit ihren dicken Mauern ganz ohne Klimaanlagen auskommen. In unserem modernen Rohbetonbunker (eine Wand besteht komplett aus einer nicht zu öffnenden Glasscheibe, die Sonne prallt mehrere Stunden drauf – das lädt sich auf wie in der Sauna) ist es noch nachts so heiß, dass man es nur mit durchlaufender Klimaanlage runterkühlen kann. Totale Fehlkonstruktion. Der Architekt ist sicher weder gewandert zuvor noch hat er sich mit Wärmeschutz befasst. Casar de Caceres hat Geld durch den berühmten Käse und gibt es offenbar ganz gerne aus, es gibt nicht nur die neue Albergue sondern auch noch einen, sichtbar vom selben Architekten gebauten, riesigen Beton-Busbahnhof. Genauso fehl am Platz wie die Albergue. Die ist zudem an zwei eher unfreundliche Frauen verpachtet, die den abweisenden Eindruck des Betons nicht wirklich verbessern. Für uns bietet das alles viel Gesprächsstoff, gibt es uns doch eine gute Gelegenheit, die Unterschiede zu anderen Herbergen zu analyisieren. Also letztlich eine interessante Erfahrung.

Wir chillen den Rest des Tages in Casar de Caceres und erfahren – sehr wichtig – dass die Wasserflaschen, die hier überall an den Hausecken stehen, Hunde vom Pinkeln an die Ecke abhalten sollen. Trotz dieses Wissenszuwachses finde ich den ganzen Ort nicht sehr idyllisch. Er hat kein richtiges Zentrum, sondern ist länglich angelegt. Casar wächst in die Länge, nicht in die Breite, es fehlen ihm die kleinen hübschen Plätze. Letztlich ist es aber für einen Tag auch egal, ich habe genug zu tun, Blog schreiben und ein bisschen Zeitung schauen, die sind nämlich voll von unserem Stierkampf! Wie es wohl Fantasma, dem Stier. der leben darf, geht? Er ist bestimmt schon wieder daheim, seine Wunden sind behandelt und er führt ab nun an ein Leben wie ein Stiergott.

Wir kaufen noch Proviant ein, trinken ein Weinchen und gehen früh schlafen, morgen wollen wir wieder zeitig los.

Dienstag, 2. Juni, 12. Tag:

Wir verlassen früh um 6 h unsere Albergue. Wir haben am Vorabend schon gefragt, es gibt eine Churreria im Ort, die schon früh um  6 h öffnet. Yammi. Und als wir einen sehr alten Menschen, den einzigen der auf der langgezogenen Dorfstraße um die Zeit vor sein Haus tritt, nach ihr fragen und er uns aber nicht sagen kann, wo sie ist, hält ein Auto neben uns. Der Fahrer fragt was wir brauchen. Als er hört, wir wollen Churros, sagt er, dass er das auch will und wir einsteigen sollen. Ha, prima, ohne ihn wären wir wahrscheinlich ohne Churros aus dem Ort rausgelaufen.

Churros sind eine Leibspeise der Spanier, so wie die Croissants für die Franzosen. Aus  irgendeinem Grund haben sie es nicht nach Deutschland geschafft. Wahrscheinlich haben die Deutschen Angst vor dem Öl oder sind mit französischen Croissants, amerikanischen Cookies, Cup Cakes und Muffins schon mehr als satt. Jedenfalls sind Churros eine in heißem Öl ausgebackene Masse aus Mehl, Wasser und Hefe, innen hohl und fluffig, ganz leicht salzig und außen knusprig. Idealerweise sind sie noch warm, wenn man sie isst.  Oft werden sie erst gemacht, wenn man sie bestellt – dann kann man zuschauen: Sie werden in einem riesigen Ölkessel mit einem langen Stab durchs Öl gezogen und manchmal auch kunstvoll zu Kringeln gerollt. Man tunkt sie dann entweder in dicke heiße Schokolade oder in Kaffee. Sie schmecken schon gut, wenngleich ich kein ganz großer Fan bin (auch keiner der italienischen und französischen Wanderer, die wir getroffen haben). Wahrscheinlich muss man sie schon als Kind gegessen haben und den Duft von Churros mit dem Duft der süßen Kindheit verbinden…

Heute, früh um sechs, habe ich Lust auf Churros. Das Öl im Kessel wird gerade noch heiß gemacht, wir bekommen die ersten Churros, die der Laden heute produziert.

Churros con Chocolate
Churros con Chocolate

Dann geht es los. Wir kommen schnell wieder auf die alte römische Straße. Und wieder erleben wir dieses Phänomen, das sich jeden Tag wiederholt. Auf der einen Seite steht noch der Mond am Horizont, auf der anderen Seite geht die Sonne auf. Dazu Rinder und die ewige Weite der Extremadura. Pittoresk ist das richtige Wort dafür.

Kurz nach Casar de Caceres
Noch da: Mond kurz nach Casar de Caceres
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Gleich da: Sonnenaufgang kurz nach Casar de Caceres

Wir wandern mehrere Stunden über weites Land Richtung Tajo Fluss zum Alcantara Stausee. Der größte Spaniens. Dort angekommen, sehen wir schon von weitem die derzeit im Bau befindlichen zwei neuen Eisenbahnbrücken. Faszinierend, so was mal im Entstehen zu sehen, die beiden Enden der Brücke treffen sich bald, derzeit werden sie noch mit Stahlseilen gehalten. Was für eine Ingenieurskunst.

Am Tajo Stausee, via de la plata
Bald fertig! Am Tajo

Wir sehen den Stausee aber müssen noch zu ihm hinlaufen! Durch den Brückenbau versperrt eine Baustelle den eigentlichen Weg, der Alternativweg sieht nach Umweg aus. Wir wollen aber lieber abkürzen und klettern kurzentschlossen über den Bauzaun. Ein LKW-Fahrer gestikuliert wild und will uns zurückschicken, wir sind uns aber sicher. Wir kürzen weiter ab, es geht über Stock und Stein, dann noch mal über einen Zaun und wir stehen wieder auf dem Wanderweg, kurz darauf auf der Landstraße, die um den halben Stausee herumführt, auf der laufen wir noch fast eine Stunde…

Plötzlich taucht ein Hostel auf und machen im Schatten Mittagspause. Wir wollen eigentlich nicht bleiben, sondern weiterlaufen nach Cañaveral, das sind von hier aus noch etwa 13 km. Aber die Mittagspause im Hostal wird immer netter, es kommen weitere Pilger an und alle checken ein. Wir erfahren, dass das Hostal seit einem Jahr neue Inhaber hat, die es komplett renoviert haben. Sie sind Franzosen und haben für ihr Leben am Stausee ihr altes Leben in der Bourgogne komplett aufgegeben.  Die Frau ist zugänglich und erzählt uns alles. Sie haben nach einer Pension am See gesucht, weil ihr Mann das Fischen liebt. Und es sollte sonnig sein. Mehr haben sie nicht gewusst, nicht mal, dass das kleine Hostal am Pilgerweg liegt. Wenn man die Gegend dort kennt (es gibt den See und eine Herberge und dieses Hostel und sonst nichts) kann man ihnen nur Glück wünschen, die Pilger sind ein Segen, sonst kommt da eher niemand vorbei.

Jedenfalls vergehen schnell zwei Stunden, wir trinken dann noch einen großen Limettenlikör auf Eis und es beschleicht uns der Gedanke, zu bleiben. Das Hostal hat einen kleinen Pool und es ist unglaublich heiß, selbst im schattigen Garten kaum zum Aushalten. Wir haben den Absprung vor der ganz großen Hitze verpasst und es ist gut so – wir bleiben. Faulenzen am Pool, quatschen mit den anderen, ich schreibe Blog…

Dann gibt es endlich mal wieder einen dieser typischen Pilgerhabende. Wir sitzen zu fünft am Tisch, ein Spanier, ein Italiener, ein Franzose, zwei Deutsche. Die Kommunikation findet zwischen dem Spanier, dem Italiener und dem Franzosen statt. Es ist diese Art von Unterhaltung, die ich liebe: Sie unterhalten sich in einer Art Kunstsprache, der Spanier wechselt nur die Intonation, mal betont er französisch mal italienisch, die anderen bleiben bei ihrer eigenen Sprache, verstehen tun sie sich sowie so… und sie sind klassische Vertreter ihrer Nation: Der Italiener beschwert sich vehement über das Essen, dass er seit Tagen bekommt. Heute wird es wieder in der falschen Reihenfolge serviert, der Salat zuerst, dann erst die Pasta. Die Pasta ist natürlich ungenießbar, er leidet Qualen bei ihrem Verzehr, man sieht es ihm an. Es folgen längere Ausführungen über seine Lieblingsgerichte. Der Franzose ist total französisch und sehr lustig. Er läuft seit einigen Tagen mit dem Italiener und macht sich – sehr lustig – über ihn lustig. Das kann man hier schlecht beschreiben, aber ich lache mich schief dabei. Er ist einer dieser beeindruckenden Pilgerfiguren, 73 Jahre alt, topfit und jung geblieben, er steckt jede Strapaze mit einem charmanten Lächeln weg und ich hätte ihn gerne noch einige Tage immer wieder gesehen (aber wir werden am nächsten Tag erheblich springen und verlieren sie daher alle).  Jeder redet parallel sein Zeug, alles durcheinander und ungeordnet. Kaum zum Aushalten, herrlich. Nur der französische Inhaber des Hostals redet nicht, er mag es lieber schweigsam wie beim Fischen.

Langsam kühlt es ab, wir sitzen bis spät Abends unter nachtblauem Himmel mit Vollmond mitten im Nirgends, irgendwann allein, wieder Ruhe um uns.

Kunst

Louise Lawler’s „No Drones“ neu im Museum Brandhorst

Juni 12, 2015 — by Juli Tributs0

Es gibt eine neue Rauminstallation von Louise Lawler im Museum Brandhorst: – No Drones-

Die Arbeit ist fantastisch. Ein erster oder erneuter Besuch der Museumsräume lohnt sich allein wegen dieser beeindruckenden Arbeit.

No Drones Installation von Louise Lawler im Brandhorst Museum München
No Drones Installation von Louise Lawler im Brandhorst Museum München

Warum ist es toll?

Louise Lawler fotografiert bereits existierende Kunstwerke und setzt ihre Fotos dann in einen eigenen, neuen Kontext. Sie denkt die Ideen in den bestehenden Werken weiter und denkt sie aktuell. Durch eine neue andere Präsentation der Fotos schafft sie neue Kunst und, wie ich finde, bessere, interessantere Kunst.

Für No Drones hat sie zwei Gemälde von Gerhard Richter fotografiert, „Mustang-Staffel“ (ein Bild das viele kleine Kampfbomber zeigt) und „Schädel“. Konzeptionell interessante Nebeninformationen sind, dass sie die Fotos aufgenommen hat in der Geburtsstadt von Richter, als seine Arbeiten dort im Albertinum ausgestellt sind; Dresden wurde im 2. Weltkrieg extrem bombardiert und – samt Albertinum – massiv zerstört.

Vor dem Foto, welches hier als riesige Wandtapete verzerrt präsentiert wird, hängt eine silberne Diskokugel, die fast bis zum Boden reicht; sie ist Sinnbild für die durch Bomben verursachte Zerstörung. Alle zwanzig Minuten beginnt ein Lichtspiel im Raum. In diesem zielen rote und grüne Strahlen wie Laserwaffen oder Nachtsichtgeräte Punkte auf die Wände … Simultan geistern weiße Lichtpunkte durch den Raum, wie in der Disko, aber auch wie Blitzlichtgewitter; mit ihnen werden Medien und Berichterstattung versinnbildlicht.

Sie schafft durch diese Art der Präsentation ihrer Fotos von Richter’s Bildern einen ganz neuen Bezug, der über die Kriegskritik hinaus in aktuelle Medien- und Kulturkritik mündet.

Wem das nun alles zu theoretisch ist, der sei beruhigt: Man kann die Installation auch einfach nur anschauen und ohne jede weitere Erklärung gut finden. Die US-amerikanische Künstlerin Louise Lawler ist übrigens Jahrgang 1947 und ich bin beeindruckt, wie modern und zeitlos sie arbeitet. Kunst hält jung!

Das Foto in diesem Blog ist natürlich bei Weitem nicht so gut wie die Installation in echt und zeigt auch nur einen Teilausschnitt. Der Besuch ist daher ein Muss.

Danach gibt es dann keine Bomben- oder Diskokugeln, sondern Eiskugeln bei Balla Beni, direkt gegenüber vom Museum Brandhorst. Oder einen Kaffee im „Horst“, dem sehr ästhetischen Museums-Café. Allein schon die Namensgebung Horst verdient Lob.

 

 

 

 

 

 

Reiseberichte

In Castilla y León! Und bei El Cura Blas in Fuenterroble

Juni 8, 2015 — by Juli Tributs0

Freitag, 5. Juni, 15. Tag (der Bericht geht ab jetzt rückwärts):

Wir haben uns heute keinen Wecker gestellt. Mal einen Urlaubstag beginnen ohne dieses blöde Klingeln um viertel vor 6, das mich jedes Mal aus dem Tiefschlaf reißt. Der Inhaber unseres heutigen Schlafplatzes in der schönen casa rural hat uns am Abend schon das Frühstück so vorbereitet, dass wir es früh selber zubereiten können. Wir dürfen dazu in seine Küche, dort ist schon Wasser und Kaffee in der Maschine, wir müssen sie nur noch einschalten und das bereitgelegte Brot toasten. Wir wachen sogar schon kurz nach 7 Uhr von selber auf. Herrlich kühle Luft weht durch das offene Fenster. Wir schauen direkt vom Bett in einen grünen Berg. Ich möchte am liebsten bleiben.

Baño de Montemayor
Fensterblick im Bad am großen Berg

Baños de Montemayor ist, wie der Name schon verrät, ein „Bad am großen Berg“. Es hat Bäder und Kuranstalten, die dem Ort einen großzügigen frischen Charme verleihen. Es ist eingebettet in begrünte Hügelchen, die man, nach der flachen Landschaft der Extremadura, durchaus als Monte Mayor bezeichnen kann. Die vielen Badegäste beleben den Ort, auch wenn sie eher älteren Modells sind. Sie kommen mit 70, baden und gehen mit 50.

Wir wollen heute nach Fuenterroble de Salvatierra, in die vom legendären El Cura Blas betriebene Albergue. Von ihm gibt es viele Geschichten. Er ist berühmt unter den Pilgern, für seine Projekte, für sein Engagement und für seine lustigen Geschichten. Das Internet ist voll mit Filmen über ihn. Braucht er Geld für seine Hilfsprojekte, organisiert er einen Stierkampf und ist selber der Torero. Er beschäftigt in seiner Albergue Menschen, die soziale Hilfe brauchen. Jeder darf bleiben, darf helfen und die Albergue verschönern und erweitern…

Wir laufen los in Baños de Montemayor und gleich einen kleinen Berg hoch, es ist viertel nach 8. Der Berg öffnet einen wunderbaren Blick zurück aufs Dorf. 20 Minuten später überschreiten wir die durch einen kleinen Grenzstein markierte Grenze von der Extremadura nach Castilla y León. Es fühlt sich auch sofort anders an. Sind Ländergrenzen durch eine Wechsel der Landschaft bedingt? Es ist seit Baños grün, es gibt eine ganz andere Vegetation als in der Extremadura. Es macht gleich viel mehr Spaß zu laufen, allein weil es anders ist.

Baños de Montemayor
Baños de Montemayor liegt schon hinter uns

Ich habe das erste Mal den Gedanken an das Ende meiner Wanderung. Mir fällt ein, dass wir nur noch zwei Tage bis Salamanca haben. Es ist interessant, wie so ein Urlaub abläuft: Die erste Woche vergeht langsam, man denkt voller Freude an die vielen Tage, die noch vor einem liegen und gewöhnt sich an das Urlaubsgefühl. Dann kommt der Wendepunkt, die letzte Woche bricht an und die Tage vergehen wie im Flug. Es kommt der Moment, an dem man das erste Mal an das Ende denkt, Wehmut stellt sich ein. Bei mir gibt es das heute  das erste Mal (die Tage davor war ich zu sehr beschäftigt mit Laufen, Ankommen, Schlafen, Weggehen). Mir gefällt der Wechsel der Landschaft und ich überlege, dass ich gerne weitergehen würde… weiter nach Galizien, noch weiter nach Asturien oder sogar nach Portugal, um die Veränderungen weiter zu erleben, um länger unterwegs zu sein und immer wieder neu anzukommen. Ich trage ein kleines Gefühl von Ablöseschmerz mit mir und es hält an. Bis sich Erschöpfung einstellt…

Kann ich schon sehen, was Castilla y León ausmacht? Ist der grüne Beginn typisch? Auch auf dem Weg heute und morgen ändert sich das Land erneut, die grünen Hügel weichen den weiten Feldern, es wird wieder offener. Es gibt wie in der Extremadura Weideflächen für Stiere und Kühe, auf denen Dehesas (die berühmten Eichen) stehen. Das ist der Extremadura ähnlich.

Was war nun die Extremadura? War sie extrem hart? Es war heiß und trocken. Es war, so sagen alle, ein außergewöhnlich heißer Mai. Es ist sonst im Frühling ein Naturparadies. Dieses Jahr ist die Ernte wegen zu früher Hitze teilweise vertrocknet. Daher ist mein Eindruck geprägt von gelben Feldern, die wahrscheinlich im März alle noch grün waren. Felder so weit das Auge reicht, sie zeigen wie fruchtbar der Boden hier ist. Es ist die einzige Region, die wir komplett durchwandert haben. In Andalusia waren es die hügeligen Olivenhaine, die den Blick fangen, in der Extremadura sind es die Weiten des Landes, auf denen immer wieder Stieren grasen. Man sagt, dass früher alles mit Eichen bewachsen war und die Affen von Gibraltar bis zum Atlantik von Baum zu Baum springen konnten. Dann kam die spanische Eroberungslust und mit ihr die Armada, man brauchte Holz für die Schiffe. Seitdem ist die Region fast ohne Bäume. Mir hat die Extremadura gefallen, es war anstrengend, teilweise hart, aber vor allem extremabuena.

Wir kommen durch ein kastilisches Dorf, Calzada de Bejar, trinken Kaffee und laufen weiter. Im nächsten Dorf, Valverde de Valdecasa, so wird uns gesagt, kann man Mittag essen. Wir erreichen es Viertel vor 2 Uhr. Wir haben von etwa 32 km bis Fuenterroble 20 km hinter uns. Es ist heiß jetzt und wir sind schnell gelaufen. Der Wirt in der Dorfkneipe hat eisgekühltes Bier, Tortilla und Tomatensalat. Das ist, was noch übrig ist, alles andere hat die Gruppe Radfahrer, die das Dorf vor uns passiert hat, vertilgt. Wieder dieses Gefühl, das Bier und Tomate nie zuvor besser geschmeckt haben. Wir schaufeln rein, als ob wir Tage nichts gegessen haben. Der Wirt freut sich und dreht dafür seine Musik auf. Er ist Fan von romantischer Schnulzenmusik. Voll Discosound und das in einem verschlafenen Dorf, das gerade mal 20 Häuser hat. Er selbst ist auch echt ein Typ, klein und rund watschelt er mit riesigen Mickey Mouse Turnschuhen durch sein Lokal, raucht Kette dabei. Wunderbar.

Gegen halb vier gehen wir weiter, El Cura Blas wartet, es sind noch etwa 13 km. Die Sonne brennt jetzt heiß. Die ersten Schritte sind schon hart, aber wir sind tapfer und laufen uns wieder ein. Nach etwa einer Stunde brennen meine Fußsohlen, die Nerven an der Ferse stechen wie kleine Blitze, ich wechsle in die Sandale, beginne weiterzulaufen… und höre plötzlich von hinten Motorradgeräusche. Wir sind auf dem Camino, nicht auf der Asphaltstraße. Wie immer mutterseelenallein. Wir wurden bislang nur von Mountain Bikes überholt, jetzt kommen richtige Biker. Nur so aus Spaß halten wir den Finger raus. Sie halten. Erst einer. Er sagt ja, als wir fragen, ob er mich samt Rucksack mitnehmen kann. Dann kommt sein Freund und nimmt auch meine Begleitung mit, muss es ihm etwas aufdrängen, aber ja, wir sausen zum Ziel, ich auf dem schnelleren Bike voran. Was für ein Erlebnis. Es geht hoch und runter. Wir sind off road, jede Kurve die wir schneiden ist ein Abenteuer, bei jedem Loch hüpft mein Herz. Keine Zeit für Angst, wir sind zu schnell. Der Typ ist ganz in Leder, ich bin nur in Eigenhaut, wenn wir fallen bin ich Matsch. Aber er weiß was er tut, und meine klitzekleine Angst geht in der großen Aufregung auf. Es ist einfach nur geil.

Ich kann mein Glück kaum fassen. So ein Zufall, es sind die einzigen Biker in den ganzen zwei Wochen. Und sie kommen ausgerechnet in dem Moment, in dem ich eigentlich fast aufgeben würde, wenn es nicht weitergehen müsste. Hätten sie uns zwei Stunden eher überholt, hätten wir sie nicht beachtet. Que suerte. Sie schickt der Himmel.

Wir sind dank dieser Hilfe kurz vor halb 6 in der Albergue. Wir werden herzlich begrüßt und bekommen im „Amerikahaus“ ein Doppelzimmer… gut!, wir müssen nicht in den Schlafsaal. Er mag uns. Wir hören, der Pfarrer ist nicht da, er holt Kinder die in Not sind und wird erst spät Nachts zurück erwartet. Uns bleibt sein Helfer, ein Franziskanermönch, der auch gut fluchen kann, me cago en la leche… Er ist da, weil man ihm gesagt hat, der richtige Platz um Verzicht zu üben und zu helfen, ist bei El Cura Blas.

Von ihm hören wir die aktuellen Stories: El Cura Blas hat unlängst die Verantwortung für ein Internat in der Nachbarschaft übernommen, das mal 1000 Kinder beherbergt hat, aber nun nach dem Tod des zuständigen Pfarrers wegen Geldmangels von der Kirche geschlossen werden sollte. Cura Blas wollte dies nicht zulassen und hat alle Kosten übernommen und ist nun wohl pleite und auf karitative Hilfe angewiesen. Er kümmert sich, zusätzlich zur Gemeinde und zu den Pilgern, um die Kinder, für die niemand Schulgeld bezahlt, aber die man nicht sich selber überlassen kann, die teilweise ohne Eltern sind. Eine großherzige Tat ist das. Seitdem schlafen der Mönch und der Pfarrer nur fünf Stunden pro Nacht. Und den Kindern ist geholfen. Wäre das nicht eine Aufgabe für die katholische Kirche, statt Gottesdienste in sakralen Prunkbauten in Salamanca zu halten, denen ein paar alte Frauen beiwohnen und in denen Kirche ganz weit weg vom Leben ist?

Es gibt aber auch lustige Geschichten. Der Mönch erzählt uns von dem letzten Alberguero, der hatte einen BH-Tick. Er hat über lange Zeit die BHs von den Frauen geklaut und gesammelt. Nachdem er weg war, hat man beim Aufräumen riesige Berge von BHs in einer Ecke der Albergue gefunden und sich sehr gewundert. Que risa.

El Cura Blas sehen wir nicht mehr, aber wir sehen was er geschaffen hat. Die Herberge ist eine Ansammlung von kleinen Gebäuden, die Pilger nach und nach an und um das Stammhaus gebaut haben. Es gibt Esel die auf Guten Tag in Eselsprache antworten, einen Gemüsegarten und einen Schweinestall. Man sammelt alles, was man irgendwann mal zu irgendwas gebrauchen kann. Es herrscht organisierte Anarchie. Ein Ort, der aus Spenden und durch die Hilfe anderer entstanden ist, aber nur durch eine charismatische Persönlichkeit wie El Cura Blas überhaupt existiert. Er zieht unzählige Pilger an, deshalb trifft man bei ihm auch immer alle möglichen Leute aus allen Ländern dieser Welt. Wir hatten einen netten Abend mit einem Kurden, der nach Schweden emigriert ist und zur Zeit mit dem Rad durch Europa fährt.

Wen es interessiert, es gibt unzählige Videos über El Cura Blas und seine Projekte im Internet.

Reiseberichte

Ankunft in Salamanca, aber noch nicht der letzte Bericht

Juni 6, 2015 — by Juli Tributs0

Montag, 1. Juni – Freitag, 5. Juni: kommen noch!

Samstag, 6. Juni, 16. Tag:

Wir sind in Salamanca!!! Heute Morgen um 7 Uhr waren wir noch in Fuenterroble, in der Pilgerherberge mit Franziskanermönch, von Feldern und Rinderwiesen umgeben. Was für ein Kontrast. Ich könnte jetzt flunkern und sagen, wir sind die über 50 km gelaufen. Aber ich kann auch einfach die Wahrheit sagen: Ich war kaputt von gestern. Ich habe kaum geschlafen, meine Nerven in den Füßen haben alle fünf Minuten gezuckt, vielleicht waren es auch die zu weiche Matratze oder der leichte Schweinstallgeruch, der durchs Fenster wehte oder mein Sonnenstich von den 32 km gestern, jedenfalls war ich heute sehr schwach. Schwer zuzugeben… aber warum sich quälen, wenn Salamanca so nah ist. Also haben wir nach etwa zwei Stunden Feldweg den camino verlassen und sind in ein Dorf abgebogen um zu schauen, ob es von dort irgendwie mit dem Auto weitergeht. Das war es! Aus, finito!

Eigentlich schade, es ging jetzt alles viel zu schnell. Und es tat auch gar nicht weh nach Salamanca. Ich saß fett und faul im gepflegten Volvo eines skurrilen Männerpärchens, der eine riesig und dick, der andere extrem klein und verwachsen. Hinten auf der cremefarbenen Rückbank ein kleiner Schnauzer auf einem geblümten Kissen. Im Kofferraum Angeln und Fotoausrüstung, sie kamen von einem kleinen Shooting auf dem Land zurück. Sie hielten sofort auf einer von Menschen und Autos verlassenen Landstraße an einem Dorf mitten in der Pampa, vollgebaut mit modernen, eher häßlichen Schinkenfabriken, die wie Fremdkörper im Dorf stehen. Wir sind im Dorf des Jamon Iberico. Am Samstag ist es allerdings wie ausgestorben, an der Bar mussten wir um 11 Uhr erst mal laut klopfen, damit uns aufgemacht wird. Aber immerhin leben hier Menschen. Im ersten Dorf, auf das wir nach unserer Entscheidung abzubiegen trafen, wohnen genau noch drei Alte, zwei davon haben uns mehr schreiend als sprechend erklärt, dass es hier keine Verbindung irgendwohin gibt, no hay comunicación. Der Mann hatte sogar noch einen Zahn im Mund, seine Frau hat ihn immer korrigiert, hombre. Sie leben noch im Dorf, um da zu sterben. Wenn sie weg sind, wird niemand mehr da sein. Aber sie wirken nicht unglücklich.

Entspannt und klimatisiert rollen wir in Salamanca ein, werden an der Puente Romano rausgelassen und stiefeln in die Altstadt.

Puente Romana in Salamanca
Über die puente romana nach Salamanca

Wir fühlen uns nicht würdig, in der Albergue de Peregrinos direkt an der Catedrale einzukehren, sind ja nun keine Pilger mehr… und checken im Hotel ein. Wir gehen Essen, sind dabei umgeben von Städtern und bezahlen das Dreifache wie auf dem Land. Wir besichtigen die Stadt, mit ihren riesigen Kathedralen. So schnell geht das.

Albergue de Pereginos in Salamanca
Albergue de Pereginos in Salamanca
Catedral Nueva in Salamanca
Catedrale in Salamanca

Ich sitze jetzt, 21.56 Uhr, in der Altstadt in einer Bar und schaue das Fußballspiel Barcelona gegen Juventus. Ich schaue natürlich nicht, sondern schreibe und überlege, in welcher Reihenfolge ich nun die letzten Tage veröffentliche. Es fehlen ja im Reisebericht ganze fünf Tage bis heute. Ich hatte so wenig Zeit, musste ja laufen und erleben. Manchmal war ich zu erschöpft, manchmal zu sozial und manchmal gab es schlicht auch keinen Internetempfang.

Da den Blog im Moment ja nur Freunde und Familie lesen, habe ich entschieden, die letzten Tage zu überspringen, auch wenn das spannungstaktisch natürlich ein Fehler ist. Ich schiebe die Berichte aber nach und ihr müsst versprechen, es trotzdem zu lesen (auch wenn ihr mich dann schon getroffen habt). Sie werden gut. Sie sind im Entwurf schon da.

Wie ist es nun, das Wandern? Wir sind von Andalusien durch die Extremadura ganz durch nach Castilla y Leon gelaufen. Ich würde gerne weiter Richtung Norden laufen, nach Galizien und bis an den Atlantik. Es ist toll, zu Fuß den Wechsel der Natur zu erleben. Und plötzlich zu realisieren, dass man wirklich woanders ist. Es gibt andere Landschaften, anderen Wein, manchmal andere Spezialitäten zu Essen. Zu Fuß erlebt man alles hautnah, man wird gesund, der Kopf wird frei, dem ganzen Menschen geht es vom Kopf bis zum Fuß (naja, dem Fuß ab morgen) immer besser, die Vorfreude auf eine kalten Kaffee kann nicht größer sein als nach 20 km zu Fuß.

Ich habe die gelaufenen km noch nicht zusammengezählt. Laut Google liegen zwischen Córdoba und Salamanca 500 km, zu Fuß ist es etwas weniger. Wir sind drei mal gesprungen, aber nicht viel. Wir hatten tolle Begegnungen, sehr viele schöne Zufälle, viel Alleinsein in der Natur, süße Dörfer und tolle Städte. Ich kann das Wandern auf Jakobswegen nur empfehlen! Mein nächster Urlaub wird eine Fortsetzung des Weges, von Salamanca bis … ? Oder vielleicht auch woanders hin … Wer weiß.

p.s. Das Lokal tobt, so viele Tore von Barce. Das Spiel ist aus. Blog online!