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Theater News

Mittelreich – Josef Bierbichler’s Roman an den Münchner Kammerspielen

Februar 23, 2016 — by Juli Tributs0

Mittelreich in der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler an den Münchner Kammerspielen ist zum Berliner Theatertreffen 2016 eingeladen!

Ich gratuliere und freue mich für das Theater. Und kann endlich eine Inszenierung unter der neuen Intendanz von Matthias Lilienthal uneingeschränkt empfehlen.

Wie bringt man diesen Lebensroman Mittelreich von Josef Bierbichler, voll mit lebensumspannenden, tief symbolischen Bildern, Geschichten und viel Lokalkolorit auf die Bühne eines Theaters? Was zeigt man, was lässt man weg? Zehn gelebte Jahrzehnte einer Familie, durch zwei Weltkriege hindurch, durch Zeiten mit gesellschaftlichen Umbrüchen, Zeiten des einkehrenden Wohlstands („Mittelreich“). Der Roman ist die biographisch eingebettete Auseinandersetzung mit der Bigotterie im katholischen Bayern mit seinen Nazi- und Kommunistenströmungen, den Zwängen des Erbes, der Enge der Familie, dem Unverständnis für den Anderen, der Verdrängung von Wünschen und von Schuld – Verdrängung, die das Leben vielleicht erträglich macht, es zugleich aber auch entwertet.

Die Süddeutsche Zeitung, mein Theaterorgan schlechthin, hatte die Inszenierung so besprochen, dass einem die Lust eher vergangen ist. Wer schaut sich schon freiwillig ein „saft- und kraftloses Musiktheater“ an (SZ vom 24.11.2015)? Meine Geneigtheit, Inszenierungen gut zu finden, war zu der Zeit auch nicht allzu groß. Ich hatte gerade den Spieler, Caspar Western Friedrich, Rocco und seine Brüder hinter mir, die neuen Schauspieler haben mich enttäuscht, die verbliebenen Schauspieler des alten Ensembles machen einem schmerzhaft den Verlust deutlich, die Regisseure haben bislang noch nicht überzeugt. Die Webseite nervt und man schwelgt in Wehmut über das verlorene Regietheater, welches durch Kongresse zur Weltlage, Konzerte und Off-Theater Performances nicht adäquat ersetzt wird. Mit der Stimmung, alles weitere auch schlecht zu finden, saß ich nun also in Mittelreich.

Und wurde in den Bann dieser Familiengeschichte um den Seewirt aus Ambach am Starnberger See gezogen. Anstatt Musiktheater bekam ich Schauspielertheater. Steven Scharf darf als Gast den Semi, Sohn des Seewirts und Alter Ego von Sepp Bierbichler spielen und tut das ergreifend und wohltuend professionell. Annette Paulmann überzeugt als des Seewirts unglückliche Frau.

Die Inszenierung beginnt mit dem Ende, der Beerdigung des Seewirts (Stefan Merki). Die Familie sitzt auf Stühlen und singt „selig sind die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden…“.  Das ist ergreifend einfach. In der Rückschau entblättert Anna-Sophie Mahler dann die Motive des Romans und konzentriert sie auf die stärksten und eindrucksvollsten, die, die man als Leser des Romans sofort wieder erinnert. Das Bühnenbild ist der bayrischen Gastwirtschaft nachempfunden, erweckt aber eine bedrückende Assoziation von Enge.

Der Seewirt, der eigentlich Singen will, heiratet und übernimmt die Wirtschaft der Eltern, um sein Erbe nicht zu verlieren. Er ist es, der den Hof und die Gastwirtschaft zu ihrer Blüte bringt und der Familie den Wohlstand. Glücklich wird die Familie dadurch nicht. Die Ehe zwischen dem Seewirt und seine Frau ist lieblos – sie leidet unter der freudlosen Anwesenheit der Schwestern des Seewirts und unter fehlender Liebe, er hat sie zwar geheiratet, lebt mit ihr aber ohne Leidenschaft. Vielleicht ist diese im Krieg abhanden gekommen, vielleicht schon vorher, als der Traum vom Gesang enden musste. Das Verhältnis zwischen Semi und seinem Vater ist distanziert. Verdrängung – „nicht hören“ und „nicht wissen wollen“ bestimmen das Leben aller und ihr Verhältnis zu einander. Der Vater verdrängt den Krieg und seine Mittäterschaft bei der Vergasung von Kindern ist das Bild für Schuld und Verdrängung. Den jungen Semi verschickt man ins Internat, er möge dort fromm werden. Er verdrängt seine Einsamkeit und lernt und wird trotzdem nicht froh. Man hört ihn nicht, als er den Eltern den ständigen Missbrauch durch den Klosterbruder im Internat beichtet, „das bildest du dir ein, bete nur ein Vater unser“ ist alles was die Mutter ihrem Sohn dazu sagen kann. Damit zerbricht auch die Liebe des Sohnes zu seiner Mutter.

Das tragische, unglückliche Fräulein Zwittau outet sich als der Zwitter der sie ist und geht daran zugrunde, von ihrer Umwelt verkannt (irritierend mit hoher Stimme gesungen und gespielt von Damien Rebetz). Selbst im Sterben gibt es keine Erlösung, die Mutter verfällt im Rollstuhl, der Vater trifft der Schlag als ihn Semi mit der Wahrheit über seine Teilnahme an einem Kriegsverbrechen konfrontiert. Einzig der polnische Flüchtling (Jochen Noch), anhänglich und froh beim Seewirt ein Heim gefunden zu haben, ist bei sich und dankbar, ob seiner Existenz an diesem Ort. Er folgt dem Seewirt bis in den Tod, Zeichen für Treue und zugleich aus Angst vor der Einsamkeit.

Schon der Roman ist so bildhaft erzählt, dass sich Motive fest in das Gedächtnis einbrennen. Eine reduzierte Erzählweise, wie sie Anna-Sophie Mahler anwendet, tut diesem an Bezügen  und Geschichten reichen und überbordenden heimatverbunden Roman gut. Es wäre sonst zu viel. Die Inszenierung bringt die Schauspieler zur Geltung, sie transportieren diese bigotte Welt, die unterdrückten Gefühle derer, die in ihr leben und berühren den Zuschauer mit ihrem Spiel. Besonders bewegend ist Steven Scharf als Semi – leider nur als Gast – füllt er die Rolle des Sepp Bierbichler nicht nur mit seiner Körpergröße, sondern mit spielerischem Können. Wir vermissen ihn sehr im Ensemble.

Ein schöner und tiefer Abend, darüber waren sich danach alle einig. Sowohl mein spanischer Begleiter, der noch nie im Leben etwas von Mittelreich gehört hat, als auch die beiden älteren Damen, die nach der Vorstellung im Blauen Haus jede ihre zwei Weißbiere kippten, seit 40 Jahren Abo haben und sich (so wie ich) darüber freuten, dass der Abend viel besser war, als es uns die Kritik der SZ vermittelt hat.

Also Applaus für die tolle Leistung der Schauspieler in Mittelreich und für eine eindringliche, bewegende Inszenierung, die gut ins Bayerische passt.

 

Kunst

Manifesto von Julian Rosefeldt mit Cate Blanchett

Februar 16, 2016 — by Juli Tributs0

Manifesto. Eine Multi-Screen Film Installation von Julian Rosefeldt. Cate Blanchett spielt in 13 verschiedenen Rollen die Manifestos der Kunstwelt des 20 Jahrhunderts.

Manifesto ist derzeit zu sehen im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in Berlin und im Australian Centre for the Moving Image in Melbourne.

Die Installation ist atemberaubend. Mit Manifesto überschreitet Julian Rosefeldt die Grenzen der Kunst: Sein Werk ist Film- und Performancekunst mit der wandlungsfähigen Cate Blanchett in allen Hauptrollen. Ist Videoinstallation, skulpturale Bilderkomposition, die in der Gesamtheit erlebt absolut beeindruckend ist. Ist Textcollage, weil Manifeste von Karl Marx, Kandinsky, André Breton, Louis Aragon, Jim Jarmusch und vielen anderen Künstlern des letzten Jahrhunderts in Szene gesetzt werden.  Ist politisches Statement, weil modellhaft heutige Erscheinungsformen der Gesellschaft abgebildet (Cate Blanchett ist Obdachloser, Börsenmaklerin, Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage, Geschäftsführerin auf einem privaten Empfang, Tätowierte Punkerin, Wissenschaftlerin, Trauerrednerin, Puppenspielerin, Konservative Mutter mit Familie, Nachrichtensprecherin und Reporterin sowie Lehrerin) und durch die Manifeste in Frage gestellt, gespiegelt oder einfach kommentiert werden.

Julian Rosefeldt saugt alle Eindrücke aus der Welt auf, ist inspiriert vom Film, von der Kunst in all ihren („mus“-)Erscheinungsformen des Situationismus, Futurismus, Dadaismus, Surrealismus, Kreationismus, Konstruktivismus, Minimalismus Konzeptionismus und schafft daraus etwas Neues, ganz Eigenes und noch nie Dagewesenes.

Die Bilderwelt beginnt mit dem Manifest von Karl Marx, als Prolog, Im Video als brennende Zündschnur in Szene gesetzt. So in etwa -glühend, verglühend- war es wohl mit dem Kommunistischen Manifest. Aber selbst verglüht springen noch Funken…  Gleich daneben begegnet uns Cate Blanchett als „Homeless man“, spricht die Manifeste des Situationsmus, hoch über der Stadt Berlin auf dem Teufelsberg, auf dem sich früher die Flugüberwachungs- und Abhörstation der US-amerikanischen Streitkräfte befand. Man muss es im Ganzen und sicher auch mehrfach sehen, um die vielen Ebenen der Kunst zu erfassen. Hier ein kleiner Einblick:

Manifesto von Julian Rosefeldt mit Cate Blanchett
Cate Blanchett als Obdachloser – Szene aus Manifesto von Julian Rosefeldt

Beeindruckend ist Cate Blanchett als Grabrednerin in dem Video, in dem der Dadaismus und alle gesellschaftlichen Grundfesten zu Grabe getragen wird (no more democrats, no more bourgeoise…, no more armies, no more police … – nothing nothing nothing). Dazu gibt es Trauermarsch und Mafiamusik. Hier werden alle Sinne angesprochen.

Manifesto von Julian Rosefeldt mit Cate Blanchett
Cate Blanchett als Trauerrednerin – Szene aus Manifesto von Julian Rosefeldt

Und so geht spannend geht es weiter, jedes Video zeigt eine andere Welt. Cate Blanchett ist der Star aller Videos. Ihr hat Julian Rosefeldt die Szenen auf den Leib geschrieben. Die Verbindung beider Künstler ist kongenial. Es ist kaum vorstellbar, wie eine einzige Schauspielerin in so vielen Rollen so hundertprozentig echt die jeweiligen Charaktere verkörpert, den richtigen Ton, die richtige Nuance trifft. Und das in nur 12 Drehtagen. Die Kulissen sind perfekt für den Charakter inszeniert, das geht weit über Filmkunst hinaus, ist Bühnenbild- und bildende Kunst und hochästhetisch.

Manifesto ist eine Reminiszenz an Vordenker, politische Philosophen, Künstler, Andersdenkende. Julian Rosefeldt transferiert Kunst von früher ins Heute, zeigt, dass es vor jeder Idee schon eine andere Idee  gab. So entwickelt sich Leben, so entwickelt sich Kunst, und aus Kunst wird wieder Kunst.

Manifesto von Julian Rosefeldt ist ein Must. Daher auf nach Berlin und rein in die Warteschlange vor dem Hamburger Bahnhof (noch bis zum 10.Juli 2016). Zu sehen ist ein Jahrhundertwerk.