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Reiseberichte

Via Cáparra und Baños de Montemayor, die Bäder am großen Berg

Juni 21, 2015 — by Juli Tributs0

Mittwoch, 3. Juni, 13. Tag:

Heute ist der Tag, an dem wir Etappen überspringen werden. Wir wollen nach Cáparra, dem alten römischen Triumphbogen. Das wären von hier aus 71 km durch die Extremadura. Die kann man in zwei Tagen auch zu Fuß schaffen, wir sparen uns aber lieber einen Tag. Wie wir das genau anstellen, wissen wir beim Aufstehen noch nicht. Was wir aber schon wissen, es gibt in Cañaveral, dem nächsten Ort auf unserem Weg, eine Churreria. Das haben uns zwei Mädels erzählt, die gestern Abend auf eine Cola in unser Hostal gekommen sind. Churros zum Frühstück mögen wir, zwei Stunden vor und nach Sonnenaufgang laufen und dann die erste Belohnung abholen.

Die Nacht war heiß, es hat sich wegen der Terrasse vor unserem Fenster nicht so recht abgekühlt. Ich war daher tausend mal wach und froh, als wir viertel vor 6 h aufstehen konnten. Es gab sogar, was eher selten vorkommt, ein kleines Frühstück für uns. Die anderen Pilger waren auch schon wach. Es beginnen die üblichen Gespräche, wer läuft wie und wohin, man kann die Asphaltstraße laufen und spart damit 3 km. Oder man nimmt den schöneren, aber längeren Wanderweg. Dann haben irgendwelche Herbergen geschlossen, das führt bei manchen zu leichter Panik. Der Italiener hat die Nase voll von der Extremadura, zudem hat er sich von der Pasta mit Paprika-Tomatensoße den Magen verdorben… Oh weh…. Wir haben keine Lust auf solche Diskussionen. Wir wollen auch keine Straße und am morgen lieber auch keine Gruppe. Also verabschieden wir uns rasch, auch mit dem Wissen, dass wir niemanden wieder sehen werden, wenn wir springen.

Und schon sind wir draußen unter mondhellem Himmel, es ist halb 7 und es weht frische kühle Luft. Es ist dies die Zeit am Tag, in der wir uns wunderbar fühlen. Der Mond scheint auf den See. Das gibt ein schönes Panorama.

Alcántara Stausee kurz vor Sonnenaufgang
Wir laufen mit dem Mond über dem Alcántara Stausee

Gleich geht die Sonne auf, die Vacas und Toros glotzen uns mampfend an, ansonsten sind wir allein unterwegs. Die Welt gehört uns, wir sind ganz einig und seelig und glücklich.

Kurz nach 9 Uhr betreten wir die Churreria in Cañaveral, fertige Churros warten schon, es gibt Kaffee und Chocolate. Der Italiener und der Franzose tauchen auch auf, sie haben ja abgekürzt… der Italiener, aus Turin kommend, schaut abschätzig auf unseren riesigen Berg mit Churros: sowas ißt man bei uns in Neapel auch… der Franzose ist offen für alles und probiert ein Stück von mir und gibt wohlgefällige Schmatzlaute von sich, doch gar nicht so übel, die Churros. Wir verabschieden uns nun endgültig von den beiden und laufen Richtung Landstraße.

Dort sehen wir vor einem kleinen Hotel einen Mann, der einen Van bepackt. Schnell fragen, ob er uns mitnimmt. Nach einem kurzen Routenabgleich, sagt er ja. Aus dem Hotel kommen nach und nach immer mehr Rentner, die alle in unser Auto einsteigen, einer nach dem anderen. Mein spanischer Begleiter hat einer der ältlichen Damen angeboten, sie könne zur Not auf seinem Schoß sitzen, woraufhin sie dankend ablehnt und sagt, sie sei mit ihrem Ehemann unterwegs. Es geht dann genau auf, als alle drin sind, eng gepackt in der hintersten Reihe die senioren Mädels, bleiben genau zwei Plätze frei. Die sind für uns.

Noch einmal umsteigen, auch das zweite Auto hält sofort an, und wir sind in Carcabosa. Wir sind 38 km gesprungen, es hat keine Stunde gedauert. Von hier sind es noch 20 km bis Cáparra. Es ist kurz nach 11 Uhr, noch nicht so richtig heiß und wir denken, das können wir schaffen.

Die Landschaft ist schön grün, es fließt Wasser in einem kleinen Kanal. Am Horizont gibt es Berge. Wir wandern durch das Ambroz-Tal, das in den Ausläufern der Sierra de Gredos liegt, es geht die calzada romana entlang. Links und rechts grasen Rinder, auf den Wiesen stehen riesige alte Stein- und Korkeichen. Die grüne Abwechslung tut nach der Trockenheit der letzten Tage dem Auge und der Seele gut.

Nach etwa zweieinhalb Stunden wird es heiß. Es ist immer noch wunderschön, wird nun aber anstrengend. Pause. Wir verlassen unseren Feldweg und kommen auf eine baumlose Teerstraße. Diese schlängelt sich durch die Wiesen, ohne das wir mit bloßem Auge ihr Ende erkennen können. Kein Schatten weit und breit, die Sonne knallt jetzt mit 40 Grad auf uns. Ich trinke noch mal einen großen Schluck Wasser, erneuere den Sonnenschutz und setze mein tapferes Gesicht auf. Es hilft ja nix. Hier gibt es nur vor, kein zurück. Wie durch ein Wunder nähert sich von hinten ein Auto. Mein Begleiter stoppt es kurzer Hand, ungebeten. Er kennt mittlerweile meinen Gesichtsausdruck und weiß ihn zu deuten.  Der Fahrer nimmt und mit und zeigt uns, wie der Weg nach der Teerstraße weitergeht, es ist immer noch endlos. Er bietet an, uns nach Oliva zu bringen und rät, wir sollen morgen früh mit frischer Kraft Cáparra anpacken. Gute Idee, so machen wir es.

Oliva hat eine Herberge und ein Casa rural. Wir rufen aus dem Schatten der Bushaltestelle in der Casa rural an. Am Telefon ist Rafael. Er sagt, er hat uns schon gesehen, ist an uns vorbeigefahren mit einem LKW voller Baumaterial. Er holt uns ab und bringt uns in sein Haus. Auf dem Weg dahin erfahren wir schon die wesentlichen Dinge. Er hat unlängst die Herberge übernommen und saniert sie gerade. Auf meinen zaghaft geäußerten Wunsch nach kaltem Bier öffnet er trotz Mittagspause den hiesigen Einkaufsladen. Klar, auch dieser gehört ihm. Seine Casa rural ist auch ganz frisch renoviert. Er hat sich dafür eine Dekorateurin aus der Gegend geholt und in sie verliebt. Nun ist sie von ihm schwanger. Er findet, mit 41 Jahren sei es Zeit für Familiengründung, sie leben nun zusammen in Olivia und warten auf das Baby.

Ich finde das toll. Ein Mensch, der in seinem Dorf alles in die Hand nimmt. Andere versauern hinter der Ladentheke, er renoviert, vermietet und ist der Checker vom Dorf. Aktion statt Resignation. Toll.

So frisch versorgt mit kühlem Bier und ganz unverhofft von den Strapazen des heißen Wanderwegs befreit, genießen wir den Nachmittag im kühlen Zimmer. Abends kaufen wir bei Rafael unser Abendessen und bereiten es zusammen mit einem lupenreinen Engländer in der Küche zu. Wir verbringen einen Abend mit rotem Wein und sehr gepflegter Konversation, auch das gibt es beim Pilgern.

Donnerstag 4. Juni, 14. Tag:

Wir stehen um 6 Uhr auf und bekommen von der Mama Frühstück. Sie führt ein strenges Regiment, also lieber nichts in der Küche anfassen. Der Kaffee wird serviert. Rafael bringt uns mit dem Auto die 10 km bis nach Cáparra. Das gehört zum Service.

Via Cáparra
Arco de Cáparra

Wir schauen in aller Ruhe und ganz allein die archäologischen Ausgrabungen der historischen römischen Rast- und Pilgerstätte an. Cáparra liegt an einer alten Kreuzung, die Raststätte für Soldaten und Passanten war. Der Triumphbogen ist ein Tetrapylon, er öffnet sich in vier Wegrichtungen. Die römische Ansiedlung hat alles, was man für eine Rast braucht: ein thermisches Bad, eine Einkaufsstraße, einen Garten und diverse Räume zum Wohnen. Eine archäologische Sensation.

Wir laufen halb 8 in Cáparra los. Wir wollen ins 28 km entfernt gelegene Baños de Montemayor, dem  letzten Ort der Extremadura vor der Grenze zu Castilla y Leon. Und wie es so oft auf dieser Reise schon war, bringt der Tag eine unverhoffte Wendung: Es ist bewölkt und hat sich dadurch ein klein wenig abgekühlt. Bei 25 Grad ist das Wandern ganz entspannt.

Vor Baños kommen wir aber erst mal nach Aldeanueva del camino.  Dort machen wir zwei Stunden Pause, verbringen den Mittag bei Wein, Kaffee und essen unsere mitgebrachte Brotzeit. Wir könnten hier auch bleiben, aber aus irgendeinem Grund drängt es mich weiter. Ich mag den Ort nicht, vielleicht weil zu viele Menschen nichts tuend rumsitzen, die Bar kein ordentliches Essen anbietet oder weshalb auch immer. Erklären lässt sich das oft nicht, warum man den einen Ort super findet und den anderen nicht. Außerdem haben wir – jedenfalls suggeriert das der Name – eine verlockende Alternative. Also auf nach Baños de Montemayor.

Es geht ausschließlich die Landstraße entlang. Aber das ist heute nicht schlimm. Um uns herum ist es grün, es geht ganz leicht bergan und die Zeit vergeht wie im Flug. Keine zwei Stunden später sind wir da. Uns empfängt ein Kurort mit Bädern, wunderschön an begrünten Bergen gelegen. Kaum im Ort gibt es schon frisches Bergquellwasser aus einem Brunnen. Das erste Mal, dass wir direkt unsere Flaschen unter das kühle Wasser halten können. Wir trinken, so viel in uns reingeht. Das nächste, was wir sehen, ist eine casa rural von 1816. Wir treten ein und es umgibt uns erfrischende Kühle. Hier will ich bleiben, keinen Meter will ich weiter. Nach kurzer Verhandlung bekommen wir ein Zimmer für 40 Euro, fünf Euro Rabatt verhandelt (nicht ich), ja, das gehört dazu. Wir sind bislang die einzigen Gäste. Die Zimmer sind liebevoll restauriert und gestaltet. Es gibt eine wunderschöne Terasse und ich möchte am liebsten länger hier bleiben.

Baño de Montemayor
Meine Casa Rural in Baño de Montemayor

Der Ort ist durch die Kurgäste angenehm lebendig. Auch wenn die Gäste im Durchschnitt eher zwischen 60 und 80 sind, geht es dem Ort durch sie gut. Das sieht und spürt man. Dennoch gibt es das ein oder andere Haus zu kaufen, wie so oft auf diesem Weg… (ich hätte am liebsten das gegenüber von unserer casa rural). Träumen ist schön. Naja, ohne Häuser zu kaufen gehen wir zum Abendessen. Dem wasserreichen Ort angemessen probiere ich Froschschenkel, die ersten meines Lebens.

So schaut ein Frosch aus, wenn er gebacken ist.
So schaut ein Frosch aus, wenn er gebacken ist.

Wir genießen den Abend, den Ort und die Menschen. Ganz glücklich und zufrieden gehen wir heute schlafen. Es weht frisch und kühl in unser Zimmer. Baños, wunderbare grüne Oase.

Reiseberichte

Von Casar de Caceres zum Alcantara Stausee, entlang der via de la plata

Juni 13, 2015 — by Juli Tributs0

Montag, 1. Juni, 11. Tag:

Nach der aufregenden Corrida mit El Juli und Fantasma, dem begnadigten Stier, die wir am Abend noch länger nachwirken lassen mussten, habe ich ein großes und dringendes Bedürfnis nach Ausschlafen. Irgendwie bin ich auch unentschlossen, ob ich noch in Caceres bleiben will oder lieber weiterwandern. Wir haben schon viel angeschaut am Vortag, aber noch nicht alles. Andererseits ist der Aufenthalt in der Stadt auch so unpilgerisch… Wir lassen uns aber treiben, erst mal zum stilvollen Café auf der Plaza de Mayor, wir hängen ab, Rucksack haben wir für alle Fälle schon dabei. Und dann ist es wie so oft in diesen Tagen, die Entscheidung kommt wie von selbst, nach dem zweiten Kaffee drängt etwas in uns, wir wollen weiter. Es ist kurz nach 11 Uhr, als wir im Zentrum von Caceres aufbrechen. Trotz der beginnenden Wärme sehe ich das gelassen, denn es geht nur 11 km in den nächsten Ort, nach Casar de Caceres.  Die daran anschließende Etappe hat 33 km und ist heute nicht zu schaffen, da müssen wir gar nicht lange überlegen.

Außerdem bin ich schon neugierig, aus Casar de Caceres kommt der gleichnamige Käse und vielleicht ist es ja ein netter Ort. Also wandern wir stadtauswärts, nochmal an der Plaza de Toros vorbei; heute ist da alles entspannt, es stehen nur noch die großen Übertragungswägen der TV-Anstalten da, ansonsten ist alles ruhig, vor allem gibt keine aufgeregte Vorfreude mehr.

Wir laufen ein Stück Landstraße, die sehr schnell in trockene Felder mündet. So schnell geht das hier, eigentlich eher wie man es aus Dörfern kennt, es gibt kaum einen Übergang zwischen Stadt und Land. Caceres endet und wir stehen im Feld.

Nach guten zweieinhalb Stunden trudeln wir ein in Casar de Caceres, es ist Mittagszeit. Gleich am Beginn des Ortes kommen wir an einer Herberge vorbei, die offenbar ganz neu gebaut ist. Alles Beton, ambitionierte Architektur, die hier eher abweisend wirkt und total fehl am Platz ist. Wir bleiben trotzdem. Welch ein Unterschied zu den casas rurales, die atmosphärisch sind und mit ihren dicken Mauern ganz ohne Klimaanlagen auskommen. In unserem modernen Rohbetonbunker (eine Wand besteht komplett aus einer nicht zu öffnenden Glasscheibe, die Sonne prallt mehrere Stunden drauf – das lädt sich auf wie in der Sauna) ist es noch nachts so heiß, dass man es nur mit durchlaufender Klimaanlage runterkühlen kann. Totale Fehlkonstruktion. Der Architekt ist sicher weder gewandert zuvor noch hat er sich mit Wärmeschutz befasst. Casar de Caceres hat Geld durch den berühmten Käse und gibt es offenbar ganz gerne aus, es gibt nicht nur die neue Albergue sondern auch noch einen, sichtbar vom selben Architekten gebauten, riesigen Beton-Busbahnhof. Genauso fehl am Platz wie die Albergue. Die ist zudem an zwei eher unfreundliche Frauen verpachtet, die den abweisenden Eindruck des Betons nicht wirklich verbessern. Für uns bietet das alles viel Gesprächsstoff, gibt es uns doch eine gute Gelegenheit, die Unterschiede zu anderen Herbergen zu analyisieren. Also letztlich eine interessante Erfahrung.

Wir chillen den Rest des Tages in Casar de Caceres und erfahren – sehr wichtig – dass die Wasserflaschen, die hier überall an den Hausecken stehen, Hunde vom Pinkeln an die Ecke abhalten sollen. Trotz dieses Wissenszuwachses finde ich den ganzen Ort nicht sehr idyllisch. Er hat kein richtiges Zentrum, sondern ist länglich angelegt. Casar wächst in die Länge, nicht in die Breite, es fehlen ihm die kleinen hübschen Plätze. Letztlich ist es aber für einen Tag auch egal, ich habe genug zu tun, Blog schreiben und ein bisschen Zeitung schauen, die sind nämlich voll von unserem Stierkampf! Wie es wohl Fantasma, dem Stier. der leben darf, geht? Er ist bestimmt schon wieder daheim, seine Wunden sind behandelt und er führt ab nun an ein Leben wie ein Stiergott.

Wir kaufen noch Proviant ein, trinken ein Weinchen und gehen früh schlafen, morgen wollen wir wieder zeitig los.

Dienstag, 2. Juni, 12. Tag:

Wir verlassen früh um 6 h unsere Albergue. Wir haben am Vorabend schon gefragt, es gibt eine Churreria im Ort, die schon früh um  6 h öffnet. Yammi. Und als wir einen sehr alten Menschen, den einzigen der auf der langgezogenen Dorfstraße um die Zeit vor sein Haus tritt, nach ihr fragen und er uns aber nicht sagen kann, wo sie ist, hält ein Auto neben uns. Der Fahrer fragt was wir brauchen. Als er hört, wir wollen Churros, sagt er, dass er das auch will und wir einsteigen sollen. Ha, prima, ohne ihn wären wir wahrscheinlich ohne Churros aus dem Ort rausgelaufen.

Churros sind eine Leibspeise der Spanier, so wie die Croissants für die Franzosen. Aus  irgendeinem Grund haben sie es nicht nach Deutschland geschafft. Wahrscheinlich haben die Deutschen Angst vor dem Öl oder sind mit französischen Croissants, amerikanischen Cookies, Cup Cakes und Muffins schon mehr als satt. Jedenfalls sind Churros eine in heißem Öl ausgebackene Masse aus Mehl, Wasser und Hefe, innen hohl und fluffig, ganz leicht salzig und außen knusprig. Idealerweise sind sie noch warm, wenn man sie isst.  Oft werden sie erst gemacht, wenn man sie bestellt – dann kann man zuschauen: Sie werden in einem riesigen Ölkessel mit einem langen Stab durchs Öl gezogen und manchmal auch kunstvoll zu Kringeln gerollt. Man tunkt sie dann entweder in dicke heiße Schokolade oder in Kaffee. Sie schmecken schon gut, wenngleich ich kein ganz großer Fan bin (auch keiner der italienischen und französischen Wanderer, die wir getroffen haben). Wahrscheinlich muss man sie schon als Kind gegessen haben und den Duft von Churros mit dem Duft der süßen Kindheit verbinden…

Heute, früh um sechs, habe ich Lust auf Churros. Das Öl im Kessel wird gerade noch heiß gemacht, wir bekommen die ersten Churros, die der Laden heute produziert.

Churros con Chocolate
Churros con Chocolate

Dann geht es los. Wir kommen schnell wieder auf die alte römische Straße. Und wieder erleben wir dieses Phänomen, das sich jeden Tag wiederholt. Auf der einen Seite steht noch der Mond am Horizont, auf der anderen Seite geht die Sonne auf. Dazu Rinder und die ewige Weite der Extremadura. Pittoresk ist das richtige Wort dafür.

Kurz nach Casar de Caceres
Noch da: Mond kurz nach Casar de Caceres
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Gleich da: Sonnenaufgang kurz nach Casar de Caceres

Wir wandern mehrere Stunden über weites Land Richtung Tajo Fluss zum Alcantara Stausee. Der größte Spaniens. Dort angekommen, sehen wir schon von weitem die derzeit im Bau befindlichen zwei neuen Eisenbahnbrücken. Faszinierend, so was mal im Entstehen zu sehen, die beiden Enden der Brücke treffen sich bald, derzeit werden sie noch mit Stahlseilen gehalten. Was für eine Ingenieurskunst.

Am Tajo Stausee, via de la plata
Bald fertig! Am Tajo

Wir sehen den Stausee aber müssen noch zu ihm hinlaufen! Durch den Brückenbau versperrt eine Baustelle den eigentlichen Weg, der Alternativweg sieht nach Umweg aus. Wir wollen aber lieber abkürzen und klettern kurzentschlossen über den Bauzaun. Ein LKW-Fahrer gestikuliert wild und will uns zurückschicken, wir sind uns aber sicher. Wir kürzen weiter ab, es geht über Stock und Stein, dann noch mal über einen Zaun und wir stehen wieder auf dem Wanderweg, kurz darauf auf der Landstraße, die um den halben Stausee herumführt, auf der laufen wir noch fast eine Stunde…

Plötzlich taucht ein Hostel auf und machen im Schatten Mittagspause. Wir wollen eigentlich nicht bleiben, sondern weiterlaufen nach Cañaveral, das sind von hier aus noch etwa 13 km. Aber die Mittagspause im Hostal wird immer netter, es kommen weitere Pilger an und alle checken ein. Wir erfahren, dass das Hostal seit einem Jahr neue Inhaber hat, die es komplett renoviert haben. Sie sind Franzosen und haben für ihr Leben am Stausee ihr altes Leben in der Bourgogne komplett aufgegeben.  Die Frau ist zugänglich und erzählt uns alles. Sie haben nach einer Pension am See gesucht, weil ihr Mann das Fischen liebt. Und es sollte sonnig sein. Mehr haben sie nicht gewusst, nicht mal, dass das kleine Hostal am Pilgerweg liegt. Wenn man die Gegend dort kennt (es gibt den See und eine Herberge und dieses Hostel und sonst nichts) kann man ihnen nur Glück wünschen, die Pilger sind ein Segen, sonst kommt da eher niemand vorbei.

Jedenfalls vergehen schnell zwei Stunden, wir trinken dann noch einen großen Limettenlikör auf Eis und es beschleicht uns der Gedanke, zu bleiben. Das Hostal hat einen kleinen Pool und es ist unglaublich heiß, selbst im schattigen Garten kaum zum Aushalten. Wir haben den Absprung vor der ganz großen Hitze verpasst und es ist gut so – wir bleiben. Faulenzen am Pool, quatschen mit den anderen, ich schreibe Blog…

Dann gibt es endlich mal wieder einen dieser typischen Pilgerhabende. Wir sitzen zu fünft am Tisch, ein Spanier, ein Italiener, ein Franzose, zwei Deutsche. Die Kommunikation findet zwischen dem Spanier, dem Italiener und dem Franzosen statt. Es ist diese Art von Unterhaltung, die ich liebe: Sie unterhalten sich in einer Art Kunstsprache, der Spanier wechselt nur die Intonation, mal betont er französisch mal italienisch, die anderen bleiben bei ihrer eigenen Sprache, verstehen tun sie sich sowie so… und sie sind klassische Vertreter ihrer Nation: Der Italiener beschwert sich vehement über das Essen, dass er seit Tagen bekommt. Heute wird es wieder in der falschen Reihenfolge serviert, der Salat zuerst, dann erst die Pasta. Die Pasta ist natürlich ungenießbar, er leidet Qualen bei ihrem Verzehr, man sieht es ihm an. Es folgen längere Ausführungen über seine Lieblingsgerichte. Der Franzose ist total französisch und sehr lustig. Er läuft seit einigen Tagen mit dem Italiener und macht sich – sehr lustig – über ihn lustig. Das kann man hier schlecht beschreiben, aber ich lache mich schief dabei. Er ist einer dieser beeindruckenden Pilgerfiguren, 73 Jahre alt, topfit und jung geblieben, er steckt jede Strapaze mit einem charmanten Lächeln weg und ich hätte ihn gerne noch einige Tage immer wieder gesehen (aber wir werden am nächsten Tag erheblich springen und verlieren sie daher alle).  Jeder redet parallel sein Zeug, alles durcheinander und ungeordnet. Kaum zum Aushalten, herrlich. Nur der französische Inhaber des Hostals redet nicht, er mag es lieber schweigsam wie beim Fischen.

Langsam kühlt es ab, wir sitzen bis spät Abends unter nachtblauem Himmel mit Vollmond mitten im Nirgends, irgendwann allein, wieder Ruhe um uns.

Reiseberichte

In Castilla y León! Und bei El Cura Blas in Fuenterroble

Juni 8, 2015 — by Juli Tributs0

Freitag, 5. Juni, 15. Tag (der Bericht geht ab jetzt rückwärts):

Wir haben uns heute keinen Wecker gestellt. Mal einen Urlaubstag beginnen ohne dieses blöde Klingeln um viertel vor 6, das mich jedes Mal aus dem Tiefschlaf reißt. Der Inhaber unseres heutigen Schlafplatzes in der schönen casa rural hat uns am Abend schon das Frühstück so vorbereitet, dass wir es früh selber zubereiten können. Wir dürfen dazu in seine Küche, dort ist schon Wasser und Kaffee in der Maschine, wir müssen sie nur noch einschalten und das bereitgelegte Brot toasten. Wir wachen sogar schon kurz nach 7 Uhr von selber auf. Herrlich kühle Luft weht durch das offene Fenster. Wir schauen direkt vom Bett in einen grünen Berg. Ich möchte am liebsten bleiben.

Baño de Montemayor
Fensterblick im Bad am großen Berg

Baños de Montemayor ist, wie der Name schon verrät, ein „Bad am großen Berg“. Es hat Bäder und Kuranstalten, die dem Ort einen großzügigen frischen Charme verleihen. Es ist eingebettet in begrünte Hügelchen, die man, nach der flachen Landschaft der Extremadura, durchaus als Monte Mayor bezeichnen kann. Die vielen Badegäste beleben den Ort, auch wenn sie eher älteren Modells sind. Sie kommen mit 70, baden und gehen mit 50.

Wir wollen heute nach Fuenterroble de Salvatierra, in die vom legendären El Cura Blas betriebene Albergue. Von ihm gibt es viele Geschichten. Er ist berühmt unter den Pilgern, für seine Projekte, für sein Engagement und für seine lustigen Geschichten. Das Internet ist voll mit Filmen über ihn. Braucht er Geld für seine Hilfsprojekte, organisiert er einen Stierkampf und ist selber der Torero. Er beschäftigt in seiner Albergue Menschen, die soziale Hilfe brauchen. Jeder darf bleiben, darf helfen und die Albergue verschönern und erweitern…

Wir laufen los in Baños de Montemayor und gleich einen kleinen Berg hoch, es ist viertel nach 8. Der Berg öffnet einen wunderbaren Blick zurück aufs Dorf. 20 Minuten später überschreiten wir die durch einen kleinen Grenzstein markierte Grenze von der Extremadura nach Castilla y León. Es fühlt sich auch sofort anders an. Sind Ländergrenzen durch eine Wechsel der Landschaft bedingt? Es ist seit Baños grün, es gibt eine ganz andere Vegetation als in der Extremadura. Es macht gleich viel mehr Spaß zu laufen, allein weil es anders ist.

Baños de Montemayor
Baños de Montemayor liegt schon hinter uns

Ich habe das erste Mal den Gedanken an das Ende meiner Wanderung. Mir fällt ein, dass wir nur noch zwei Tage bis Salamanca haben. Es ist interessant, wie so ein Urlaub abläuft: Die erste Woche vergeht langsam, man denkt voller Freude an die vielen Tage, die noch vor einem liegen und gewöhnt sich an das Urlaubsgefühl. Dann kommt der Wendepunkt, die letzte Woche bricht an und die Tage vergehen wie im Flug. Es kommt der Moment, an dem man das erste Mal an das Ende denkt, Wehmut stellt sich ein. Bei mir gibt es das heute  das erste Mal (die Tage davor war ich zu sehr beschäftigt mit Laufen, Ankommen, Schlafen, Weggehen). Mir gefällt der Wechsel der Landschaft und ich überlege, dass ich gerne weitergehen würde… weiter nach Galizien, noch weiter nach Asturien oder sogar nach Portugal, um die Veränderungen weiter zu erleben, um länger unterwegs zu sein und immer wieder neu anzukommen. Ich trage ein kleines Gefühl von Ablöseschmerz mit mir und es hält an. Bis sich Erschöpfung einstellt…

Kann ich schon sehen, was Castilla y León ausmacht? Ist der grüne Beginn typisch? Auch auf dem Weg heute und morgen ändert sich das Land erneut, die grünen Hügel weichen den weiten Feldern, es wird wieder offener. Es gibt wie in der Extremadura Weideflächen für Stiere und Kühe, auf denen Dehesas (die berühmten Eichen) stehen. Das ist der Extremadura ähnlich.

Was war nun die Extremadura? War sie extrem hart? Es war heiß und trocken. Es war, so sagen alle, ein außergewöhnlich heißer Mai. Es ist sonst im Frühling ein Naturparadies. Dieses Jahr ist die Ernte wegen zu früher Hitze teilweise vertrocknet. Daher ist mein Eindruck geprägt von gelben Feldern, die wahrscheinlich im März alle noch grün waren. Felder so weit das Auge reicht, sie zeigen wie fruchtbar der Boden hier ist. Es ist die einzige Region, die wir komplett durchwandert haben. In Andalusia waren es die hügeligen Olivenhaine, die den Blick fangen, in der Extremadura sind es die Weiten des Landes, auf denen immer wieder Stieren grasen. Man sagt, dass früher alles mit Eichen bewachsen war und die Affen von Gibraltar bis zum Atlantik von Baum zu Baum springen konnten. Dann kam die spanische Eroberungslust und mit ihr die Armada, man brauchte Holz für die Schiffe. Seitdem ist die Region fast ohne Bäume. Mir hat die Extremadura gefallen, es war anstrengend, teilweise hart, aber vor allem extremabuena.

Wir kommen durch ein kastilisches Dorf, Calzada de Bejar, trinken Kaffee und laufen weiter. Im nächsten Dorf, Valverde de Valdecasa, so wird uns gesagt, kann man Mittag essen. Wir erreichen es Viertel vor 2 Uhr. Wir haben von etwa 32 km bis Fuenterroble 20 km hinter uns. Es ist heiß jetzt und wir sind schnell gelaufen. Der Wirt in der Dorfkneipe hat eisgekühltes Bier, Tortilla und Tomatensalat. Das ist, was noch übrig ist, alles andere hat die Gruppe Radfahrer, die das Dorf vor uns passiert hat, vertilgt. Wieder dieses Gefühl, das Bier und Tomate nie zuvor besser geschmeckt haben. Wir schaufeln rein, als ob wir Tage nichts gegessen haben. Der Wirt freut sich und dreht dafür seine Musik auf. Er ist Fan von romantischer Schnulzenmusik. Voll Discosound und das in einem verschlafenen Dorf, das gerade mal 20 Häuser hat. Er selbst ist auch echt ein Typ, klein und rund watschelt er mit riesigen Mickey Mouse Turnschuhen durch sein Lokal, raucht Kette dabei. Wunderbar.

Gegen halb vier gehen wir weiter, El Cura Blas wartet, es sind noch etwa 13 km. Die Sonne brennt jetzt heiß. Die ersten Schritte sind schon hart, aber wir sind tapfer und laufen uns wieder ein. Nach etwa einer Stunde brennen meine Fußsohlen, die Nerven an der Ferse stechen wie kleine Blitze, ich wechsle in die Sandale, beginne weiterzulaufen… und höre plötzlich von hinten Motorradgeräusche. Wir sind auf dem Camino, nicht auf der Asphaltstraße. Wie immer mutterseelenallein. Wir wurden bislang nur von Mountain Bikes überholt, jetzt kommen richtige Biker. Nur so aus Spaß halten wir den Finger raus. Sie halten. Erst einer. Er sagt ja, als wir fragen, ob er mich samt Rucksack mitnehmen kann. Dann kommt sein Freund und nimmt auch meine Begleitung mit, muss es ihm etwas aufdrängen, aber ja, wir sausen zum Ziel, ich auf dem schnelleren Bike voran. Was für ein Erlebnis. Es geht hoch und runter. Wir sind off road, jede Kurve die wir schneiden ist ein Abenteuer, bei jedem Loch hüpft mein Herz. Keine Zeit für Angst, wir sind zu schnell. Der Typ ist ganz in Leder, ich bin nur in Eigenhaut, wenn wir fallen bin ich Matsch. Aber er weiß was er tut, und meine klitzekleine Angst geht in der großen Aufregung auf. Es ist einfach nur geil.

Ich kann mein Glück kaum fassen. So ein Zufall, es sind die einzigen Biker in den ganzen zwei Wochen. Und sie kommen ausgerechnet in dem Moment, in dem ich eigentlich fast aufgeben würde, wenn es nicht weitergehen müsste. Hätten sie uns zwei Stunden eher überholt, hätten wir sie nicht beachtet. Que suerte. Sie schickt der Himmel.

Wir sind dank dieser Hilfe kurz vor halb 6 in der Albergue. Wir werden herzlich begrüßt und bekommen im „Amerikahaus“ ein Doppelzimmer… gut!, wir müssen nicht in den Schlafsaal. Er mag uns. Wir hören, der Pfarrer ist nicht da, er holt Kinder die in Not sind und wird erst spät Nachts zurück erwartet. Uns bleibt sein Helfer, ein Franziskanermönch, der auch gut fluchen kann, me cago en la leche… Er ist da, weil man ihm gesagt hat, der richtige Platz um Verzicht zu üben und zu helfen, ist bei El Cura Blas.

Von ihm hören wir die aktuellen Stories: El Cura Blas hat unlängst die Verantwortung für ein Internat in der Nachbarschaft übernommen, das mal 1000 Kinder beherbergt hat, aber nun nach dem Tod des zuständigen Pfarrers wegen Geldmangels von der Kirche geschlossen werden sollte. Cura Blas wollte dies nicht zulassen und hat alle Kosten übernommen und ist nun wohl pleite und auf karitative Hilfe angewiesen. Er kümmert sich, zusätzlich zur Gemeinde und zu den Pilgern, um die Kinder, für die niemand Schulgeld bezahlt, aber die man nicht sich selber überlassen kann, die teilweise ohne Eltern sind. Eine großherzige Tat ist das. Seitdem schlafen der Mönch und der Pfarrer nur fünf Stunden pro Nacht. Und den Kindern ist geholfen. Wäre das nicht eine Aufgabe für die katholische Kirche, statt Gottesdienste in sakralen Prunkbauten in Salamanca zu halten, denen ein paar alte Frauen beiwohnen und in denen Kirche ganz weit weg vom Leben ist?

Es gibt aber auch lustige Geschichten. Der Mönch erzählt uns von dem letzten Alberguero, der hatte einen BH-Tick. Er hat über lange Zeit die BHs von den Frauen geklaut und gesammelt. Nachdem er weg war, hat man beim Aufräumen riesige Berge von BHs in einer Ecke der Albergue gefunden und sich sehr gewundert. Que risa.

El Cura Blas sehen wir nicht mehr, aber wir sehen was er geschaffen hat. Die Herberge ist eine Ansammlung von kleinen Gebäuden, die Pilger nach und nach an und um das Stammhaus gebaut haben. Es gibt Esel die auf Guten Tag in Eselsprache antworten, einen Gemüsegarten und einen Schweinestall. Man sammelt alles, was man irgendwann mal zu irgendwas gebrauchen kann. Es herrscht organisierte Anarchie. Ein Ort, der aus Spenden und durch die Hilfe anderer entstanden ist, aber nur durch eine charismatische Persönlichkeit wie El Cura Blas überhaupt existiert. Er zieht unzählige Pilger an, deshalb trifft man bei ihm auch immer alle möglichen Leute aus allen Ländern dieser Welt. Wir hatten einen netten Abend mit einem Kurden, der nach Schweden emigriert ist und zur Zeit mit dem Rad durch Europa fährt.

Wen es interessiert, es gibt unzählige Videos über El Cura Blas und seine Projekte im Internet.

Reiseberichte

Ankunft in Salamanca, aber noch nicht der letzte Bericht

Juni 6, 2015 — by Juli Tributs0

Montag, 1. Juni – Freitag, 5. Juni: kommen noch!

Samstag, 6. Juni, 16. Tag:

Wir sind in Salamanca!!! Heute Morgen um 7 Uhr waren wir noch in Fuenterroble, in der Pilgerherberge mit Franziskanermönch, von Feldern und Rinderwiesen umgeben. Was für ein Kontrast. Ich könnte jetzt flunkern und sagen, wir sind die über 50 km gelaufen. Aber ich kann auch einfach die Wahrheit sagen: Ich war kaputt von gestern. Ich habe kaum geschlafen, meine Nerven in den Füßen haben alle fünf Minuten gezuckt, vielleicht waren es auch die zu weiche Matratze oder der leichte Schweinstallgeruch, der durchs Fenster wehte oder mein Sonnenstich von den 32 km gestern, jedenfalls war ich heute sehr schwach. Schwer zuzugeben… aber warum sich quälen, wenn Salamanca so nah ist. Also haben wir nach etwa zwei Stunden Feldweg den camino verlassen und sind in ein Dorf abgebogen um zu schauen, ob es von dort irgendwie mit dem Auto weitergeht. Das war es! Aus, finito!

Eigentlich schade, es ging jetzt alles viel zu schnell. Und es tat auch gar nicht weh nach Salamanca. Ich saß fett und faul im gepflegten Volvo eines skurrilen Männerpärchens, der eine riesig und dick, der andere extrem klein und verwachsen. Hinten auf der cremefarbenen Rückbank ein kleiner Schnauzer auf einem geblümten Kissen. Im Kofferraum Angeln und Fotoausrüstung, sie kamen von einem kleinen Shooting auf dem Land zurück. Sie hielten sofort auf einer von Menschen und Autos verlassenen Landstraße an einem Dorf mitten in der Pampa, vollgebaut mit modernen, eher häßlichen Schinkenfabriken, die wie Fremdkörper im Dorf stehen. Wir sind im Dorf des Jamon Iberico. Am Samstag ist es allerdings wie ausgestorben, an der Bar mussten wir um 11 Uhr erst mal laut klopfen, damit uns aufgemacht wird. Aber immerhin leben hier Menschen. Im ersten Dorf, auf das wir nach unserer Entscheidung abzubiegen trafen, wohnen genau noch drei Alte, zwei davon haben uns mehr schreiend als sprechend erklärt, dass es hier keine Verbindung irgendwohin gibt, no hay comunicación. Der Mann hatte sogar noch einen Zahn im Mund, seine Frau hat ihn immer korrigiert, hombre. Sie leben noch im Dorf, um da zu sterben. Wenn sie weg sind, wird niemand mehr da sein. Aber sie wirken nicht unglücklich.

Entspannt und klimatisiert rollen wir in Salamanca ein, werden an der Puente Romano rausgelassen und stiefeln in die Altstadt.

Puente Romana in Salamanca
Über die puente romana nach Salamanca

Wir fühlen uns nicht würdig, in der Albergue de Peregrinos direkt an der Catedrale einzukehren, sind ja nun keine Pilger mehr… und checken im Hotel ein. Wir gehen Essen, sind dabei umgeben von Städtern und bezahlen das Dreifache wie auf dem Land. Wir besichtigen die Stadt, mit ihren riesigen Kathedralen. So schnell geht das.

Albergue de Pereginos in Salamanca
Albergue de Pereginos in Salamanca
Catedral Nueva in Salamanca
Catedrale in Salamanca

Ich sitze jetzt, 21.56 Uhr, in der Altstadt in einer Bar und schaue das Fußballspiel Barcelona gegen Juventus. Ich schaue natürlich nicht, sondern schreibe und überlege, in welcher Reihenfolge ich nun die letzten Tage veröffentliche. Es fehlen ja im Reisebericht ganze fünf Tage bis heute. Ich hatte so wenig Zeit, musste ja laufen und erleben. Manchmal war ich zu erschöpft, manchmal zu sozial und manchmal gab es schlicht auch keinen Internetempfang.

Da den Blog im Moment ja nur Freunde und Familie lesen, habe ich entschieden, die letzten Tage zu überspringen, auch wenn das spannungstaktisch natürlich ein Fehler ist. Ich schiebe die Berichte aber nach und ihr müsst versprechen, es trotzdem zu lesen (auch wenn ihr mich dann schon getroffen habt). Sie werden gut. Sie sind im Entwurf schon da.

Wie ist es nun, das Wandern? Wir sind von Andalusien durch die Extremadura ganz durch nach Castilla y Leon gelaufen. Ich würde gerne weiter Richtung Norden laufen, nach Galizien und bis an den Atlantik. Es ist toll, zu Fuß den Wechsel der Natur zu erleben. Und plötzlich zu realisieren, dass man wirklich woanders ist. Es gibt andere Landschaften, anderen Wein, manchmal andere Spezialitäten zu Essen. Zu Fuß erlebt man alles hautnah, man wird gesund, der Kopf wird frei, dem ganzen Menschen geht es vom Kopf bis zum Fuß (naja, dem Fuß ab morgen) immer besser, die Vorfreude auf eine kalten Kaffee kann nicht größer sein als nach 20 km zu Fuß.

Ich habe die gelaufenen km noch nicht zusammengezählt. Laut Google liegen zwischen Córdoba und Salamanca 500 km, zu Fuß ist es etwas weniger. Wir sind drei mal gesprungen, aber nicht viel. Wir hatten tolle Begegnungen, sehr viele schöne Zufälle, viel Alleinsein in der Natur, süße Dörfer und tolle Städte. Ich kann das Wandern auf Jakobswegen nur empfehlen! Mein nächster Urlaub wird eine Fortsetzung des Weges, von Salamanca bis … ? Oder vielleicht auch woanders hin … Wer weiß.

p.s. Das Lokal tobt, so viele Tore von Barce. Das Spiel ist aus. Blog online!

Reiseberichte

Juli in Caceres

Juni 4, 2015 — by Juli Tributs0

Juli in der Plaza de Torros in Caceres
El Juli en la plaza de Torros en Caceres

Samstag, 30. Mai, 9. Tag:

Wir wachen im Kloster auf, es ist

Retama, süß duftend und belebt
Retama auf der via de la plata

kurz vor 7 Uhr und es herrscht geschäftige Aufbruchstimmung im Saal. Na gut, stehen wir eben auch auf. Heute lassen wir es entspannt angehen. Wir haben es nicht so weit, es sind nur etwa 17 km bis zur nächsten Schlafstation, Aldea del Cano. Noch einen Ort weiter laufen wollen wir nicht, es wären noch mal 10 km mehr und das für eine Nacht im Rathaus auf dem Boden. Das muss nicht unbedingt sein. Nach dem Gewaltmarsch am Vortag ist die kurze Etappe perfekt. Wir werden vom Alberguero des Klosters herzlich verabschiedet: Wenn ihr wiederkommt, erwarten wir euch.

Gleich gegenüber vom Kloster ist die Bar mit Kaffee und Frühstück. Wir lassen es krachen und probieren gleich noch den lokalen jungen Wein. Nicht, weil es im Kloster am Abend keinen gab und wir unter Entzug leiden, sondern aus purer Neugier, weil er überall rumsteht. Die Hombres, die – wie soll es anders sein – auch schon auf ihren ersten Kaffee da sind, finden das gut und deuten mit Mimik und Gestik an, dass er irre schnell besoffen macht. In den Dörfern und Städtchen, durch die wir kommen, scheint es üblich, einen kleinen Schnaps zum Kaffee zu heben, manchmal sieht man ihn auch ohne Kaffee. Also Salut.

Es ist kurz vor 8 h und wir laufen los. Wir wandern an tausenden gelben Retama Büschen vorbei. Aus ihnen duftet es süß, es summt und lebt im Busch. In Deutschland gibt es Retama nicht. Ich mag sie sehr, sie begleiten uns vom ersten Tag an. Ab jetzt werde ich sie immer mit dem camino de la plata verbinden.

Wir sind auf der calzada romana, am Wegesrand stehen die ersten Meilensteine aus römischer Zeit, die miliarios. Auch sie begleiten uns von nun und weisen uns den römischen Weg, wir wandeln über vereinzelte Reste der Straße und kleine Brücken. Es ist unglaublich, wie lange die von den Römern gebauten Straßen erhalten sind.

Wir passieren ein kleines Dorf. Dieses Dorf hat etwas sehr besonderes für uns, wahrscheinlich muss man schon länger zu Fuß unterwegs sein, um sich darüber zu amüsieren. Schon von weitem sehen wir das Schild auf dem Dach: Night Club Pecado (auf Deutsch Sünde). Im Schriftzug steckt die Sünde im O, dieses hat kleine Teufelshörnchen und in ihm räkelt sich eine nackte Frau, das O selber ist ein Cocktailglas. Das kleine Haus daneben ist rosa angemalt. Huuuuuuuuh Sünde.

So weit so gut. Das ist ja nichts besonderes. Aber unmittelbar daneben steht das Altersheim, la casa de mayores. Wirklich keinen Meter entfernt. Beide Häuser stehen direkt an der Landstraße, außerhalb des Dorfes. Das finden wir lustig. Vor dem Altersheim parken viele Autos… Wen sie wohl besuchen? Oder hat die Oma besonders liebevolle Söhne… ?

Als wir um 12 Uhr in Aldea del Caño ankommen, ist es schon wieder schön heiß. In der Casa rural an der Mini-Plaza mit Kirche und mehreren Störchen auf dem Dach gibt es genau noch ein freies Zimmer. Das ist unseres.

Es ist toll, wie man in Spanien früher gebaut hat. Draußen hat es 37 Grad und innen im alten Landhaus ist es, ganz ohne Klimaanlage, schön kühl. Wunderbar, um am Nachmittag auszuruhen. Unsere Reise wird auch eine Entdeckungsreise der vielen Casas rurales, die in den kleinen Dörfern in den letzten Jahren mit staatlicher Hilfe entstanden sind. In unserem heutigen Fall wurde das Haus des Opas in ein Casa rural umgerüstet, Opas altes Zimmer war sogar unseres.

Die casas rurales sind immer alte und meist auf dem Land. Für die Renovierung und Verwandlung gibt es neben dem Kredit der Bank auch einen staatlichen Zuschuss. Die gesamten Finanzdaten sind, mit Gesamtinvestitionssumme, Eigenkapital und Kreditzinsen, auf einem Schild der Junta Extremadura an der Außenwand des Hauses angebracht und für alle einsehbar. Transparenz ist alles. Jedenfalls kann man in ihnen sehr schön wohnen, für etwa  15-25 Euro pro Person. Das Haus hat dicke alte Mauern und Holzdecken und ist spanisch rustikal eingerichtet. Mir gefällt das so gut, dass ich sie den Albergues vorziehe und dafür auch mal auf den ein oder anderen schnarchenden Italiener verzichte.

Es passiert nicht sehr viel mehr an diesem Tag. Wir gehen Mittags noch Essen in das einzige Restaurant und verbringen dort auch den Abend mit Blog und Fußball im Fernsehen… und natürlich vielen Hombres im Durchschnitt gefühlt eher über 70. Das Lokal ist das Wohnzimmer des Dorfes, wie immer.

Sonntag, 31. Mai, 10. Tag:

Wir laufen früh um 6.41 Uhr los. Wir haben geplant! Wir wollen nur 11 km nach Valdesalor laufen und uns die restlichen 12 km nach Caceras schenken. Es ist ja schöner, den Tag mit Kraft in der Altstadt, die zum Weltkulturerbe gehört, zu verbringen, als durch Felder und den unattraktiven Stadtrand zu laufen. Unser Plan sieht also vor, dass wir kurz nach 9 Uhr in Valdesalor eintreffen, dort einen Kaffee trinken und in den Bus steigen, der laut Fahrplan im Internet stündlich fährt.

Wir treffen wie geplant kurz nach 9 Uhr ein. Das Dorf ist eine von Franco errichtete, relativ neue Ansiedlung. Nicht besonders attraktiv und sehr verschlafen. Keine offene Bar weit und breit. Der Bus am Sonntag wurde aus Spargründen eingestellt. Mist. Unser schöner Plan. Wir wollen ihn aber noch nicht aufgeben…. Und wieder gibt es einen der schönen unverhofften Pilgermomente. Wir stehen unentschlossen rum, da kommt ein Kleinbus und hält und fragt uns, wo der camino ist. Im Auto sitzt ein Mann, der zu einer Wandergruppe aus Katalunien gehört, aber wegen seines defekten Beins nicht mitlaufen kann. Er spielt den Chauffeur und sammelt die Gruppe ein, wenn sie nicht mehr laufen mag. Wir haben Glück, die Gruppe will laufen und wir fahren mit ihm in die Stadt. Also, Plan hat nicht ganz so geklappt, wie wir wollten, sondern besser. Was für ein Zufall, wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. So ist das Pilgern. Es passiert immer etwas.

Als wir aussteigen in Caceres, sind wir schon mitten unter einer schattigen Allee, die sich als Sonntagsmarkt für alle guten Spezialitäten der Extremadura entpuppt. Neben Schinken und Salami sind das auch Käse, Kirschen und Wein. Ankommen der besten Art. Wir haben noch nicht gefrühstückt und probieren gleich los. Wir sind übrigens nicht nur auf der via de la plata und dem Camino de Santiago und den cañadas reales unterwegs, sondern auch auf der ruta de jamon iberico.

Caceres ist sehr entspannt. Es wurde 54 v. Chr von den Römern gegründet, die Altstadt ist wunderschön und gehört zum Weltkulturerbe.

Überall hängen große Plakate, die los toros mit Juli ankündigen! Wer ist Juli? Juli bin doch ich? Kein Witz, mein Namensvetter ist einer der besten Toreros Spaniens. Und er wird heute in der plaza de torros in Caceres sechs Stiere ganz allein bekämpfen. Es ist DAS Ereignis schlechthin. Die gesamten Einnahmen spendet El Juli für krebskranke Kinder. Und der Kampf wird, das wissen wir vorher natürlich nicht, zu einem der ganz seltenen, herausragenden Kämpfe, zu einem Jahrhundertereignis. Legendär. Und Juli Tributs ist dabei. Über die Corrida mit El Juli und Juli Tributs gibt es einen extra Blog, die Aufregung muss gesondert verarbeitet werden. Was jedoch unbedingt an dieser Stelle noch erwähnt werden muss, ist wieder der Zufall, der unser Pilgern begleitet. Wir sind am Sonntag, den 31. Mai in Caceres. Hatten ni puta idea vom Stierkampf und El Juli. Ich wollte eine Corrida besuchen, wir hatten schon in Córdoba und in Mérida gefragt… Jetzt in Caceres klappt es. Aber es ist nicht nur das, es ist auch noch der beste Torero da und er wird allein kämpfen, was es sonst nie gibt. Die Stadt bebt schon Stunden vorher vor Aufregung. Um 18 h geht es los. Die Arena (Plaza de Torros) ist gleich um die Ecke unseres Hostals (Zufall!).
Wir kaufen das Ticket schon um eins, besser ist besser, es steht auch eine kleine Schlange am Schalter. Man kann in die Arena rein, alles anschauen, sogar auf die Arena laufen (das ist die Sandfläche innen, auf der gekämpft wird). Es ist ein tolles Gebäude. Dicke Mauern. Rundgang. Wie eine römische Arena eben. Nur die Stiere und den Torrero dürfen wir nicht mehr anschauen, sie müssen ruhen. Jetzt heißt es warten und Stadt ansehen. Nach dem Kampf bin ich noch Stunden aufgeregt. Wir genießen die tolle Abendstimmung in der Stadt, es ist für viele Tage (bis Salamanca) der letzte Abend mit städtischem Flair.

P.s. Die Bilder sind nicht am richtigen Platz. Diese Problem bekomme ich hier nicht mehr gelöst…

Reiseberichte

Laufen wie die alten Römer: via de la plata

Juni 1, 2015 — by Juli Tributs0

Freitag, 29. Mai, 8. Tag:

Macht sich eigentlich jeder Mensch über den nächsten Tag Sorgen? Oder nur ich? Dabei ist es so sinnlos! Das könnte man doch endlich mal in der Lebensschule gelernt haben. Also ein für allemal: Schluss mit besorgtem Planen und Überlegen. Spontanität ist alles. Es kommt sowieso anders als man denkt. Auch kann man beim Wandern jeder Situation etwas Positives abgewinnen. Ist ein Weg zu lang, ist das Ankommen noch tausendmal schöner. Hinzu kommt der Stolz, dass man es geschafft hat. Und je weniger geplant ist, desto mehr Freiraum gibt es für uns, auf die Umgebung, die Leute und unsere Stimmung zu reagieren. Der Pilgerweg nimmt einem viele Entscheidungen ab, weil er die Route vorgibt und Angebote für Pausen macht. In diesem geschützten überplanten Raum können wir alles andere spontan entscheiden. Es kann nichts passieren. Wenn man das einmal verstanden hat, setzt die Entspannung ein. Bleiben wir an einem Ort länger, weil er uns gefällt oder wir eine Pause brauchen, interessiert das niemanden… kürzen wir den Weg ab, auch nicht. Wie lange wir insgesamt laufen ist ebenso egal wie die Tageszeit zu der wir starten oder ankommen. Zugegeben, es geht dann nicht mehr zurück, wenn man einmal auf dem Weg ist…

Und wie sieht das dann konkret aus, an dem Tag, als mir beim Laufen diese Gedanken durch den Kopf geistern? Nach der Gluthitze am Vortag laufen wir gerade noch im Dunkeln kurz nach 6 Uhr los, durch das schlafende Merida stadtauswärts. Der Weg führt am römischen Aquädukt vorbei, über dem sich schon der Himmel rötlich färbt. Auf dem Aquädukt wohnen etwa 50 Störche, es sind also nicht nur die Kirchen, die zum Nestbauen einladen. Sie klappern für uns den Weg im Konzert, buenos dias, buen camino. Ultrea!

So geht der Tag gut los. Es ist halb sieben und ein kleines Pilgerschild sagt uns, dass es eine Bar gibt, die extra für Pilger schon halb 7 öffnet. Es ist nicht mal ein Umweg. Und wir sind zur perfekten Zeit da. Erster Kaffee und das berühmte pan con tomate, unser Pilgerfrühstück. Wären wir eher los, hätten wir den Kaffe nicht bekommen, so aber ist es perfekt und ganz ungeplant.

Unter der aufgehenden Sonne sehen wir nun nicht nur unseren Weg, sondern auch die Wolken am Himmel. Herrlich, es ist bewölkt. So ist das beim Pilgern, alles passiert, einfach so. Nichts davon wussten wir vorher, um es in unsere Überlegungen einzubeziehen und doch haben wir alles richtig entschieden. Und wenn wir zu einer anderen Zeit losgelaufen wären, ich bin sicher, es wäre auch gut gewesen und es wären auch schöne Sachen passiert.

Unser Camino Mozárabe mündet ab Merida in die aus Sevilla kommende via de la plata. Hier überlappt der Camino de Santiago teilweise mit der alten Römerstraße, der calzada romana. So wie ich es verstanden habe, hatten die Römer in den 50iger Jahren vor Chr. den Süden Spaniens schon besetzt und wollten sich weiter nach Norden ausbreiten. Sie bauten dafür eine Straße bis nach Astorgas und an der Straße Orte, um zu rasten. Daraus sind die Städte entstanden, die heute teilweise zum UNESCO Kulturerbe gehören und in denen wir Pilger rasten, Mérida, Cáceres, Salamanca. Aus der Römerzeit gibt es Stauseen, Aquädukte, Brücken, Tore, Straßen. Alles überqueren wir oder passieren es auf unserem Weg.

Das ist noch nicht genug Bedeutung. Der Jakobsweg verläuft auch in großen Teilen auf den cañadas reales, den alten Schäferwegen, auf denen die Schäfer ihre Herde in den fruchtbaren Norden bewegt haben. Also der Weg hat eine lange Geschichte, gepilgert wird auf ihm wohl schon seit dem 12. Jahrhundert.

Ab jetzt sind wir nicht mehr allein unterwegs, den ersten Pilger aus Italia überholen wir am römischen Stausee, eine Stunde nördlich von Mérida.

Ganz anders als am Vorabend gedacht, sind wir beschwingten Schrittes unterwegs. Wir sind schon nach längerer Frühstückspause kurz nach 11 Uhr in einem Nest namens Aljucén. Hier hören viele für heute schon auf und schlappen nach der Dusche im Albuergue entspannt ins einzige Café am Platz. Andere Pilger stürzen daran vorbei, kaum den Blick hebend – bloß keine Pause machen, das kostet Zeit oder das beste Bett im Ankunftsort oder gehört schlicht nicht zum Programm eines getriebenen Wanderers. Ich komme ja an keiner der eh rar gesäten Bars vorbei, ohne einen Kaffee mit Eiswürfeln zu trinken und dabei die Bar zu checken, es ist zu interessant…

Andere Pilger studieren macht Spaß, wir hatten so lange keine. Die Spanier plaudern gerne, winken und rufen sich immer aus der Ferne ein buen camino zu. Italiener sind auch kommunikativ, laufen eher kurze Etappen und machen immer ein Päuschen in der Bar. Und dann gibt es noch den Typ Pilger, der auf ein freundliches buenos dias eines Spaniers mit HALLO antwortet (ist wahr). Naja, es waren bislang die einzigen Deutschen auf dem Weg, daher besser nicht verallgemeinern.

Wir hängen also ab, essen und trinken für 7,50 Euro das Mittagsmenü und haben keine Lust, nach den vier Stunden am Vormittag schon aufzuhören. Die frische kühle Luft beflügelt uns und macht uns mutig. Der Moment der spontanen Entscheidung ist da: weitergehen oder bleiben?

Wäre ich am Abend davor gefragt worden: Willst du morgen Vormittag 17 km laufen und am Nachmittag bei glühender Sonne noch 21 km weiterlaufen durch eine Landschaft, die die ersten zwei Stunden wunderschön ist und sich dann zwei Stunden schlängelt und keinen Schatten spendet. Nein. Hätte man mich gefragt, willst du bei bewölktem Wetter in einem Minidorf mit fünf älteren dicklichen Italienern im Albergue bleiben und den Nachmittag abhängen? Nein. Aber nach zwei Stunden Mittagspause und immer noch kühler Luft sind wir ganz klar und eindeutig für weitergehen. Schlappe 21 km scheinen uns bei bewölktem Himmel wie ein Nachmittagsspaziergang.

Es geht auch ganz wunderbar los, Mohnblumen, Kornblumen und blühender Oleander am Wegesrand. Eine Augenweide. Dann werden die Wolken weniger, es wird heiß. Toros stehen auf unserem Weg, keine deutschen doofen glupschäugigen Kühe, sondern spanische Stiere, die schwarzen, 600 kg schwer und gerne auch in der Arena im Einsatz. Im Moment fressen sie aber friedlich Gras. Und wenn schon, sollten sie angreifen, springen wir eben über den Zaun oder klettern auf einen Baum.

Brauchen wir dann zum Glück nicht… Es wäre auch unvorstellbar angesichts der Hitze eine Bewegung mehr zu machen als die des stetigen Voranschreitens. Die Wolken sind vollends weg, wir sind nahezu ohne Schatten in einem endlosen Tal unterwegs. Nächster Ort nicht in Sicht und die Sicht reicht weit. Google lügt ja auch nicht, es sind noch 2-3 h. Mein Trinkwasser ist warm, irgendwann ist es alle. Ich schalte in den Durchhaltemodus. Darüber wollte ich ja nur einmal schreiben, daher überspringen wir jetzt zweieinhalb Stunden und kommen an.

Auf uns wartet eine Nacht im Kloster in Alcuéscar, es ist zum Glück gleich am Ortseingang und heißt uns schon von weitem Willkommen. Ich mag Nächte in Klöstern. Die Klöster umfangen einen mit einer besonderen Atmosphäre. Es hat etwas von Zuflucht und Schutz, es ist würdevoll und großzügig. Kost und Logis sind frei, aber wenn einen die Kirche um eine Spende bittet, möchte ich den Pilger sehen, der nichts ins Döschen gibt.

Wir sind im riesigen Schlafsaal untergebracht, die Einzel- und Doppelzimmer sind schon voll. So ist das, wenn man 18.30 h als Letzter eintrifft. Aber es bleiben im Schlafsaal ungefähr vierzig Betten leer. Das hat auch etwas. Leere und Weite im Saal, statt eingezwängt in der Einzelzelle. Wir sind mit zwei Spaniern und zwei Franzosen im Saal, der eine bewegt sich seit meiner Ankunft gar nicht mehr. Ein anderer behandelt seine Blasen, begleitet von französischen Flüchen… putain de merde. Vor der Tür stehen dicke Bergstiefel, wir sind aber im flachen Land. Diesen Fehler habe ich nur einmal gemacht, flache Strecken bei 30 Grad überlebt man nur, wenn man wie die Römer läuft, die hatten auch keine Bergstiefel. Mut zur Sandale. Mein Schmerz kommt nicht vom falschen Schuh, sondern vom zu wenig laufen. Wer nur Rad fährt hat die ersten Tage ein Problem, es ist wahrscheinlich Muskelkater unter dem Ballen und der Ferse.

Abendessen gibt es im Speisesaal an einer langen Tafel gemeinsam mit den anderen Pilgern. Ich kann kaum sitzen (muss ein kleiner Sonnenstich sein) und schon gar nicht mich in vier Sprachen unterhalten. Die strengen Klosterregeln kommen mir entgegen, auch wenn es absurd ist. Wir müssen um zehn Uhr das Licht löschen, Bettruhe, draußen ist es noch hell. Fies. Das Liegen ist heute aber eh das Beste für die Beine. Also ab ins Bett, andere schlafen auch. Und siehe da, es geht… bis sich die ersten Pilger wieder regen. Das ist Gott sei Dank erst kurz vor 7 h.

Fazit des Tages: Spontane Entscheidungen sind gut. Es ist schön, als Letzte im Kloster anzukommen und mit den Hühnern ins Bett zu gehen. Die Etappen könnten sich mehr am Juli-Ideal orientieren und bei 27-29 km enden, 39 km unter glühender Sonne sind zu viel. Naja, es ist wie es ist und bringt uns nicht um. Dafür ist der nächste Wandertag kurz.

Reiseberichte

Nachtwanderung und Saharaluft, Extremadura!

Mai 28, 2015 — by Juli Tributs0

Mittwoch, 27. Mai, 6. Tag:

Es ist noch Nacht als wir unser Ränzlein schnüren. Wir schließen die Tür zur Albergue um 4.41 Uhr und stapfen los, Richtung Monterrubio, 33 km. Es geht durch die schlafende Stadt. Nachts ist es schön kühl. Wir folgen unserem gelben Pfeil, der den Pilgern den Weg durch ganz Spanien weist. Der Pfeil ist mit Liebe gemalt, an den skurrilsten Stellen… die man eben so findet in der Natur, wenn man den Weg weisen möchte.

Über uns sind tausend Sterne, die dicke milchige Milchstraße und sonst nichts. Die erste Stunde vergeht wie im Flug, ich sehe meine erste Sternschnuppe, sie verglüht erst kurz vor dem Auftreffen auf den Boden und zerfällt dabei in tausend kleine Sternchen, ein Traum.

Nachts bekommt das Pilgern etwas Verschwörerisches. Wir sind mutterseelenallein. Das sind wir tagsüber oft auch. Aber wenn man in die Ferne sieht, fühlt man sich sicher. Im Dunkeln sieht man nicht, wo man ist und nicht, wo man hingeht, es ist Abenteuer. Man verliert das Gefühl für Weg und Zeit. Langsam wird es hell, Felder soweit das Auge reicht. Hunde bellen uns an, die Sonne geht als roter runder Ball am Horizont auf. Auf einem Pflug breiten wir unser Frühstück aus, es ist genau 7 Uhr. Es gibt nichts Schöneres, als nach zwei Stunden Nachtwanderung die erste Pause zu machen, die Wärme der aufgehenden Sonne auf der Haut zu fühlen, in ein selbst belegtes Bocadillo zu beißen und in das weite Land zu schauen.

Frühstück bei Sonnenaufgang am Pflug
Frühstück bei Sonnenaufgang am Pflug

Danach sind wir leider voller Zecken. Die sind ein guter Grund, immer wieder anzuhalten für eine pequeña pausa. Fiese kleine Zecken! Sie schleichen sich, geschützt durch die Hose, am Körper hoch und beißen sich fest. Ja, aber nicht mit uns. Wir haben alle entdeckt. Die letzten allerdings erst im Hotel, 6 Stunden später…

Wir laufen und laufen, es gibt nur Kornfelder und Eichen. Wir nähern uns der Extremadura. Ab halb zehn breitet sich die Hitze aus. Selbst die Schafe rotten sich in großen Mengen unter einem Baum zusammen. Der spendet zwar kaum Schatten für die erste Reihe Schafe, geschweige denn für den ganzen Rest … aber es scheint immer noch besser zu sein als das freie Feld. Oder es ist einfach nur Herdentrieb. Nur die Ameisen scheinen unbeeinträchtigt und tragen fleißig Körner von einer Feldseite zur anderen. Das macht bestimmt Sinn, welchen genau, müssen wir Menschen ja nicht verstehen.

Fleißige Ameisen tragen Korn von einem Feld zum anderen Feld
Fleißige Ameisen tragen Korn von einem Feld zum anderen Feld

Wir sind jetzt schon weit über vier Stunden unterwegs. Wahnsinn. Aber was für eine gute Idee, so früh loszulaufen.

Es ist auch dies ein Erlebnis dieser Tage: die Wärmestufen, die man an einem Tag durchlebt und wie sie sich auf Wohlbefinden und Energie auswirken. Wie frisch fühlt man sich am Morgen und wie erschöpft  und gequält ist man in der Mittagshitze. Man denkt ja als tapferer Wanderer, man schafft alles. Aber das ist nicht wahr. Wandern ist definitiv unter 30 Grad einfacher. Für den Notfall (und für das Frühstück unterwegs) haben wir ein leichtes (i.S.v. von Gewicht) Spezialgetränk entwickelt, das uns wieder lebendig werden lässt: zwei kleine Packungen Nescafé und eine kleine Packung Kakao kräftig in Wasser geschüttelt, das schmeckt sogar gut und hilft sofort.

Wir schaffen es anzukommen, sogar zu einer halbwegs zu ertragenden Zeit, gegen 13 Uhr. Gerade noch rechtzeitig, bevor das gesamte Dorf in den Mittagsschlaf sinkt. Ab 15 Uhr ist hier bis mindestens 18 Uhr wirklich kein einziger Mensch auf den Straßen, die Luft flirrt vor Hitze. Sogar unser Hotel hätte geschlossen gehabt, wir hätten nicht mal einen kalten Kaffee bekommen.

Es ist das Beste, es den Einheimischen gleich zu tun. Nach 18 Uhr regt sich wieder etwas Leben, das Restaurant in unserem Hotel öffnet und wir werden vom Inhaber verwöhnt. Er hat uns (gerade noch vor der Siesta) mit Freude begrüßt und natürlich mit Pilgerrabatt aufgenommen, mixt uns Sangria nach Madrider Rezeptur, wie er stolz erzählt. Das Olivenöl kommt aus dem Ort und gut gekocht wird auch. Auf dem Kirchturm, vor unserem Hotel, sitzen wie immer Störche. Wir fühlen uns pudelwohl.

Kirchturm von Monterubio, natürlich bewohnt
Kirchturm von Monterrubio, natürlich bewohnt

Und je weniger ein Ankunftsort an Ablenkungen bietet, desto entspannter kann man am Abend auf der Terraza sitzen und schreiben. Es ist Urlaub!

Donnerstag, 28. Mai, 7. Tag:

Wir haben entschieden, aus 37 km 17 km zu machen und uns dazu noch eine ganze weitere Etappe zu schenken, wir laufen heute nur nach Castuera und steigen dort in den Zug nach Mérida (1 h fahren statt zwei Tage laufen). Es ist wahrscheinlich gegen jedes Pilgergesetz. Aber der heilige Jakob hat uns schon vergeben. Als ich heute am Bahnhof in Castuera gesehen habe, welche Wüste wir bei 35 Grad hätten durchschreiten sollen, kann ich uns nur zu unserer weisen Entscheidung am Abend gratulieren.

Wir sind um 6 Uhr los gelaufen. Haben im Dunkeln glatt den gelben Abbiegepfeil übersehen und sind daher auf der Nationalstraße gelandet. Kam uns nach einer Weile komisch vor, es fehlte unser gelber Pfeil und Straße laufen ist doof. Also sind wir durch Felder über Zäune quer durchs Land, bis wir wieder auf unserem Weg waren. Was für eine Wiedersehensfreude mit dem gelben Pfeil.

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In Castuera angekommen, weht schon so eine Art heißer Fönwind durch die Straßen. Es ist gerade mal 11 Uhr. Am allerletzten Ende des Ortes steht dann tatsächlich auch die Bahnhofsstation. Es ist wie im Western, kein Mensch weit und breit, Spiel mir das Lied vom Tod fällt mir ein. Hinter den Gleisen beginnt eine Art Wüste. Der Bahnhof sieht aus, als ob er geschlossen ist. Aber es ist nur die spanische Art sich vor Hitze zu schützen. Wir finden dann doch im Inneren der Station den Jefe de Estacion, der uns ein Ticket verkauft, später sein Stationswärterhut aufsetzt und mit einer Fahne dem einfahrenden Zug bedeutet anzuhalten und wieder abzufahren. Er nimmt seinen Beruf ernst. Es fährt drei Mal am Tag ein Zug Richtung Mérida, er kommt auch wieder zurück.

Bahnhof Castuera
Endstation Sehnsucht, Bahnhof Castuera

Eine Stunde später kommen wir in Mérida an, steigen aus dem klimatisierte Zug aus und es pustet uns Saharaluft entgegen. Ab jetzt wird das Wandern schwer. Es dauert bis 21 Uhr, bis man es außerhalb klimatisierte Räume aushält. Das macht es etwas schwierig, die schöne Stadt mit allen ihren römischen und maurischen Sehenswürdigkeiten zu genießen. Die Steinbänke, auf die wir uns absetzen wollen, glühen sogar noch gegen 19 Uhr. Vielleicht sollten wir einfach so tun, als seien wir – wie gestern – in Monterrubio und nichts tun, vor allem nicht rumlaufen.

Jetzt im Moment ist es 22 Uhr und nur noch sehr warm, ich trinke tinto fresco und wir diskutieren die große Frage: sollen wir morgen weiterlaufen? Ich denke ja, wir tun es.

Reiseberichte

Wanderlust und Wanderlast: Zu Fuß durch die Provinz Córdoba

Mai 27, 2015 — by Juli Tributs0

Montag, 25. Mai, 4.Tag:

Heu auf meinem Weg
Nach der Kornernte Provinz Córdoba

Es geht weiter zu Fuß durch die Provinz Córdoba ins 38 km entfernte Alcaracejo. Wir nutzen die frische Kühle der Morgenstunden, nehmen schnell um 7 Uhr den ersten café con leche in der Dorfbar (schon zusammen mit den ersten zwei – männlichen – Gästen; sind sie auf einen Kaffee da, weil sie keine Frau haben oder weil sie eine haben? Oder einfach weil es die Väter und Großväter schon immer so gemacht haben?). Schnell noch frisches Brot kaufen für das Frühstück unterwegs und los.

Die Morgenstunden sind die schönsten des Tages. Es riecht, schmeckt und klingt, das Licht ist wunderbar. Es fühlt sich so gut an, dass ich am liebsten hüpfen würde. Geht natürlich nicht, 10 Kilo Rucksack machen jeden schnellen Move unmöglich.

Aus den Wiesen steigt der Duft von Morgentau, Kräutern und Blüten. Die Vögel singen was das Zeug hält. Hunde bellen, die berühmten pata negras leben hier frei unter Eichen und grunzen, Schafe auf dem Weg wetzen die Hufe und laufen vor uns davon. Es ist das Paradies.

Die ersten vier Stunden hält dieses Glücksgefühl an. Wir treffen ab und an auch mal einen Menschen, meist ist es ein Bauer, der sein Land bestellt. Sie erzählen uns sofort ihr halbes Leben. Die hard facts einer Begegnung, es ist kurz nach 12Uhr, er kommt zu uns, weil die Hunde angeschlagen haben und überschüttet uns mit folgenden Informationen: Dieses Land gehört uns seit 100 Jahren. Ich bin schon 77, schaut mich an, ich wiege mit 77 noch so viel wie mit 22… mein Vater hat mit 60 geheiratet und drei Kinder bekommen, eines davon bin ich. Ich habe fünf Kinder. Mein Traktor ist schon 55 Jahre alt und ich bin sehr stolz auf ihn… usw. Leider hat er uns auch verraten, dass es bis zum nächsten Dorf noch 21 km sind und es noch vier Stunden dauert bis wir dort sind. Er hatte leider recht.

Und jetzt kommt die Geschichte, die ich nur einmal erzähle und den Rest der Reise nie wieder. Aber es gehört zum Wandern dazu, denn Wandern ist nicht immer nur Lust, sondern manchmal auch ein klein wenig Qual.

Es ist mittlerweile kurz nach zwölf. Die Landschaft hat sich seit heute Morgen wieder verändert. So weit das Auge sehen kann, nur Olivenhaine, die sich sanft wölben. Es ist heiß und langsam drückt das Gewicht des Rucksacks, zusammen mit dem Körpergewicht ist es für die Füße nach sechs Stunden eigentlich zu viel. Die weiteren zwei Stunden beginnen weh zu tun. Und es sind immer noch mindestens 10 oder 11 km. Der Weg endet heute nicht. Das was jetzt noch kommt zu den schon gelaufenen 28 km ist die Hälfte der ganzen Etappe von gestern. Oh mein Gott. Man braucht eine Stunde für fünf km, wenn man gut ist. Ich bin es nicht mehr, schleppe mich mit 3 km/h den Weg lang. Die Zeit steht, die Fußsohlen schmerzen und glühen. Die letzte Stunde ins Dorf geht nur noch durch Kornfelder, die Straße endet nicht. Der Asphalt, auf dem wir jetzt laufen brennt unter meinen Füßen. Ich taumle ins Dorf und starre gierig auf Stühle, die aus der Plaza Mayor durch die Straße blitzen und die ein Kaltgetränk verheißen. Dieses Bild von einem kalten Bier hat sich seit den letzten Stunden in meinem Kopf festgesetzt, der letzte Rest Wasser in meiner Flasche ist lauwarm. Wir kommen näher und der schlimmste Pilgertraum wird wahr. Es ist Montag um fünf und die zwei Bars am Platz und der kleine Supermarkt haben geschlossen. Puta madre.

In solchen letzten Momenten einer Etappe kann man sich nicht vorstellen, am nächsten Tag auch nur einen Schritt vor den anderen zu setzen, geschweige denn, wieder mit Lust weiter zu wandern. Es sind ja auch keine Spaziergänge! Aber dann ist es, wie es immer ist. Der Körper ist ein Phänomen, er regeneriert sich über Nacht. Und Schlaf und tinto am Abend heilen alle Verzweiflung. Der nächste Morgen ist dann wieder wunderbar. Ein neuer Weg wartet und ein unbekanntes Ziel lockt. Und es macht – yippiii – wieder Spaß.

Dienstag, 26. Mai, 5.Tag:

Heute sind es nur 23 km bis zum nächsten Ort, Hinojosa del Duque. Das letzte Ziel in Andaluciá, morgen übertreten wir die Grenze nach Extramadura. Was erwartet einen wohl, wenn die Region den Namen „Extremhart“ trägt?

Wir laufen durch weites flaches Land, immer wieder stehen ganz alte Eichen (Encinas) am Weg. Es gibt Bauernhöfe und riesige Felder. Es ist schön, der Morgen noch kühl.

Korn und Eichen
Zwischen Córdoba und Extremadura

Heute passieren wir sogar ein kleines Dorf auf dem Weg. Es gibt, wie in jedem Dorf bisher, auch ein Kirchlein. Und auf dem Kirchlein wohnt, wie auf jedem Kirchlein bisher, ein Storch.

Kirche mit Storch wie es hier tausendfach zu sehen ist
Kirche mit Storch wie es hier tausendfach zu sehen ist

Kein Kirchturm der nicht bewohnt ist. Es gibt offenbar keinen besseren Ort für Störche. Wissen wir eigentlich, warum das so ist? Wirklich bequem schaut so ein Turm ja nicht aus. Aber es ist der höchste Platz und auf dem tronen sie königlich, sie sind die Herren der Lüfte. (Während ich dies schreibe bin ich schon einen Tag und einen Ort weiter, sitze im Café unseres kleinen Hotels direkt neben dem Kirchturm. Auf ihm sitzen sogar sechs Störche in ihren Nestern. Und sämtliche Schwalben der Gegend haben sich ihre Nester darunter gesetzt. Toll.)

Zurück zu gestern, es gab wieder schöne Pilgermomente. Gerade als sich bei mir Erschöpfung einstellen wollte, tauchte schon das Städtchen im Blickfeld auf. Also los, noch eine letzte Stunde von heute nur etwa fünf Stunden Marsch. In der Polizeistation, so wußten wir, gibt es den Schlüssel für die Albergue, die das Städtchen direkt im Rathaus für Pilger eingerichtet hat. Unterkunft umsonst. Alles ist da, was man braucht. Spanien liebt seine Caminos und seine Peregrinos. Wir werden überall herzlich empfangen. Und wenn die Übernachtung nicht umsonst ist, gibt es  in jeder der kleinen Pensionen und Hotels einen Pilgerrabatt. Da hüpft das Pilgerherz. Es geht dabei gar nicht um das gesparte Geld sondern um das Herz hinter dieser kleinen Geste mit großer Wirkung.

Was gab es heute noch? Caracoles im Glas, meine ersten in Spanien, najaaaa, Veggies schaut lieber weg: Glibberig, schleimig, sehr lebensecht, man will sie besser nicht sehen und zu beißen gibt es eigentlich bei der Größe auch nichts. Einmal probiert und gut.

 

Caracoles, tatsächlich zum essen
Caracoles, tatsächlich zum essen

 

Und zum Abschluss dieses Berichts noch eine kleine Episode zur Gastfreundschaft. Mein I-Pad Akku ist leer… Ich weiß nun auch, das man mit dem Netzteil des Handyladekabels keine Pads aufladen kann. Leicht hysterisch laufe ich die Plaza auf und ab und schaue nach Lösungen. In der Bar haben sie noch nie einen I-Pad gesehen. Gegenüber der Albergue ist ein kleines Landwirtschaftsbüro, ich trau mich rein und werde mit großem Hola empfangen. Alle sind super nett, aber die Computertechnik ist sehr staubig und muss so aus den 90ern sein… nach einigem Suchen zieht eine Frau einen power adapter aus den Papieren des Chefs hervor. Sie hüpft vor Freude und gibt laute spanische Freudenschreie von sich, als er passt und auch lädt. Ich darf ihn dann sogar behalten. Sie schenken ihn mir, es ist nicht zu fassen. Und es ist gut so, denn er lädt ungefähr 10% Akku in einer Stunde. Als am nächsten Morgen um vier Uhr der Wecker klingelt, ist mein Pad immerhin schon wieder bei 55% :-)) Ich bin überglücklich.

Reiseberichte

Antequera, Feria in Córdoba, Camino Mozárabe de Santiago

Mai 26, 2015 — by Juli Tributs0

Freitag, 22. Mai. 1. Tag:

Es ist faszinierend, wie schnell man in einer anderen Welt ist. Man landet nach drei Stunden Flug in Malaga, ißt schnell auf dem Mercado Central verschiedenes gegrilltes Meeresgetier und fährt los Richtung Córdoba nach Antequera. Das entpuppt sich als idyllische Kleinstadt mit großer Alcazaba (das sind maurischen Festungen). Nur wenige Schritte weiter treffen sich die Hausbewohner der umliegenden Häuschen zum letzten Plausch in der Abendsonne. Männer und Frauen mögen das immer noch lieber getrennt …

Männlein und Weiblein. Hombres y mujeres

Und das Licht in Andalusia … Die Sonne ist wirklich heller und wärmer als in Deutschland, vor allem abends nach 21 Uhr:

Antequera
Antequera, am Abend

Samstag, 23. Mai. 2.Tag:

Das ist für mich Spanien im Mai:

Córdoba
Arboles lilas in Cordoba

Los arboles lilas. Sie blühen überall im Mai in Spanien, also auch in Córdoba.

Es ist Samstag und wir fahren weiter nach Córdoba. Wir sind noch nicht zu Fuß unterwegs, der vorerst letzte Tag, an dem wir in einer Stadt zivilisiert, also nicht erschöpft eintreffen. Wir haben Glück: Es scheint die Sonne… Nein, wir haben Glück, es ist „Feria“ in Cordoba. Ein Fest, für das sich alle Cordobesas, die großen und die kleinen, in ihre vestidos de volantes werfen und auf dem sie Sevillana tanzen. Man fährt auch gerne mit Kutschen vor oder reitet gleich selber hin. Ein Traum für Touristen.

Cordobesas zur Feria in Cordoba
Große und kleine Cordobesas auf dem Weg zur Feria

Jetzt weiß ich auch, die mini Kinderabsatzschuhe, die es überall zu kaufen gibt, sind ernst gemeint…

Zapatas de Flamenca
Zapatas de Flamenca gibt es in jeder Größe

Sonntag, 24.Mai. 3. Tag:

Am Sonntag um 7 Uhr geht es dann endlich los, wir wandern unsere erste Etappe nach Villaharta! Lächerliche 20 km, wir beginnen in einem Vorort von Córdoba. Es fühlt sich gut an, tipptapp, hoch runter geradeaus. Wir treffen stolze andalusische Pferde, alle möglichen  Blumen blühen am Wegesrand. Wir schauen in die ewige Weite Andalusiens. Auf dem Weg ist kein Mensch weit und breit. Wir sind die einzigen Pilger! Das wird die ganze Woche bis Mérida so bleiben. Einzige Kontakte sind die zu den Dorfbewohnern und ganz wichtig, zu den Barbetreibern. Wir passieren ein Mini Straßendorf für die Mittagspause und es sind noch 10 km bis zum Ziel.

Wir laufen und laufen. Und plötzlich kommt der Moment, der mich immer wieder aufs neue begeistert: wir sehen unser Ziel, ein Dorf scheint durch die Bäume. Gleich sind wir da.

Camino Mozárabe de Santiago, Villaharta
Villaharta, meine erste Etappe ist zu Ende

Das Ankommen ist immer ein Ereignis, was erwartet uns? Wie sieht es aus im Dorf? Wer steht in der Bar? Wie schmeckt der café con hielo?

Die einzige Bar in Villaharta hat auch gleich für uns ein Zimmer. Und überhaupt trifft sich hier das Dorf zum Café oder Bier trinken, gemeinsam Fernsehen schauen, quatschen. Die Bar ist der Mittelpunkt des Lebens. Man geht gleich früh nach dem Aufstehen hin und mindestens  noch einmal vor dem Schlafengehen. Es sind meist die Männer, die allein kommen, selten sieht man Frauen allein. Die tauchen eher in Gruppe auf, es wird dann auch meist sehr laut. Ein wunderbarer Ort, um Kontakt aufzunehmen.

Reiseberichte

Ich bin jetzt mal weg!

Mai 22, 2015 — by Juli Tributs0

°°°°Denn ich muss ja was erleben°°°°

Deswegen fliege ich heute nach Malaga und mache mich auf den Weg. Ich will mindestens nach Salamanca wandern. Ich beginne entweder in Sevilla oder in Cordoba. Rucksack ist gepackt, Restalkohol vom gestrigen Kanzleievent wirkt noch stimmungshebend. Es ist schön kühl und verregnet in München, bestes Wetter um abzuhauen. Mein Weg:

camino de plata, Juli's nächste 17 Tage
camino de plata, Juli’s nächste 17 Tage

Ich versuche mich dann die nächsten Tage mal als Reisejournalist. Oder Abenteuerautor. Oder der Blog wird Juli’s Diary. Aber vielleicht wird es auch langweilig, zu viele Stiere und zu viel Sonne, dann lasse ich es, who knows.

Bis dahin haut rein und lasst euch vom Wetter nicht deprimieren. Eure Juli denkt aus dem fernen Andalusien an euch!

Juli unterwegs
Juli unterwegs