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Reiseberichte

Von Casar de Caceres zum Alcantara Stausee, entlang der via de la plata

Juni 13, 2015 — by Juli Tributs0

Montag, 1. Juni, 11. Tag:

Nach der aufregenden Corrida mit El Juli und Fantasma, dem begnadigten Stier, die wir am Abend noch länger nachwirken lassen mussten, habe ich ein großes und dringendes Bedürfnis nach Ausschlafen. Irgendwie bin ich auch unentschlossen, ob ich noch in Caceres bleiben will oder lieber weiterwandern. Wir haben schon viel angeschaut am Vortag, aber noch nicht alles. Andererseits ist der Aufenthalt in der Stadt auch so unpilgerisch… Wir lassen uns aber treiben, erst mal zum stilvollen Café auf der Plaza de Mayor, wir hängen ab, Rucksack haben wir für alle Fälle schon dabei. Und dann ist es wie so oft in diesen Tagen, die Entscheidung kommt wie von selbst, nach dem zweiten Kaffee drängt etwas in uns, wir wollen weiter. Es ist kurz nach 11 Uhr, als wir im Zentrum von Caceres aufbrechen. Trotz der beginnenden Wärme sehe ich das gelassen, denn es geht nur 11 km in den nächsten Ort, nach Casar de Caceres.  Die daran anschließende Etappe hat 33 km und ist heute nicht zu schaffen, da müssen wir gar nicht lange überlegen.

Außerdem bin ich schon neugierig, aus Casar de Caceres kommt der gleichnamige Käse und vielleicht ist es ja ein netter Ort. Also wandern wir stadtauswärts, nochmal an der Plaza de Toros vorbei; heute ist da alles entspannt, es stehen nur noch die großen Übertragungswägen der TV-Anstalten da, ansonsten ist alles ruhig, vor allem gibt keine aufgeregte Vorfreude mehr.

Wir laufen ein Stück Landstraße, die sehr schnell in trockene Felder mündet. So schnell geht das hier, eigentlich eher wie man es aus Dörfern kennt, es gibt kaum einen Übergang zwischen Stadt und Land. Caceres endet und wir stehen im Feld.

Nach guten zweieinhalb Stunden trudeln wir ein in Casar de Caceres, es ist Mittagszeit. Gleich am Beginn des Ortes kommen wir an einer Herberge vorbei, die offenbar ganz neu gebaut ist. Alles Beton, ambitionierte Architektur, die hier eher abweisend wirkt und total fehl am Platz ist. Wir bleiben trotzdem. Welch ein Unterschied zu den casas rurales, die atmosphärisch sind und mit ihren dicken Mauern ganz ohne Klimaanlagen auskommen. In unserem modernen Rohbetonbunker (eine Wand besteht komplett aus einer nicht zu öffnenden Glasscheibe, die Sonne prallt mehrere Stunden drauf – das lädt sich auf wie in der Sauna) ist es noch nachts so heiß, dass man es nur mit durchlaufender Klimaanlage runterkühlen kann. Totale Fehlkonstruktion. Der Architekt ist sicher weder gewandert zuvor noch hat er sich mit Wärmeschutz befasst. Casar de Caceres hat Geld durch den berühmten Käse und gibt es offenbar ganz gerne aus, es gibt nicht nur die neue Albergue sondern auch noch einen, sichtbar vom selben Architekten gebauten, riesigen Beton-Busbahnhof. Genauso fehl am Platz wie die Albergue. Die ist zudem an zwei eher unfreundliche Frauen verpachtet, die den abweisenden Eindruck des Betons nicht wirklich verbessern. Für uns bietet das alles viel Gesprächsstoff, gibt es uns doch eine gute Gelegenheit, die Unterschiede zu anderen Herbergen zu analyisieren. Also letztlich eine interessante Erfahrung.

Wir chillen den Rest des Tages in Casar de Caceres und erfahren – sehr wichtig – dass die Wasserflaschen, die hier überall an den Hausecken stehen, Hunde vom Pinkeln an die Ecke abhalten sollen. Trotz dieses Wissenszuwachses finde ich den ganzen Ort nicht sehr idyllisch. Er hat kein richtiges Zentrum, sondern ist länglich angelegt. Casar wächst in die Länge, nicht in die Breite, es fehlen ihm die kleinen hübschen Plätze. Letztlich ist es aber für einen Tag auch egal, ich habe genug zu tun, Blog schreiben und ein bisschen Zeitung schauen, die sind nämlich voll von unserem Stierkampf! Wie es wohl Fantasma, dem Stier. der leben darf, geht? Er ist bestimmt schon wieder daheim, seine Wunden sind behandelt und er führt ab nun an ein Leben wie ein Stiergott.

Wir kaufen noch Proviant ein, trinken ein Weinchen und gehen früh schlafen, morgen wollen wir wieder zeitig los.

Dienstag, 2. Juni, 12. Tag:

Wir verlassen früh um 6 h unsere Albergue. Wir haben am Vorabend schon gefragt, es gibt eine Churreria im Ort, die schon früh um  6 h öffnet. Yammi. Und als wir einen sehr alten Menschen, den einzigen der auf der langgezogenen Dorfstraße um die Zeit vor sein Haus tritt, nach ihr fragen und er uns aber nicht sagen kann, wo sie ist, hält ein Auto neben uns. Der Fahrer fragt was wir brauchen. Als er hört, wir wollen Churros, sagt er, dass er das auch will und wir einsteigen sollen. Ha, prima, ohne ihn wären wir wahrscheinlich ohne Churros aus dem Ort rausgelaufen.

Churros sind eine Leibspeise der Spanier, so wie die Croissants für die Franzosen. Aus  irgendeinem Grund haben sie es nicht nach Deutschland geschafft. Wahrscheinlich haben die Deutschen Angst vor dem Öl oder sind mit französischen Croissants, amerikanischen Cookies, Cup Cakes und Muffins schon mehr als satt. Jedenfalls sind Churros eine in heißem Öl ausgebackene Masse aus Mehl, Wasser und Hefe, innen hohl und fluffig, ganz leicht salzig und außen knusprig. Idealerweise sind sie noch warm, wenn man sie isst.  Oft werden sie erst gemacht, wenn man sie bestellt – dann kann man zuschauen: Sie werden in einem riesigen Ölkessel mit einem langen Stab durchs Öl gezogen und manchmal auch kunstvoll zu Kringeln gerollt. Man tunkt sie dann entweder in dicke heiße Schokolade oder in Kaffee. Sie schmecken schon gut, wenngleich ich kein ganz großer Fan bin (auch keiner der italienischen und französischen Wanderer, die wir getroffen haben). Wahrscheinlich muss man sie schon als Kind gegessen haben und den Duft von Churros mit dem Duft der süßen Kindheit verbinden…

Heute, früh um sechs, habe ich Lust auf Churros. Das Öl im Kessel wird gerade noch heiß gemacht, wir bekommen die ersten Churros, die der Laden heute produziert.

Churros con Chocolate
Churros con Chocolate

Dann geht es los. Wir kommen schnell wieder auf die alte römische Straße. Und wieder erleben wir dieses Phänomen, das sich jeden Tag wiederholt. Auf der einen Seite steht noch der Mond am Horizont, auf der anderen Seite geht die Sonne auf. Dazu Rinder und die ewige Weite der Extremadura. Pittoresk ist das richtige Wort dafür.

Kurz nach Casar de Caceres
Noch da: Mond kurz nach Casar de Caceres
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Gleich da: Sonnenaufgang kurz nach Casar de Caceres

Wir wandern mehrere Stunden über weites Land Richtung Tajo Fluss zum Alcantara Stausee. Der größte Spaniens. Dort angekommen, sehen wir schon von weitem die derzeit im Bau befindlichen zwei neuen Eisenbahnbrücken. Faszinierend, so was mal im Entstehen zu sehen, die beiden Enden der Brücke treffen sich bald, derzeit werden sie noch mit Stahlseilen gehalten. Was für eine Ingenieurskunst.

Am Tajo Stausee, via de la plata
Bald fertig! Am Tajo

Wir sehen den Stausee aber müssen noch zu ihm hinlaufen! Durch den Brückenbau versperrt eine Baustelle den eigentlichen Weg, der Alternativweg sieht nach Umweg aus. Wir wollen aber lieber abkürzen und klettern kurzentschlossen über den Bauzaun. Ein LKW-Fahrer gestikuliert wild und will uns zurückschicken, wir sind uns aber sicher. Wir kürzen weiter ab, es geht über Stock und Stein, dann noch mal über einen Zaun und wir stehen wieder auf dem Wanderweg, kurz darauf auf der Landstraße, die um den halben Stausee herumführt, auf der laufen wir noch fast eine Stunde…

Plötzlich taucht ein Hostel auf und machen im Schatten Mittagspause. Wir wollen eigentlich nicht bleiben, sondern weiterlaufen nach Cañaveral, das sind von hier aus noch etwa 13 km. Aber die Mittagspause im Hostal wird immer netter, es kommen weitere Pilger an und alle checken ein. Wir erfahren, dass das Hostal seit einem Jahr neue Inhaber hat, die es komplett renoviert haben. Sie sind Franzosen und haben für ihr Leben am Stausee ihr altes Leben in der Bourgogne komplett aufgegeben.  Die Frau ist zugänglich und erzählt uns alles. Sie haben nach einer Pension am See gesucht, weil ihr Mann das Fischen liebt. Und es sollte sonnig sein. Mehr haben sie nicht gewusst, nicht mal, dass das kleine Hostal am Pilgerweg liegt. Wenn man die Gegend dort kennt (es gibt den See und eine Herberge und dieses Hostel und sonst nichts) kann man ihnen nur Glück wünschen, die Pilger sind ein Segen, sonst kommt da eher niemand vorbei.

Jedenfalls vergehen schnell zwei Stunden, wir trinken dann noch einen großen Limettenlikör auf Eis und es beschleicht uns der Gedanke, zu bleiben. Das Hostal hat einen kleinen Pool und es ist unglaublich heiß, selbst im schattigen Garten kaum zum Aushalten. Wir haben den Absprung vor der ganz großen Hitze verpasst und es ist gut so – wir bleiben. Faulenzen am Pool, quatschen mit den anderen, ich schreibe Blog…

Dann gibt es endlich mal wieder einen dieser typischen Pilgerhabende. Wir sitzen zu fünft am Tisch, ein Spanier, ein Italiener, ein Franzose, zwei Deutsche. Die Kommunikation findet zwischen dem Spanier, dem Italiener und dem Franzosen statt. Es ist diese Art von Unterhaltung, die ich liebe: Sie unterhalten sich in einer Art Kunstsprache, der Spanier wechselt nur die Intonation, mal betont er französisch mal italienisch, die anderen bleiben bei ihrer eigenen Sprache, verstehen tun sie sich sowie so… und sie sind klassische Vertreter ihrer Nation: Der Italiener beschwert sich vehement über das Essen, dass er seit Tagen bekommt. Heute wird es wieder in der falschen Reihenfolge serviert, der Salat zuerst, dann erst die Pasta. Die Pasta ist natürlich ungenießbar, er leidet Qualen bei ihrem Verzehr, man sieht es ihm an. Es folgen längere Ausführungen über seine Lieblingsgerichte. Der Franzose ist total französisch und sehr lustig. Er läuft seit einigen Tagen mit dem Italiener und macht sich – sehr lustig – über ihn lustig. Das kann man hier schlecht beschreiben, aber ich lache mich schief dabei. Er ist einer dieser beeindruckenden Pilgerfiguren, 73 Jahre alt, topfit und jung geblieben, er steckt jede Strapaze mit einem charmanten Lächeln weg und ich hätte ihn gerne noch einige Tage immer wieder gesehen (aber wir werden am nächsten Tag erheblich springen und verlieren sie daher alle).  Jeder redet parallel sein Zeug, alles durcheinander und ungeordnet. Kaum zum Aushalten, herrlich. Nur der französische Inhaber des Hostals redet nicht, er mag es lieber schweigsam wie beim Fischen.

Langsam kühlt es ab, wir sitzen bis spät Abends unter nachtblauem Himmel mit Vollmond mitten im Nirgends, irgendwann allein, wieder Ruhe um uns.

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