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Reiseberichte

Laufen wie die alten Römer: via de la plata

Juni 1, 2015 — by Juli Tributs0

Freitag, 29. Mai, 8. Tag:

Macht sich eigentlich jeder Mensch über den nächsten Tag Sorgen? Oder nur ich? Dabei ist es so sinnlos! Das könnte man doch endlich mal in der Lebensschule gelernt haben. Also ein für allemal: Schluss mit besorgtem Planen und Überlegen. Spontanität ist alles. Es kommt sowieso anders als man denkt. Auch kann man beim Wandern jeder Situation etwas Positives abgewinnen. Ist ein Weg zu lang, ist das Ankommen noch tausendmal schöner. Hinzu kommt der Stolz, dass man es geschafft hat. Und je weniger geplant ist, desto mehr Freiraum gibt es für uns, auf die Umgebung, die Leute und unsere Stimmung zu reagieren. Der Pilgerweg nimmt einem viele Entscheidungen ab, weil er die Route vorgibt und Angebote für Pausen macht. In diesem geschützten überplanten Raum können wir alles andere spontan entscheiden. Es kann nichts passieren. Wenn man das einmal verstanden hat, setzt die Entspannung ein. Bleiben wir an einem Ort länger, weil er uns gefällt oder wir eine Pause brauchen, interessiert das niemanden… kürzen wir den Weg ab, auch nicht. Wie lange wir insgesamt laufen ist ebenso egal wie die Tageszeit zu der wir starten oder ankommen. Zugegeben, es geht dann nicht mehr zurück, wenn man einmal auf dem Weg ist…

Und wie sieht das dann konkret aus, an dem Tag, als mir beim Laufen diese Gedanken durch den Kopf geistern? Nach der Gluthitze am Vortag laufen wir gerade noch im Dunkeln kurz nach 6 Uhr los, durch das schlafende Merida stadtauswärts. Der Weg führt am römischen Aquädukt vorbei, über dem sich schon der Himmel rötlich färbt. Auf dem Aquädukt wohnen etwa 50 Störche, es sind also nicht nur die Kirchen, die zum Nestbauen einladen. Sie klappern für uns den Weg im Konzert, buenos dias, buen camino. Ultrea!

So geht der Tag gut los. Es ist halb sieben und ein kleines Pilgerschild sagt uns, dass es eine Bar gibt, die extra für Pilger schon halb 7 öffnet. Es ist nicht mal ein Umweg. Und wir sind zur perfekten Zeit da. Erster Kaffee und das berühmte pan con tomate, unser Pilgerfrühstück. Wären wir eher los, hätten wir den Kaffe nicht bekommen, so aber ist es perfekt und ganz ungeplant.

Unter der aufgehenden Sonne sehen wir nun nicht nur unseren Weg, sondern auch die Wolken am Himmel. Herrlich, es ist bewölkt. So ist das beim Pilgern, alles passiert, einfach so. Nichts davon wussten wir vorher, um es in unsere Überlegungen einzubeziehen und doch haben wir alles richtig entschieden. Und wenn wir zu einer anderen Zeit losgelaufen wären, ich bin sicher, es wäre auch gut gewesen und es wären auch schöne Sachen passiert.

Unser Camino Mozárabe mündet ab Merida in die aus Sevilla kommende via de la plata. Hier überlappt der Camino de Santiago teilweise mit der alten Römerstraße, der calzada romana. So wie ich es verstanden habe, hatten die Römer in den 50iger Jahren vor Chr. den Süden Spaniens schon besetzt und wollten sich weiter nach Norden ausbreiten. Sie bauten dafür eine Straße bis nach Astorgas und an der Straße Orte, um zu rasten. Daraus sind die Städte entstanden, die heute teilweise zum UNESCO Kulturerbe gehören und in denen wir Pilger rasten, Mérida, Cáceres, Salamanca. Aus der Römerzeit gibt es Stauseen, Aquädukte, Brücken, Tore, Straßen. Alles überqueren wir oder passieren es auf unserem Weg.

Das ist noch nicht genug Bedeutung. Der Jakobsweg verläuft auch in großen Teilen auf den cañadas reales, den alten Schäferwegen, auf denen die Schäfer ihre Herde in den fruchtbaren Norden bewegt haben. Also der Weg hat eine lange Geschichte, gepilgert wird auf ihm wohl schon seit dem 12. Jahrhundert.

Ab jetzt sind wir nicht mehr allein unterwegs, den ersten Pilger aus Italia überholen wir am römischen Stausee, eine Stunde nördlich von Mérida.

Ganz anders als am Vorabend gedacht, sind wir beschwingten Schrittes unterwegs. Wir sind schon nach längerer Frühstückspause kurz nach 11 Uhr in einem Nest namens Aljucén. Hier hören viele für heute schon auf und schlappen nach der Dusche im Albuergue entspannt ins einzige Café am Platz. Andere Pilger stürzen daran vorbei, kaum den Blick hebend – bloß keine Pause machen, das kostet Zeit oder das beste Bett im Ankunftsort oder gehört schlicht nicht zum Programm eines getriebenen Wanderers. Ich komme ja an keiner der eh rar gesäten Bars vorbei, ohne einen Kaffee mit Eiswürfeln zu trinken und dabei die Bar zu checken, es ist zu interessant…

Andere Pilger studieren macht Spaß, wir hatten so lange keine. Die Spanier plaudern gerne, winken und rufen sich immer aus der Ferne ein buen camino zu. Italiener sind auch kommunikativ, laufen eher kurze Etappen und machen immer ein Päuschen in der Bar. Und dann gibt es noch den Typ Pilger, der auf ein freundliches buenos dias eines Spaniers mit HALLO antwortet (ist wahr). Naja, es waren bislang die einzigen Deutschen auf dem Weg, daher besser nicht verallgemeinern.

Wir hängen also ab, essen und trinken für 7,50 Euro das Mittagsmenü und haben keine Lust, nach den vier Stunden am Vormittag schon aufzuhören. Die frische kühle Luft beflügelt uns und macht uns mutig. Der Moment der spontanen Entscheidung ist da: weitergehen oder bleiben?

Wäre ich am Abend davor gefragt worden: Willst du morgen Vormittag 17 km laufen und am Nachmittag bei glühender Sonne noch 21 km weiterlaufen durch eine Landschaft, die die ersten zwei Stunden wunderschön ist und sich dann zwei Stunden schlängelt und keinen Schatten spendet. Nein. Hätte man mich gefragt, willst du bei bewölktem Wetter in einem Minidorf mit fünf älteren dicklichen Italienern im Albergue bleiben und den Nachmittag abhängen? Nein. Aber nach zwei Stunden Mittagspause und immer noch kühler Luft sind wir ganz klar und eindeutig für weitergehen. Schlappe 21 km scheinen uns bei bewölktem Himmel wie ein Nachmittagsspaziergang.

Es geht auch ganz wunderbar los, Mohnblumen, Kornblumen und blühender Oleander am Wegesrand. Eine Augenweide. Dann werden die Wolken weniger, es wird heiß. Toros stehen auf unserem Weg, keine deutschen doofen glupschäugigen Kühe, sondern spanische Stiere, die schwarzen, 600 kg schwer und gerne auch in der Arena im Einsatz. Im Moment fressen sie aber friedlich Gras. Und wenn schon, sollten sie angreifen, springen wir eben über den Zaun oder klettern auf einen Baum.

Brauchen wir dann zum Glück nicht… Es wäre auch unvorstellbar angesichts der Hitze eine Bewegung mehr zu machen als die des stetigen Voranschreitens. Die Wolken sind vollends weg, wir sind nahezu ohne Schatten in einem endlosen Tal unterwegs. Nächster Ort nicht in Sicht und die Sicht reicht weit. Google lügt ja auch nicht, es sind noch 2-3 h. Mein Trinkwasser ist warm, irgendwann ist es alle. Ich schalte in den Durchhaltemodus. Darüber wollte ich ja nur einmal schreiben, daher überspringen wir jetzt zweieinhalb Stunden und kommen an.

Auf uns wartet eine Nacht im Kloster in Alcuéscar, es ist zum Glück gleich am Ortseingang und heißt uns schon von weitem Willkommen. Ich mag Nächte in Klöstern. Die Klöster umfangen einen mit einer besonderen Atmosphäre. Es hat etwas von Zuflucht und Schutz, es ist würdevoll und großzügig. Kost und Logis sind frei, aber wenn einen die Kirche um eine Spende bittet, möchte ich den Pilger sehen, der nichts ins Döschen gibt.

Wir sind im riesigen Schlafsaal untergebracht, die Einzel- und Doppelzimmer sind schon voll. So ist das, wenn man 18.30 h als Letzter eintrifft. Aber es bleiben im Schlafsaal ungefähr vierzig Betten leer. Das hat auch etwas. Leere und Weite im Saal, statt eingezwängt in der Einzelzelle. Wir sind mit zwei Spaniern und zwei Franzosen im Saal, der eine bewegt sich seit meiner Ankunft gar nicht mehr. Ein anderer behandelt seine Blasen, begleitet von französischen Flüchen… putain de merde. Vor der Tür stehen dicke Bergstiefel, wir sind aber im flachen Land. Diesen Fehler habe ich nur einmal gemacht, flache Strecken bei 30 Grad überlebt man nur, wenn man wie die Römer läuft, die hatten auch keine Bergstiefel. Mut zur Sandale. Mein Schmerz kommt nicht vom falschen Schuh, sondern vom zu wenig laufen. Wer nur Rad fährt hat die ersten Tage ein Problem, es ist wahrscheinlich Muskelkater unter dem Ballen und der Ferse.

Abendessen gibt es im Speisesaal an einer langen Tafel gemeinsam mit den anderen Pilgern. Ich kann kaum sitzen (muss ein kleiner Sonnenstich sein) und schon gar nicht mich in vier Sprachen unterhalten. Die strengen Klosterregeln kommen mir entgegen, auch wenn es absurd ist. Wir müssen um zehn Uhr das Licht löschen, Bettruhe, draußen ist es noch hell. Fies. Das Liegen ist heute aber eh das Beste für die Beine. Also ab ins Bett, andere schlafen auch. Und siehe da, es geht… bis sich die ersten Pilger wieder regen. Das ist Gott sei Dank erst kurz vor 7 h.

Fazit des Tages: Spontane Entscheidungen sind gut. Es ist schön, als Letzte im Kloster anzukommen und mit den Hühnern ins Bett zu gehen. Die Etappen könnten sich mehr am Juli-Ideal orientieren und bei 27-29 km enden, 39 km unter glühender Sonne sind zu viel. Naja, es ist wie es ist und bringt uns nicht um. Dafür ist der nächste Wandertag kurz.

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