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Reiseberichte

In Castilla y León! Und bei El Cura Blas in Fuenterroble

Juni 8, 2015 — by Juli Tributs0

Freitag, 5. Juni, 15. Tag (der Bericht geht ab jetzt rückwärts):

Wir haben uns heute keinen Wecker gestellt. Mal einen Urlaubstag beginnen ohne dieses blöde Klingeln um viertel vor 6, das mich jedes Mal aus dem Tiefschlaf reißt. Der Inhaber unseres heutigen Schlafplatzes in der schönen casa rural hat uns am Abend schon das Frühstück so vorbereitet, dass wir es früh selber zubereiten können. Wir dürfen dazu in seine Küche, dort ist schon Wasser und Kaffee in der Maschine, wir müssen sie nur noch einschalten und das bereitgelegte Brot toasten. Wir wachen sogar schon kurz nach 7 Uhr von selber auf. Herrlich kühle Luft weht durch das offene Fenster. Wir schauen direkt vom Bett in einen grünen Berg. Ich möchte am liebsten bleiben.

Baño de Montemayor
Fensterblick im Bad am großen Berg

Baños de Montemayor ist, wie der Name schon verrät, ein „Bad am großen Berg“. Es hat Bäder und Kuranstalten, die dem Ort einen großzügigen frischen Charme verleihen. Es ist eingebettet in begrünte Hügelchen, die man, nach der flachen Landschaft der Extremadura, durchaus als Monte Mayor bezeichnen kann. Die vielen Badegäste beleben den Ort, auch wenn sie eher älteren Modells sind. Sie kommen mit 70, baden und gehen mit 50.

Wir wollen heute nach Fuenterroble de Salvatierra, in die vom legendären El Cura Blas betriebene Albergue. Von ihm gibt es viele Geschichten. Er ist berühmt unter den Pilgern, für seine Projekte, für sein Engagement und für seine lustigen Geschichten. Das Internet ist voll mit Filmen über ihn. Braucht er Geld für seine Hilfsprojekte, organisiert er einen Stierkampf und ist selber der Torero. Er beschäftigt in seiner Albergue Menschen, die soziale Hilfe brauchen. Jeder darf bleiben, darf helfen und die Albergue verschönern und erweitern…

Wir laufen los in Baños de Montemayor und gleich einen kleinen Berg hoch, es ist viertel nach 8. Der Berg öffnet einen wunderbaren Blick zurück aufs Dorf. 20 Minuten später überschreiten wir die durch einen kleinen Grenzstein markierte Grenze von der Extremadura nach Castilla y León. Es fühlt sich auch sofort anders an. Sind Ländergrenzen durch eine Wechsel der Landschaft bedingt? Es ist seit Baños grün, es gibt eine ganz andere Vegetation als in der Extremadura. Es macht gleich viel mehr Spaß zu laufen, allein weil es anders ist.

Baños de Montemayor
Baños de Montemayor liegt schon hinter uns

Ich habe das erste Mal den Gedanken an das Ende meiner Wanderung. Mir fällt ein, dass wir nur noch zwei Tage bis Salamanca haben. Es ist interessant, wie so ein Urlaub abläuft: Die erste Woche vergeht langsam, man denkt voller Freude an die vielen Tage, die noch vor einem liegen und gewöhnt sich an das Urlaubsgefühl. Dann kommt der Wendepunkt, die letzte Woche bricht an und die Tage vergehen wie im Flug. Es kommt der Moment, an dem man das erste Mal an das Ende denkt, Wehmut stellt sich ein. Bei mir gibt es das heute  das erste Mal (die Tage davor war ich zu sehr beschäftigt mit Laufen, Ankommen, Schlafen, Weggehen). Mir gefällt der Wechsel der Landschaft und ich überlege, dass ich gerne weitergehen würde… weiter nach Galizien, noch weiter nach Asturien oder sogar nach Portugal, um die Veränderungen weiter zu erleben, um länger unterwegs zu sein und immer wieder neu anzukommen. Ich trage ein kleines Gefühl von Ablöseschmerz mit mir und es hält an. Bis sich Erschöpfung einstellt…

Kann ich schon sehen, was Castilla y León ausmacht? Ist der grüne Beginn typisch? Auch auf dem Weg heute und morgen ändert sich das Land erneut, die grünen Hügel weichen den weiten Feldern, es wird wieder offener. Es gibt wie in der Extremadura Weideflächen für Stiere und Kühe, auf denen Dehesas (die berühmten Eichen) stehen. Das ist der Extremadura ähnlich.

Was war nun die Extremadura? War sie extrem hart? Es war heiß und trocken. Es war, so sagen alle, ein außergewöhnlich heißer Mai. Es ist sonst im Frühling ein Naturparadies. Dieses Jahr ist die Ernte wegen zu früher Hitze teilweise vertrocknet. Daher ist mein Eindruck geprägt von gelben Feldern, die wahrscheinlich im März alle noch grün waren. Felder so weit das Auge reicht, sie zeigen wie fruchtbar der Boden hier ist. Es ist die einzige Region, die wir komplett durchwandert haben. In Andalusia waren es die hügeligen Olivenhaine, die den Blick fangen, in der Extremadura sind es die Weiten des Landes, auf denen immer wieder Stieren grasen. Man sagt, dass früher alles mit Eichen bewachsen war und die Affen von Gibraltar bis zum Atlantik von Baum zu Baum springen konnten. Dann kam die spanische Eroberungslust und mit ihr die Armada, man brauchte Holz für die Schiffe. Seitdem ist die Region fast ohne Bäume. Mir hat die Extremadura gefallen, es war anstrengend, teilweise hart, aber vor allem extremabuena.

Wir kommen durch ein kastilisches Dorf, Calzada de Bejar, trinken Kaffee und laufen weiter. Im nächsten Dorf, Valverde de Valdecasa, so wird uns gesagt, kann man Mittag essen. Wir erreichen es Viertel vor 2 Uhr. Wir haben von etwa 32 km bis Fuenterroble 20 km hinter uns. Es ist heiß jetzt und wir sind schnell gelaufen. Der Wirt in der Dorfkneipe hat eisgekühltes Bier, Tortilla und Tomatensalat. Das ist, was noch übrig ist, alles andere hat die Gruppe Radfahrer, die das Dorf vor uns passiert hat, vertilgt. Wieder dieses Gefühl, das Bier und Tomate nie zuvor besser geschmeckt haben. Wir schaufeln rein, als ob wir Tage nichts gegessen haben. Der Wirt freut sich und dreht dafür seine Musik auf. Er ist Fan von romantischer Schnulzenmusik. Voll Discosound und das in einem verschlafenen Dorf, das gerade mal 20 Häuser hat. Er selbst ist auch echt ein Typ, klein und rund watschelt er mit riesigen Mickey Mouse Turnschuhen durch sein Lokal, raucht Kette dabei. Wunderbar.

Gegen halb vier gehen wir weiter, El Cura Blas wartet, es sind noch etwa 13 km. Die Sonne brennt jetzt heiß. Die ersten Schritte sind schon hart, aber wir sind tapfer und laufen uns wieder ein. Nach etwa einer Stunde brennen meine Fußsohlen, die Nerven an der Ferse stechen wie kleine Blitze, ich wechsle in die Sandale, beginne weiterzulaufen… und höre plötzlich von hinten Motorradgeräusche. Wir sind auf dem Camino, nicht auf der Asphaltstraße. Wie immer mutterseelenallein. Wir wurden bislang nur von Mountain Bikes überholt, jetzt kommen richtige Biker. Nur so aus Spaß halten wir den Finger raus. Sie halten. Erst einer. Er sagt ja, als wir fragen, ob er mich samt Rucksack mitnehmen kann. Dann kommt sein Freund und nimmt auch meine Begleitung mit, muss es ihm etwas aufdrängen, aber ja, wir sausen zum Ziel, ich auf dem schnelleren Bike voran. Was für ein Erlebnis. Es geht hoch und runter. Wir sind off road, jede Kurve die wir schneiden ist ein Abenteuer, bei jedem Loch hüpft mein Herz. Keine Zeit für Angst, wir sind zu schnell. Der Typ ist ganz in Leder, ich bin nur in Eigenhaut, wenn wir fallen bin ich Matsch. Aber er weiß was er tut, und meine klitzekleine Angst geht in der großen Aufregung auf. Es ist einfach nur geil.

Ich kann mein Glück kaum fassen. So ein Zufall, es sind die einzigen Biker in den ganzen zwei Wochen. Und sie kommen ausgerechnet in dem Moment, in dem ich eigentlich fast aufgeben würde, wenn es nicht weitergehen müsste. Hätten sie uns zwei Stunden eher überholt, hätten wir sie nicht beachtet. Que suerte. Sie schickt der Himmel.

Wir sind dank dieser Hilfe kurz vor halb 6 in der Albergue. Wir werden herzlich begrüßt und bekommen im „Amerikahaus“ ein Doppelzimmer… gut!, wir müssen nicht in den Schlafsaal. Er mag uns. Wir hören, der Pfarrer ist nicht da, er holt Kinder die in Not sind und wird erst spät Nachts zurück erwartet. Uns bleibt sein Helfer, ein Franziskanermönch, der auch gut fluchen kann, me cago en la leche… Er ist da, weil man ihm gesagt hat, der richtige Platz um Verzicht zu üben und zu helfen, ist bei El Cura Blas.

Von ihm hören wir die aktuellen Stories: El Cura Blas hat unlängst die Verantwortung für ein Internat in der Nachbarschaft übernommen, das mal 1000 Kinder beherbergt hat, aber nun nach dem Tod des zuständigen Pfarrers wegen Geldmangels von der Kirche geschlossen werden sollte. Cura Blas wollte dies nicht zulassen und hat alle Kosten übernommen und ist nun wohl pleite und auf karitative Hilfe angewiesen. Er kümmert sich, zusätzlich zur Gemeinde und zu den Pilgern, um die Kinder, für die niemand Schulgeld bezahlt, aber die man nicht sich selber überlassen kann, die teilweise ohne Eltern sind. Eine großherzige Tat ist das. Seitdem schlafen der Mönch und der Pfarrer nur fünf Stunden pro Nacht. Und den Kindern ist geholfen. Wäre das nicht eine Aufgabe für die katholische Kirche, statt Gottesdienste in sakralen Prunkbauten in Salamanca zu halten, denen ein paar alte Frauen beiwohnen und in denen Kirche ganz weit weg vom Leben ist?

Es gibt aber auch lustige Geschichten. Der Mönch erzählt uns von dem letzten Alberguero, der hatte einen BH-Tick. Er hat über lange Zeit die BHs von den Frauen geklaut und gesammelt. Nachdem er weg war, hat man beim Aufräumen riesige Berge von BHs in einer Ecke der Albergue gefunden und sich sehr gewundert. Que risa.

El Cura Blas sehen wir nicht mehr, aber wir sehen was er geschaffen hat. Die Herberge ist eine Ansammlung von kleinen Gebäuden, die Pilger nach und nach an und um das Stammhaus gebaut haben. Es gibt Esel die auf Guten Tag in Eselsprache antworten, einen Gemüsegarten und einen Schweinestall. Man sammelt alles, was man irgendwann mal zu irgendwas gebrauchen kann. Es herrscht organisierte Anarchie. Ein Ort, der aus Spenden und durch die Hilfe anderer entstanden ist, aber nur durch eine charismatische Persönlichkeit wie El Cura Blas überhaupt existiert. Er zieht unzählige Pilger an, deshalb trifft man bei ihm auch immer alle möglichen Leute aus allen Ländern dieser Welt. Wir hatten einen netten Abend mit einem Kurden, der nach Schweden emigriert ist und zur Zeit mit dem Rad durch Europa fährt.

Wen es interessiert, es gibt unzählige Videos über El Cura Blas und seine Projekte im Internet.

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