main

Reiseberichte

Nachtwanderung und Saharaluft, Extremadura!

Mai 28, 2015 — by Juli Tributs0

Mittwoch, 27. Mai, 6. Tag:

Es ist noch Nacht als wir unser Ränzlein schnüren. Wir schließen die Tür zur Albergue um 4.41 Uhr und stapfen los, Richtung Monterrubio, 33 km. Es geht durch die schlafende Stadt. Nachts ist es schön kühl. Wir folgen unserem gelben Pfeil, der den Pilgern den Weg durch ganz Spanien weist. Der Pfeil ist mit Liebe gemalt, an den skurrilsten Stellen… die man eben so findet in der Natur, wenn man den Weg weisen möchte.

Über uns sind tausend Sterne, die dicke milchige Milchstraße und sonst nichts. Die erste Stunde vergeht wie im Flug, ich sehe meine erste Sternschnuppe, sie verglüht erst kurz vor dem Auftreffen auf den Boden und zerfällt dabei in tausend kleine Sternchen, ein Traum.

Nachts bekommt das Pilgern etwas Verschwörerisches. Wir sind mutterseelenallein. Das sind wir tagsüber oft auch. Aber wenn man in die Ferne sieht, fühlt man sich sicher. Im Dunkeln sieht man nicht, wo man ist und nicht, wo man hingeht, es ist Abenteuer. Man verliert das Gefühl für Weg und Zeit. Langsam wird es hell, Felder soweit das Auge reicht. Hunde bellen uns an, die Sonne geht als roter runder Ball am Horizont auf. Auf einem Pflug breiten wir unser Frühstück aus, es ist genau 7 Uhr. Es gibt nichts Schöneres, als nach zwei Stunden Nachtwanderung die erste Pause zu machen, die Wärme der aufgehenden Sonne auf der Haut zu fühlen, in ein selbst belegtes Bocadillo zu beißen und in das weite Land zu schauen.

Frühstück bei Sonnenaufgang am Pflug
Frühstück bei Sonnenaufgang am Pflug

Danach sind wir leider voller Zecken. Die sind ein guter Grund, immer wieder anzuhalten für eine pequeña pausa. Fiese kleine Zecken! Sie schleichen sich, geschützt durch die Hose, am Körper hoch und beißen sich fest. Ja, aber nicht mit uns. Wir haben alle entdeckt. Die letzten allerdings erst im Hotel, 6 Stunden später…

Wir laufen und laufen, es gibt nur Kornfelder und Eichen. Wir nähern uns der Extremadura. Ab halb zehn breitet sich die Hitze aus. Selbst die Schafe rotten sich in großen Mengen unter einem Baum zusammen. Der spendet zwar kaum Schatten für die erste Reihe Schafe, geschweige denn für den ganzen Rest … aber es scheint immer noch besser zu sein als das freie Feld. Oder es ist einfach nur Herdentrieb. Nur die Ameisen scheinen unbeeinträchtigt und tragen fleißig Körner von einer Feldseite zur anderen. Das macht bestimmt Sinn, welchen genau, müssen wir Menschen ja nicht verstehen.

Fleißige Ameisen tragen Korn von einem Feld zum anderen Feld
Fleißige Ameisen tragen Korn von einem Feld zum anderen Feld

Wir sind jetzt schon weit über vier Stunden unterwegs. Wahnsinn. Aber was für eine gute Idee, so früh loszulaufen.

Es ist auch dies ein Erlebnis dieser Tage: die Wärmestufen, die man an einem Tag durchlebt und wie sie sich auf Wohlbefinden und Energie auswirken. Wie frisch fühlt man sich am Morgen und wie erschöpft  und gequält ist man in der Mittagshitze. Man denkt ja als tapferer Wanderer, man schafft alles. Aber das ist nicht wahr. Wandern ist definitiv unter 30 Grad einfacher. Für den Notfall (und für das Frühstück unterwegs) haben wir ein leichtes (i.S.v. von Gewicht) Spezialgetränk entwickelt, das uns wieder lebendig werden lässt: zwei kleine Packungen Nescafé und eine kleine Packung Kakao kräftig in Wasser geschüttelt, das schmeckt sogar gut und hilft sofort.

Wir schaffen es anzukommen, sogar zu einer halbwegs zu ertragenden Zeit, gegen 13 Uhr. Gerade noch rechtzeitig, bevor das gesamte Dorf in den Mittagsschlaf sinkt. Ab 15 Uhr ist hier bis mindestens 18 Uhr wirklich kein einziger Mensch auf den Straßen, die Luft flirrt vor Hitze. Sogar unser Hotel hätte geschlossen gehabt, wir hätten nicht mal einen kalten Kaffee bekommen.

Es ist das Beste, es den Einheimischen gleich zu tun. Nach 18 Uhr regt sich wieder etwas Leben, das Restaurant in unserem Hotel öffnet und wir werden vom Inhaber verwöhnt. Er hat uns (gerade noch vor der Siesta) mit Freude begrüßt und natürlich mit Pilgerrabatt aufgenommen, mixt uns Sangria nach Madrider Rezeptur, wie er stolz erzählt. Das Olivenöl kommt aus dem Ort und gut gekocht wird auch. Auf dem Kirchturm, vor unserem Hotel, sitzen wie immer Störche. Wir fühlen uns pudelwohl.

Kirchturm von Monterubio, natürlich bewohnt
Kirchturm von Monterrubio, natürlich bewohnt

Und je weniger ein Ankunftsort an Ablenkungen bietet, desto entspannter kann man am Abend auf der Terraza sitzen und schreiben. Es ist Urlaub!

Donnerstag, 28. Mai, 7. Tag:

Wir haben entschieden, aus 37 km 17 km zu machen und uns dazu noch eine ganze weitere Etappe zu schenken, wir laufen heute nur nach Castuera und steigen dort in den Zug nach Mérida (1 h fahren statt zwei Tage laufen). Es ist wahrscheinlich gegen jedes Pilgergesetz. Aber der heilige Jakob hat uns schon vergeben. Als ich heute am Bahnhof in Castuera gesehen habe, welche Wüste wir bei 35 Grad hätten durchschreiten sollen, kann ich uns nur zu unserer weisen Entscheidung am Abend gratulieren.

Wir sind um 6 Uhr los gelaufen. Haben im Dunkeln glatt den gelben Abbiegepfeil übersehen und sind daher auf der Nationalstraße gelandet. Kam uns nach einer Weile komisch vor, es fehlte unser gelber Pfeil und Straße laufen ist doof. Also sind wir durch Felder über Zäune quer durchs Land, bis wir wieder auf unserem Weg waren. Was für eine Wiedersehensfreude mit dem gelben Pfeil.

IMG_20150525_142529

In Castuera angekommen, weht schon so eine Art heißer Fönwind durch die Straßen. Es ist gerade mal 11 Uhr. Am allerletzten Ende des Ortes steht dann tatsächlich auch die Bahnhofsstation. Es ist wie im Western, kein Mensch weit und breit, Spiel mir das Lied vom Tod fällt mir ein. Hinter den Gleisen beginnt eine Art Wüste. Der Bahnhof sieht aus, als ob er geschlossen ist. Aber es ist nur die spanische Art sich vor Hitze zu schützen. Wir finden dann doch im Inneren der Station den Jefe de Estacion, der uns ein Ticket verkauft, später sein Stationswärterhut aufsetzt und mit einer Fahne dem einfahrenden Zug bedeutet anzuhalten und wieder abzufahren. Er nimmt seinen Beruf ernst. Es fährt drei Mal am Tag ein Zug Richtung Mérida, er kommt auch wieder zurück.

Bahnhof Castuera
Endstation Sehnsucht, Bahnhof Castuera

Eine Stunde später kommen wir in Mérida an, steigen aus dem klimatisierte Zug aus und es pustet uns Saharaluft entgegen. Ab jetzt wird das Wandern schwer. Es dauert bis 21 Uhr, bis man es außerhalb klimatisierte Räume aushält. Das macht es etwas schwierig, die schöne Stadt mit allen ihren römischen und maurischen Sehenswürdigkeiten zu genießen. Die Steinbänke, auf die wir uns absetzen wollen, glühen sogar noch gegen 19 Uhr. Vielleicht sollten wir einfach so tun, als seien wir – wie gestern – in Monterrubio und nichts tun, vor allem nicht rumlaufen.

Jetzt im Moment ist es 22 Uhr und nur noch sehr warm, ich trinke tinto fresco und wir diskutieren die große Frage: sollen wir morgen weiterlaufen? Ich denke ja, wir tun es.

Leave a Reply