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Radikal jung, radikal apathisch – Fortsetzung letzter Teil

April 23, 2015 — by Juli Tributs0

Es ist sauspät, ich bin saumüde. Jeden Abend muss ich mich nach dem Theater im Volksgarten bis in die Puppen unterhalten, am nächsten Tag wieder ganz normal ins Büro, meinem Brotjob nachgehen, und dann husch husch wieder in Theater rennen. Dennoch, über den heutigen Abend – Kings von Nora Abdel-Maksoud (auch Regie) in Zusammenarbeit mit Nora Haakh, eingeladen aus dem  Ballhaus Naunynstraße in Berlin Kreuzberg – muss ich gleich heute noch schreiben.

Denn der Abend hat, obwohl er – so der Vorwurf einiger meiner Mit-Schauer – eigentlich zu banal, sprachlich zu wenig tiefgründig und zu klamaukig war- wie kein anderer Abend polarisiert und extrem lebhafte und wortgewaltige Diskussionen nach dem Stück provoziert. Ich finde, das allein rechtfertigt den Abend. Wenn Theater das schafft, hat es doch mehr als seinen Zweck erfüllt.

Im Stück geht es letztlich um die Kritik unserer, auch social media getriebenen, Generation (20iger, 30iger, 40iger?…), die – so die These – nicht mehr rebelliert. Sie ist irgendwie anders, weil sie „es gecheckt hat“, kann und will dieses Anderssein aber nicht (mehr) „im Kollektiv“ gegen Missstände einsetzen. Auf die Aufforderung: „Empört euch“, fällt der Generation Facebook nichts ein. Sie ist apathisch, selbstbezogen. Man hat zwar „Kommunikationslust“, verliert sich aber im liken und im Selfie-Test. Einig ist man sich, den Kampf gegen die Apathie zu führen: Man „nimmt ja zur Kenntnis“, „unterschreibt Petitionen“ und „hasst Ikea und Laminat“.

Und so geht es munter zwei Stunden rund auf der Bühne. Ich fand es lustig, mag aber ab und an auch mal leichte und einfache Themenbearbeitungen. Und ja, genau diese Art der Kulturkritik ist vielleicht Teil des Problems. Es gibt hier auch keine Lösungen, das sagt die Regisseurin auch ganz offen. Aber es gibt für den, der sich nicht jeden Tag mit gesellschaftlichen Änderungen befasst, neue Denkansätze.

Und letztlich ist mein Fazit:  Wer will schon jeden Abend Kleist’s Prinz Friedrich von Homburg sehen (so am Vorabend)? Das Publikum jubelt wie bei keiner anderen Vorstellung während des Festivals. Also scheiden sich hier wohl die Geister, und was des einen Freud, ist des anderen Leid. Und den Schlusssatz nehmen wohl alle mit nach Hause, auch wenn er keinem wirklich hilft: „Käse kann schimmeln. Und was kannst du?“

 

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Radikal Jung, radikal busy – Fortsetzung Teil 1

April 21, 2015 — by Juli Tributs0

Großartiger Einstieg in den dritten Tag des Theaterfestivals Radikal Jung am Münchner Volkstheater. Und radikal busy ist es auch, wie erwartet. Und sommerlich warm. Herrlich.

Den gelungenen Start am Wochenende habe ich verpasst. Dafür gibt es Montag gleich die Doppelvorstellung. Und weil es am Donnerstag, den 23. April noch zweimal gespielt wird (18 und 21 Uhr) vorab gleich mein Favorit und meine Empfehlung für alle:   

Invasion!

Von Jonas Hassen Khemiri, Regie Pixar Karabulut. Eine Inszenierung des Schauspiels Köln,

Es ist lustig, es ist unmittelbar, es ist kreativ, es hat Sprachwitz. Dazu frisch und spritzig gespielt. Was wird aus uns, wenn wir jemand anders sind? Wie lebt es sich, wenn man plötzlich eine Identität als Abulkasem annimmt? Abulkasem könnte auch Jul Chen sein. Das spielt ja keine Rolle. Aber das unsere Sprache unsere Identität ausmacht, eine andere Identität die Wahrnehmung der anderen und damit reale Veränderungen bewirken kann, damit beschäftigt sich das Stück von Khemiri.

Ebenfalls sehenswert, aber erst nach dem Festival wieder am Düsseldorfer Schauspielhaus:

La Chemise Lacoste.

Von Anne Pepper, Regie Alia Luque (beeindruckende Regisseurin aus Barcelona)

Tennis als Sinnbild einer Gruppe uniformierter Gleichgesinnter, die auch oder gerade wegen der Ausgrenzung anderer ihre eigene Homogenität bewahrt und deswegen funktioniert. Was passiert aber nun, wenn das Fremde dazugehören will, wenn es die Regeln lernen will und nach und nach auch versteht. Darf das sein? Wer bestimmt die Regeln und lassen sie sich bewahren, wenn das Fremde eindringt? Soll nicht unten bleiben wer unten ist? Die Regisseurin findet viele sehr phantasievolle und plastische Bilder, mit denen sie uns konfrontiert mit ihren Gedanken zu Konformität, Uniformität, dem Anderen, dem Fremden und jeder kann sich selber fragen, wo er steht oder stehen will.

Überlebt habe ich es übrigens auch, aber in der entscheidenden Sekunde mit vor Schreck geschlossenen Augen: Der Tennisplatz, der vorher als grüne Wand auf der Bühne steht, knallt in seiner ganzen Größe bis an den vorderen Rand der Bühne. Oh Schreck! Und Schluss!

Dann der vierte Tag des Festivals, für mich der enttäuschend zweite Abend. Orpheus#. Von Ersan Mondtag. Regie Ersan Mondtag, Inszenierung des Schauspiels Frankfurt.

Das soll ja kein Blog für Verrisse werden. Jeder hat seine eigene Sicht auf die Dinge. Orpheus# – ist ein „Schauspiel – Tanzprojekt“, das sich mit dem Tod auseinandersetzt, mit Rache und Erinnerung. Ich habe leider weder Tanz gesehen noch habe ich die Schauspiel-Bilder verstanden, die der Regisseur findet. Nur tragende Musik reicht mir im Theater nicht. Gemeint hat es der Regisseur politisch. Aber so richtig klar wurde mir das während des Zuschauens nicht. Da es aber durchaus Zuschauer gab, die ergriffen und beeindruckt waren und die ja sehr treffsichere Jury, hier in Person von Kilian Engel, ganz viel darin gesehen haben, wird es wohl auch so sein…

Morgen gibt es Prinz Friedrich von Homburg mit „dem“ Samuel Koch aus „Wetten Dass“ und – darauf freue ich mich sehr – am Donnerstag Kings aus dem Ballhaus Naunynstraße Berlin. Mehr gibt es für mich dieses Jahr nicht, weil ich ebenda hin fahre. Aber für alle anderen: Ich würde mir, wenn ich könnte, Dschingis Khan anschauen (kommt am Freitag, 19.30 Uhr.) Und natürlich Sybille Bergs’s Stück Und jetzt: Die Welt! Das kann man aber auch noch so am Volkstheater sehen.

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Shabbyshabby Apartments in München

April 14, 2015 — by Juli Tributs0

Vote for your favorite shabbyshabby apartment at http://creative.arte.tv/de/labor/shabby-shabby-apartments !!! Noch bis zum 19.4.2015 !!!

Tolle Idee! Danke Matthias Lilienthal. Kaum in München angekommen, ist er mit dem großen Problem der Stadt konfrontiert: Schäbige Buden für sauviel Asche, und dann sind sie auch noch knapp.  Dies ändert sich für kurze Zeit, wenn man auf Dusche, Toilette und den eigenen Kram verzichten kann: Wir können ab September 2015, der neuen Spielzeit der Münchner Kammerspiele, shabbyshabby Apartments mieten. Statt ins Theater zu gehen, können wir für schlappe 35 Mäuse Teil unserer eigenen Wohn-Inszenierung sein – shabby Wohnen im Stadtgebiet. Die Buden sind in der ganzen Stadt verteilt. Sage und schreibe 258 Entwürfe wurden eingesendet. Die von der Jury unter der Regie von Traumlabor auserkorenen sehr hübschen Entwürfe sind zu sehen unter: http://raumlabor.net/shabbyshabby-apartments/

Das Volk durfte auch wählen (und darf dies noch bis 19.4.): Meine Lieblinge sind das Wohnklettergerüst am Isartor und der muschelartige Pavillon der sich auf der Tiefgarageneinfahrt am Max-Joseph-Platz kringelt. Das wird lustig, da will ich wohnen.

Wieviel Raum es in der Stadt noch gibt für kleine sehr schräge Wohnobjekte! Von den Jury-prämierten Buden gefällt mir „Yello Submarin“ sehrrrr … Schlafen in einer gelben Badewanne, die auf Pfählen im Eisbach steht, was will man mehr!!!

Also, Münchner, auf zum Wählen und dann zum Wohnen!

Und weil wir gerade von Häusern sprechen. Es gibt Neues von Erwin Wurm, auch er hat eine Vision: „I am still a house?“ fragt er… Was dabei herauskommt ist jetzt in Wuppertal im Skulpturenpark zu sehen. Herrlich!

 

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„Camino Real“ in einer Inszenierung von Sebastian Nübling an den Münchner Kammerspielen

März 29, 2015 — by Juli Tributs0

Sebastian Nübling inszeniert an den Münchner Kammerspielen Camino Real von Tennessee Williams. Und ich habe es schon gesehen, yippi, gestern, am 28.3.2015, war Premiere. Wer sich vor der Konfrontation mit einer Welt nicht scheut, in der Liebe und Wärme, Solidarität und Empathie für den anderen verloren gehen, dem sei der Theaterbesuch von mir sehr empfohlen.

Die Inszenierung ist archaisch, körperlich, eindringlich. Die Schauspieler geben alles. Und das überträgt sich auf das Publikum, welches gebannt dem verrückten Treiben zuschaut: Ist das unsere Welt? Mich lässt die Inszenierung bewegt und etwas verstört. Das liegt zum einen am Stück, vor allem aber am intensiven Spiel der wunderbaren Schauspieler. Ganz besonders bewegend sind die Szenen zwischen Risto Kübar in der Rolle des ehemaligen Boxers Kilroy und Sandra Hüller als Esmeralda, sowie zwischen Wiebke Puls als Marguerite Gautier und Oliver Mallison als Jacques Casanova.

Tennessee Williams schrieb an „Camino Real“ bis zur Uraufführung 1953 im national theatre in New York  „zwei Jahre“ .. „mit dem Fieber eines improvisierenden Jazzmusikers“ (man kann es sich vorstellen). Er erzählt von einem trostlosen Ort, am Ende der zivilisierten Welt (im Stück ist dies irgendwo in einer lateinamerikanischen Hafenstadt) und den Beziehungen der Gestalten, die es dorthin verschlägt: Es sind die Gescheiterten und die, die schon immer „unten“ waren. Von T. Williams als gesellschaftskritische Abrechnung mit den USA geschrieben, wird es dort von der Kritik nach der Premiere zerrissen. Dies ist sogar dem Spiegel in Heft 16/1953 einen Titelbeitrag wert, auf den hier verwiesen sein soll.

Sebastian Nübling erzählt die Schicksale aus heutiger Perspektive mit reduzierter Sprache, dafür aber umso körperlicher. Der „Camino Real“ ist bei ihm in einer Welt, die mit überlebensgroßen Teddy-Plüschtieren dekoriert ist, Symbol für billigen Konsum, und die beherrscht und bewacht ist von autoritären Ordnungshütern (wunderbar Jochen Noch als Polizist Gutmann). Zwischen diesen Teddies auf der einen und den Wächtern auf der anderen Seite spielen sich die persönlichen Dramen der abgehalfterten Figuren ab. Das „Eintrittsgeld“ für den Camino „ist die Verzweiflung, in bar auf den Tisch“. Er ist „ein Hafen zum Kommen und Gehen, es gibt keine Dauergäste“, der einzige realistische Weg aus dieser Welt ist der Tod (so wird auch in fast jeder Station einer Figur das Leben genommen). Jeder, der hier lebt, ist sich selbst der Nächste. „Warum macht die Enttäuschung die Menschen so unfreundlich zueinander“, fragt Jacques Casanova in einem der wenigen Momente der Nähe und Wärme seine Angebetete Marguerite. Doch diese ist schon lange in der inneren Isolation und auf der Flucht, vor sich und diesem „trostlosen Ort“, “an dem es keine Liebe mehr gibt. „Man hat sich nur aneinander gewöhnt“.

Wie wohl es da tut, dass Kilroy auftaucht. Ein ehemaliger Box-Champion, der weil sein Herz so groß wie ein Kinderkopf ist, Frau und Beruf verloren hat. Der naiv und optimistisch auf der Suche nach normalen Menschen ist. Er wird auserkoren, den Schleier von Esmeralda lüften zu dürfen, die jeden Monat ihre Unschuld zurückgewinnt. Und obwohl er weiß, dass dies den Tod für sein schwaches Herz bedeutet, sag er dafür „bitte bitte“. Diese Szenen zwischen Risto Kübar und Sandra Hüller, mit denen die Inszenierung endet, sind die eindringlichsten Momente des ganzen Abends.

Denn bei all der sozialen Isolation, fehlenden Solidarität und menschlichen Kälte, die einem in dieser Inszenierung um die Ohren gehauen werden, macht diese auch spürbar, dass es Empfindungen und Sehnsüchte noch geben kann… und diese vielleicht auch in unserer heutigen Welt überleben.

p.s. Schaut mal rein unter https://vimeo.com/123181300

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Radikal Jung, radikal busy – von Festival zu Festival in München

März 19, 2015 — by Juli Tributs0

Anlässlich der sich einstellenden Vorfreude auf Radikal Jung – Das Festival junger Regisseure – welches seit 2011 jedes Jahr zur selben Zeit am Volkstheater stattfindet, stelle ich fest, dass mein Leben vom Kulturkalender meiner Stadt München gesteuert wird. Ich bin fremdbestimmt und folge dem Rhythmus der Stadt. Und das unendlich gerne.
Beginnen wir im April: Radikal Jung steht unmittelbar bevor (vom 18. bis 25.April 2015). Das bedeutet eine Woche lang jeden Abend nach der Arbeit ins Volkstheater eilen. Es gibt Theater junger Theatermacher aus ganz Europa, seit zwei Jahren sogar darüber hinaus. Ich bekomme Theater der Welt präsentiert und bewege mich dafür gerade mal mit dem Rad in die Brienner Straße! Dort treffe ich jedes Jahr dieselben Leute, alle Fans des Festivals, manche kenne ich nur vom Sehen, andere kenne ich persönlich. Wir stehen im – mal schon mehr, mal weniger – grünen Innenhof des Theaters rum, beziehen das ein oder andere Glas Wein aus der Volksküche (oder wie immer das Lokal am Volkstheater gerade firmiert…), schauen, quatschen und fühlen uns pudelwohl. Mal ist es nachts im April schon schön warm. Und mal nicht. Dann hüpft man draußen herum, auf und ab, um beim Passivrauchen den ein oder anderen Gedankenblitz zu erhaschen. Ach wie schön es doch in München ist.
Und das Jahr schreitet weiter. Als nächstes steht das Münchner DOK.fest im Mai an (Internationales Dokumentarfilmfestival München vom 7. bis 17. Mai 2015). Nun sind es die einschlägigen Kinos, in die ich rolle. Und wieder öffnet München die Tore zur Welt. Manche Filme kenne ich dann schon von der Berlinale, die ja – ebenfalls stets zur selben Zeit – vorher im Februar stattfindet (das gehört aber nicht auf diese, meiner Stadt München gewidmete, Seite!). Aber das ist ja nur gut, denn das lässt mir mehr Zeit für die noch unbekannten Filme.
Kaum ist das DOK.fest vorbei, muss das Programm des Filmfests München (25. Juni bis 4. Juli 2015) mit dem Kalender und den Freunden abgestimmt werden. Dieses ist weniger unabhängig und weniger bunt, dafür kommt Hollywood ab und an auf dem roten Teppich vorbei. Nur gut, dass sich das Filmschoolfest München (das Internationale Filmfest der Filmhochschulen) wieder von der Idee, im Sommer an das Filmfest München anzudocken, verabschiedet hat und heuer im schönen grauen Herbst (15.-21.November 2015) stattfindet. Ein wunderbares Festival, das Einblicke gibt in das Filmschaffen der Absolventen und vor Kreativität nur so strotzt. Ich kann es nur wärmstens empfehlen uns sagen: auch das Schauen hält radikal jung.
Bleibt zwischendrin, in den wenigen Sommermonaten, die explosive Vorfreude auf den Beginn der neuen Spielzeit der Münchner Theater, überwiegend im Oktober eines jeden Jahres. In den Wochen, in denen Theaterpause ist, kann man endlich mal einfach faul in einem der immergrünen Biergärten hocken oder einfach nur die Seele in einem der Freibäder der SWM baumeln lassen. Dann gibt es noch die vielen Galerien, Museen, freien Theater, Konzerte.… Aber wie schön ist es doch, wenn mein Kalender nicht vorbestimmt voll sondern einfach erst mal leer ist. Und wie schön, wenn er mich dann wieder kaum durchschnaufen lässt.

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„Jagdszenen in Niederbayern“ inszeniert von Martin Kušej

März 16, 2015 — by Juli Tributs0

Jagdgründe, Abgründe. Es knallen Schüsse nieder auf Abram, der allein vor einer riesigen Bretterwand im Lichtkegel einer Taschenlampe steht. Das ist das Ende. Damit beginnt Kušej’s Inszenzierung von Martin Sperrs „Jagdszenen in Niederbayern“ an den Münchner Kammerspielen. Erzählt wird von hinten nach vorne. Die Todesnacht zu Beginn ist rabenschwarz, und so schwarz und so bedrückend bleibt es den ganzen Abend.

Gleich bedrückend auch die zweite Szene, in der ein ganzes Dorf Jagd macht auf Abrams, den Außenseiter, der so anders ist, der Männer mag. Man will ihn lebend fangen, wie ein Tier anschießen. Seine Mutter (intensiv und eindringlich gespielt von Gundi Ellert), selbst auch ein Gewehr in der Hand, verlangt aber etwas anderes: „bringt ihn um, damit ich keine Mutter mehr sein muss“. Damit sind die Gefühlswelten aller Personen des Stückes zueinander schon umrissen: Es gibt keine Liebe in dieser Welt (die nicht nur eine niederbayerische ist, sondern die überall sein kann), nicht zwischen Mutter und Sohn, nicht zwischen Mann und Frau, nicht zwischen Abram (männlich gespielt von Katja Bürkle) und Tonka (trostlos gespielt von Anna Drexsler) , die von Abram schwanger ist und die Abram ersticht, weil er sie, ihre vermeintliche Liebe oder vielleicht auch nur ein neues Leben in dieser Welt nicht erträgt.

Und so setzt sich im Zuschauer das Unwohlsein fest. Unwohlsein entsteht in vielen einzelnen Momenten und bleibt in der Erinnerung haften. Besonders stark auch, als Tonka sich dem Knecht und Kriegsheimkehrer (hervorragend dargestellt von Hans Kremer) in freudloser Lust hingibt und dieser sie ohne jede Zuneigung nimmt.

Nähe könnte entstehen zwischen Abram und Rovo, dem behinderten Jungen. Aber selbst diese Nähe soll nicht sein. Rovo, selber Außenseiter, muss Tonka als Hure beschimpfen und verliert damit jede Zuneigung, die sich in der Szene zuvor eingestellt hat. Der Knecht der für Rovo’s Mutter (Cristin König) arbeitet und ihr Liebhaber sein darf, ergreift zwar Partei für Abram’s Anderssein, weil er und andere Männer „sowas mit Männern“ im Krieg auch gemacht haben. Aber auch diese Solidarität, eh nur im geschützten Raum des Schlafzimmers geäußert, wird nicht zu echter Solidarität und den ausstehenden Lohn muss man „so einem“ natürlich nicht mehr ausbezahlen. Rovo’s Mutter die mit dem Knecht lebt, wird selber vom Dorf ausgegrenzt, weil sie ja noch mit einem Mann verheiratet ist, der im Krieg verschollen ist. Aber auch sie hat kein Verständnis und keine Empathie für die anderen oder die, die anders sind.

Warum auch, steht sich hier doch jeder selbst am nächsten. Gemeinschaft entsteht hier nur in der Ausgrenzung vermeintlich Andersartiger.

Kušej inszeniert unterkühlt und erzeugt durch die fehlende Emphatie, die die einzelnen Figuren in ihrem Verhältnis untereinander kennzeichnen, beim Zuschauer ein seltsames Gefühl der Distanziertheit zum Bühnengeschehen. Wie sehr es einem als Zuschauer doch fehlt, dass man sich mit niemandem solidarisieren kann, sich nicht identifizieren kann und keinen lieben kann. Opfer werden zu Tätern. Es gibt keine Helden, es gibt keine Lieblinge (außer natürlich die tollen Schauspieler, die man um ihrer Darstellung willen liebt). Es bleibt Unwohlsein und distanzierte Betroffenheit. Aber die setzt sich fort bis in den nächsten Tag.

 

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Schnell noch in „Unser Dorf soll schöner werden“ zu „Wunderbaum“ in die Münchner Kammerspiele

März 11, 2015 — by Juli Tributs1

Unser Dorf soll schöner werden“ läuft nur noch bis 14. März 2015 im Werkraum der Münchner Kammerspiele!!! Dann entschwinden die Wunderbäume wieder nach Hause. Zu Hause ist in Holland. Von da holte sie Johan Simons am Ende seiner Intendanz und… ließ sie mal machen. Herausgekommen sind selbst geschriebene und selbst gespielte „Acts“ (Wunderbaum=Walter Bart, Maartje Remmers, Marleen Scholten werden dabei verstärkt durch die Schauspieler Stefan Hunstein und Steven Scharf aus dem Ensemble der Kammerspiele).

In diesen Acts werden von Wunderbaum reale Diskussionsbeiträge diverser in unserer Gesellschaft auftretender Typen zu aktuellen gesellschaftlich relevanten Themen, insbesondere zu Umwelt und Nachhaltigkeit, verwertet. Es treten auf: eine transformierte Managerin, ein BMW-Designer, der auch Kunst mag, (Umwelt)aktivisten, eine Klimaexpertin („pessimistisch seit ihrer Geburt“). Man wartet auf Naomi Klein, die dem BMW Designer wie eine Wassermelone scheint, innen rot und außen grün. Es geht um Kapitalismuskritik genauso wie um Ökoaktivismuskritik, um neoliberale Ideen im Zeitalter von Klimawandel, um Geschlechterrollen und Rollenklischees, um Selbstverliebtheit und Egozentrik von Managern, um den BMW i3 und den Trommelsound von Phil Collins. Es gibt keine Guten und keine Bösen, alle werden ironisch demontiert. Naomi Klein, real existierende Umweltaktivistin, hier dargestellt von Walter, endet nach wenigen Sekunden Diskussion im verbalen und physischen Nahkampf gegen den BMW-Designer Walter am Boden.  Soviel zum Thema Toleranz und Diskussionskultur.

Ich mochte den Abend sehr, fand die erste Stunde großartig, war in der zweiten Stunde etwas verloren und habe nicht mehr jeden Zusammenhang zwischen den „Acts“ verstanden. Aber machte nix, war trotzdem irgendwie unterhaltsam. Dies vor allem durch die wunderbaren Schauspieler, die alle wahnsinnig gut spielen. Am Ende verkauft Walter  im Foyer das aktuell erschienene Buch von Naomi Klein („Die Entscheidung. Kapitalismus versus Klima“)  in drei Sprachen, die deutsche Ausgabe ist die teuerste. Fast die schönste Idee des Abends als krönender Abschluss.

Daher schnell noch in die Kammerspiele gehen und den Wunderbäumen zuschauen bei ihrem irren Spiel.

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Erste Begegnungen mit Matthias Lilienthal, dem neuen Intendanten der Münchner Kammerspiele

März 7, 2015 — by Juli Tributs0

Seit kurzem stelle ich bei mir einen gewissen Lilienthal-Hype fest. Ich liebe die Münchner Kammerspiele. Habe dort seit meinem Umzug nach München 1995 fast alle Vorstellungen gesehen, die letzten zwanzig Jahre waren ja wahrlich das Intendantenparadies. Was für ein Glück, die Ära Dieter Dorn – Frank Baumbauer – Johan Simons – mit so vielen und so tollen Inszenierungen, immer wieder mal neuen und immer fabelhaften Schauspielern mitzuerleben. Und jetzt? Kommt etwas Neues.

Da ich das Neue nicht kenne, bin ich zunächst etwas besorgt und, auch wenn ich das nicht gerne zugebe, ein kleines bisschen voreingenommen. Und jetzt?

Jetzt begegne ich dem Neumünchner aus Berlin ständig, ganz zufällig natürlich. Das gefällt mir. Er kennt mich nicht, ich erkenne aber ihn und freue mich irgendwie ihn zu sehen. Weil er so anders ist. Mein erster Eindruck: Er tut München gut. Er ist schon optisch schräg (und meist auch etwas grell, was aber auch an seinen quietschorangen und quietschgelben T-Shirts liegt). Er ist anders und er strahlt etwas Kraftvolles aus – Energie, Offenheit und Unmittelbarkeit.

Es gefällt mir auch, dass endlich mal ein Kreativer nicht von München nach Berlin zieht, sondern von Berlin nach München.

Also kreuzen sich nun unsere Wege im Dorf München. An dem Mittwoch, als Susanne Hermannski mir in der Süddeutschen Zeitung im Lokalteil für München ausführlich über Shabbyshabby Apartments, das erste Kunstprojekt der Münchner Kammerspiele unter der Intendanz von Matthias Lilienthal, erzählt, sitze ich abends mit Freunden im Fraunhofer. Plötzlich schlappt Matthias Lilienthal rein, oranges T-Shirt, schlurfige Jeans, wilde Frisur. Wir versuchen, ihn nicht allzuseher zu beachten, ich schiele trotzdem immer mal wieder hin. Keiner meiner Freunde am Tisch glaubt mir, dass er der neue Intendant der Kammerspiele ist. Nur mit Mühe kann ich meine Freundin aus New York abhalten, gleich mal hinzugehen, ihm das Foto aus der SZ unter die Nase zu halten und zu fragen, ob er das nun ist oder nicht. Jedenfalls unterhalten wir uns alle am Tisch plötzlich über Wohnen im Container auf der Maximilianstraße und darüber, ob wir uns trauen würden, zu Wempe auf Toilette zu gehen. Und wie es sich sonst so auf der Straße im Container lebt, ist ja nur für einen Tag. Shabbyshabby Apartments heißt: Es werden 22 Wohngebäude im öffentlichen Raum Münchens entstehen. Im Moment läuft dafür der Design-to-build-Wettbewerb. Und dann darf man wohl ab Mitte Oktober für eine Nacht im shabby Apartment wohnen.

Tolle Idee, sich auf diese Weise in München künstlerisch mit Wohnungsknappheit und zu hohen Mietpreisen, die sich keiner mehr leisten kann, auseinanderzusetzen. Auch wenn man dies als Münchner nicht mehr hören und lesen kann… Dennoch, es ist trotzdem gut, wenn Kunst weiter auf die Misere aufmerksam macht. Vielleicht erreicht es ja doch den ein oder anderen Vermieter.

Und irgendwie verschmelzen hier ja auch wirklich private Themen mit öffentlichen Themen. Theater wird zum Leben und Leben zum Theater. Und wieder eine Begegnung mit ihm. „Hallo ich heiße … und wohne bald in München… bin Berliner Altbauten gewohnt… und suche…“ lese ich eines Tages im privat organisierten E-Mail-Verteiler „Budenschleuder“, in dem ein Matthias Lilienthal nach einer Wohnung in München gesucht hat. Ich suche dort auch, für einen spanischen Freund. Die Suche ist lang und frustrierend. So auch für ihn, wie mir später Gabriela Herpell im SZ Magazin berichtet hat.

Und so geht es weiter mit mir und Herrn Lilienthal, er steht nämlich auch mal gerne auf der Straße rum, auf der ich auch laufe, und und und … Jedenfalls führen diese zufälligen Begegnungen zusammen mit den Artikeln in der SZ, die dann meine persönliche Wahrnehmung spiegeln, zu diesem gewissen Hype, den ich bei mir diagnostiziere. Und klar, nichts erlaubt mir im Moment eine fundierte Einschätzung, da ich weder den Menschen Matthias Lilienthal noch seine Arbeit kenne. Was aber erlaubt ist, sind Vorfreude und Spannung. Also freue ich mich auf den Beginn der neuen Spielzeit im Oktober 2015 unter Matthias Lilienthals Intendanz. Bis dahin schaue ich mir noch alle laufenden Inszenierungen der Kammerspiele an. Und dann geht es nach kurzer Sommerpause auf zu Shabbyshabby Apartments.

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Castdorfs Baal – Was tun mit dem Helikopter?

Februar 22, 2015 — by Juli Tributs0

Baal Inszenierung von Frank Castdorf am Residenztheater zum letzten Mal am 28.2. in München

Das hätte ein so schöner Abend werden können. Ich hatte mich auf viereinhalb Stunden Theaterwahnsinn á la Castdorf gefreut. Wollte mir dafür einen besonderen Tag heraussuchen, um munter und aufnahmebereit zu sein. Nun war der Suhrkamp Theaterverlag als Vertreter der Brecht-Erben schneller. Und ich zu langsam. Die Castdorf Inszenierung von Baal darf nur noch einmal in München gespielt werden, am 28.2.2015. Die Karten waren sofort ausverkauft. Wer es schafft, kann nach Berlin zum Theatertreffen fahren. Dorthin ist die Produktion als eine von zehn Inszenierungen des Jahres eingeladen und darf noch einmal in der Originalversion gezeigt werden.

Man könnte jetzt über das Theater hinter dem Theater räsonieren und mit Schlaumeiersätzen um sich werfen: Wie kann einem professionellen Haus so etwas passieren? Wie verträgt sich Urheberrecht überhaupt mit dem Theater. Will jemand den Baal in Urform heute noch sehen und hätte man das nicht alles wissen müssen, wenn Castdorf den Baal inszeniert? Ja ja im Nachhinein sind alle klüger. Das Urheberrecht ist nun mal geschützt und Werkänderungen bedürfen der Zustimmung der Rechteinhaber. Die gab es dann offensichtlich am Ende doch nicht. Hätte müsste könnte…

Eigentlich frage ich mich aber:

Wie geht es nun aber mit dem Helikopter weiter? Baal spielt bei Castdorf nämlich in Vietnam, „Apocalypse Now“. Heli steht nun untätig auf der Nebenbühne rum. War’s das? Wie kam er eigentlich durch das Dach? Und wie kommt er jetzt wieder raus?

Und wie geht es den Schauspielern, die für viereinhalb Stunden Aufführung geprobt haben und nun nicht spielen dürfen.

Wie schaut Baal aus, in dem kein Baal drin ist? Was macht das Resi nun aus dem Ding? Kann ich bald die Heli-Version ohne den Text von Brecht sehen?

Fragen über Fragen. Schauen wir.