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Reiseberichte

Wanderlust und Wanderlast: Zu Fuß durch die Provinz Córdoba

Mai 27, 2015 — by Juli Tributs0

Montag, 25. Mai, 4.Tag:

Heu auf meinem Weg
Nach der Kornernte Provinz Córdoba

Es geht weiter zu Fuß durch die Provinz Córdoba ins 38 km entfernte Alcaracejo. Wir nutzen die frische Kühle der Morgenstunden, nehmen schnell um 7 Uhr den ersten café con leche in der Dorfbar (schon zusammen mit den ersten zwei – männlichen – Gästen; sind sie auf einen Kaffee da, weil sie keine Frau haben oder weil sie eine haben? Oder einfach weil es die Väter und Großväter schon immer so gemacht haben?). Schnell noch frisches Brot kaufen für das Frühstück unterwegs und los.

Die Morgenstunden sind die schönsten des Tages. Es riecht, schmeckt und klingt, das Licht ist wunderbar. Es fühlt sich so gut an, dass ich am liebsten hüpfen würde. Geht natürlich nicht, 10 Kilo Rucksack machen jeden schnellen Move unmöglich.

Aus den Wiesen steigt der Duft von Morgentau, Kräutern und Blüten. Die Vögel singen was das Zeug hält. Hunde bellen, die berühmten pata negras leben hier frei unter Eichen und grunzen, Schafe auf dem Weg wetzen die Hufe und laufen vor uns davon. Es ist das Paradies.

Die ersten vier Stunden hält dieses Glücksgefühl an. Wir treffen ab und an auch mal einen Menschen, meist ist es ein Bauer, der sein Land bestellt. Sie erzählen uns sofort ihr halbes Leben. Die hard facts einer Begegnung, es ist kurz nach 12Uhr, er kommt zu uns, weil die Hunde angeschlagen haben und überschüttet uns mit folgenden Informationen: Dieses Land gehört uns seit 100 Jahren. Ich bin schon 77, schaut mich an, ich wiege mit 77 noch so viel wie mit 22… mein Vater hat mit 60 geheiratet und drei Kinder bekommen, eines davon bin ich. Ich habe fünf Kinder. Mein Traktor ist schon 55 Jahre alt und ich bin sehr stolz auf ihn… usw. Leider hat er uns auch verraten, dass es bis zum nächsten Dorf noch 21 km sind und es noch vier Stunden dauert bis wir dort sind. Er hatte leider recht.

Und jetzt kommt die Geschichte, die ich nur einmal erzähle und den Rest der Reise nie wieder. Aber es gehört zum Wandern dazu, denn Wandern ist nicht immer nur Lust, sondern manchmal auch ein klein wenig Qual.

Es ist mittlerweile kurz nach zwölf. Die Landschaft hat sich seit heute Morgen wieder verändert. So weit das Auge sehen kann, nur Olivenhaine, die sich sanft wölben. Es ist heiß und langsam drückt das Gewicht des Rucksacks, zusammen mit dem Körpergewicht ist es für die Füße nach sechs Stunden eigentlich zu viel. Die weiteren zwei Stunden beginnen weh zu tun. Und es sind immer noch mindestens 10 oder 11 km. Der Weg endet heute nicht. Das was jetzt noch kommt zu den schon gelaufenen 28 km ist die Hälfte der ganzen Etappe von gestern. Oh mein Gott. Man braucht eine Stunde für fünf km, wenn man gut ist. Ich bin es nicht mehr, schleppe mich mit 3 km/h den Weg lang. Die Zeit steht, die Fußsohlen schmerzen und glühen. Die letzte Stunde ins Dorf geht nur noch durch Kornfelder, die Straße endet nicht. Der Asphalt, auf dem wir jetzt laufen brennt unter meinen Füßen. Ich taumle ins Dorf und starre gierig auf Stühle, die aus der Plaza Mayor durch die Straße blitzen und die ein Kaltgetränk verheißen. Dieses Bild von einem kalten Bier hat sich seit den letzten Stunden in meinem Kopf festgesetzt, der letzte Rest Wasser in meiner Flasche ist lauwarm. Wir kommen näher und der schlimmste Pilgertraum wird wahr. Es ist Montag um fünf und die zwei Bars am Platz und der kleine Supermarkt haben geschlossen. Puta madre.

In solchen letzten Momenten einer Etappe kann man sich nicht vorstellen, am nächsten Tag auch nur einen Schritt vor den anderen zu setzen, geschweige denn, wieder mit Lust weiter zu wandern. Es sind ja auch keine Spaziergänge! Aber dann ist es, wie es immer ist. Der Körper ist ein Phänomen, er regeneriert sich über Nacht. Und Schlaf und tinto am Abend heilen alle Verzweiflung. Der nächste Morgen ist dann wieder wunderbar. Ein neuer Weg wartet und ein unbekanntes Ziel lockt. Und es macht – yippiii – wieder Spaß.

Dienstag, 26. Mai, 5.Tag:

Heute sind es nur 23 km bis zum nächsten Ort, Hinojosa del Duque. Das letzte Ziel in Andaluciá, morgen übertreten wir die Grenze nach Extramadura. Was erwartet einen wohl, wenn die Region den Namen „Extremhart“ trägt?

Wir laufen durch weites flaches Land, immer wieder stehen ganz alte Eichen (Encinas) am Weg. Es gibt Bauernhöfe und riesige Felder. Es ist schön, der Morgen noch kühl.

Korn und Eichen
Zwischen Córdoba und Extremadura

Heute passieren wir sogar ein kleines Dorf auf dem Weg. Es gibt, wie in jedem Dorf bisher, auch ein Kirchlein. Und auf dem Kirchlein wohnt, wie auf jedem Kirchlein bisher, ein Storch.

Kirche mit Storch wie es hier tausendfach zu sehen ist
Kirche mit Storch wie es hier tausendfach zu sehen ist

Kein Kirchturm der nicht bewohnt ist. Es gibt offenbar keinen besseren Ort für Störche. Wissen wir eigentlich, warum das so ist? Wirklich bequem schaut so ein Turm ja nicht aus. Aber es ist der höchste Platz und auf dem tronen sie königlich, sie sind die Herren der Lüfte. (Während ich dies schreibe bin ich schon einen Tag und einen Ort weiter, sitze im Café unseres kleinen Hotels direkt neben dem Kirchturm. Auf ihm sitzen sogar sechs Störche in ihren Nestern. Und sämtliche Schwalben der Gegend haben sich ihre Nester darunter gesetzt. Toll.)

Zurück zu gestern, es gab wieder schöne Pilgermomente. Gerade als sich bei mir Erschöpfung einstellen wollte, tauchte schon das Städtchen im Blickfeld auf. Also los, noch eine letzte Stunde von heute nur etwa fünf Stunden Marsch. In der Polizeistation, so wußten wir, gibt es den Schlüssel für die Albergue, die das Städtchen direkt im Rathaus für Pilger eingerichtet hat. Unterkunft umsonst. Alles ist da, was man braucht. Spanien liebt seine Caminos und seine Peregrinos. Wir werden überall herzlich empfangen. Und wenn die Übernachtung nicht umsonst ist, gibt es  in jeder der kleinen Pensionen und Hotels einen Pilgerrabatt. Da hüpft das Pilgerherz. Es geht dabei gar nicht um das gesparte Geld sondern um das Herz hinter dieser kleinen Geste mit großer Wirkung.

Was gab es heute noch? Caracoles im Glas, meine ersten in Spanien, najaaaa, Veggies schaut lieber weg: Glibberig, schleimig, sehr lebensecht, man will sie besser nicht sehen und zu beißen gibt es eigentlich bei der Größe auch nichts. Einmal probiert und gut.

 

Caracoles, tatsächlich zum essen
Caracoles, tatsächlich zum essen

 

Und zum Abschluss dieses Berichts noch eine kleine Episode zur Gastfreundschaft. Mein I-Pad Akku ist leer… Ich weiß nun auch, das man mit dem Netzteil des Handyladekabels keine Pads aufladen kann. Leicht hysterisch laufe ich die Plaza auf und ab und schaue nach Lösungen. In der Bar haben sie noch nie einen I-Pad gesehen. Gegenüber der Albergue ist ein kleines Landwirtschaftsbüro, ich trau mich rein und werde mit großem Hola empfangen. Alle sind super nett, aber die Computertechnik ist sehr staubig und muss so aus den 90ern sein… nach einigem Suchen zieht eine Frau einen power adapter aus den Papieren des Chefs hervor. Sie hüpft vor Freude und gibt laute spanische Freudenschreie von sich, als er passt und auch lädt. Ich darf ihn dann sogar behalten. Sie schenken ihn mir, es ist nicht zu fassen. Und es ist gut so, denn er lädt ungefähr 10% Akku in einer Stunde. Als am nächsten Morgen um vier Uhr der Wecker klingelt, ist mein Pad immerhin schon wieder bei 55% :-)) Ich bin überglücklich.

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