main

Reiseberichte

Via Cáparra und Baños de Montemayor, die Bäder am großen Berg

Juni 21, 2015 — by Juli Tributs0

Mittwoch, 3. Juni, 13. Tag:

Heute ist der Tag, an dem wir Etappen überspringen werden. Wir wollen nach Cáparra, dem alten römischen Triumphbogen. Das wären von hier aus 71 km durch die Extremadura. Die kann man in zwei Tagen auch zu Fuß schaffen, wir sparen uns aber lieber einen Tag. Wie wir das genau anstellen, wissen wir beim Aufstehen noch nicht. Was wir aber schon wissen, es gibt in Cañaveral, dem nächsten Ort auf unserem Weg, eine Churreria. Das haben uns zwei Mädels erzählt, die gestern Abend auf eine Cola in unser Hostal gekommen sind. Churros zum Frühstück mögen wir, zwei Stunden vor und nach Sonnenaufgang laufen und dann die erste Belohnung abholen.

Die Nacht war heiß, es hat sich wegen der Terrasse vor unserem Fenster nicht so recht abgekühlt. Ich war daher tausend mal wach und froh, als wir viertel vor 6 h aufstehen konnten. Es gab sogar, was eher selten vorkommt, ein kleines Frühstück für uns. Die anderen Pilger waren auch schon wach. Es beginnen die üblichen Gespräche, wer läuft wie und wohin, man kann die Asphaltstraße laufen und spart damit 3 km. Oder man nimmt den schöneren, aber längeren Wanderweg. Dann haben irgendwelche Herbergen geschlossen, das führt bei manchen zu leichter Panik. Der Italiener hat die Nase voll von der Extremadura, zudem hat er sich von der Pasta mit Paprika-Tomatensoße den Magen verdorben… Oh weh…. Wir haben keine Lust auf solche Diskussionen. Wir wollen auch keine Straße und am morgen lieber auch keine Gruppe. Also verabschieden wir uns rasch, auch mit dem Wissen, dass wir niemanden wieder sehen werden, wenn wir springen.

Und schon sind wir draußen unter mondhellem Himmel, es ist halb 7 und es weht frische kühle Luft. Es ist dies die Zeit am Tag, in der wir uns wunderbar fühlen. Der Mond scheint auf den See. Das gibt ein schönes Panorama.

Alcántara Stausee kurz vor Sonnenaufgang
Wir laufen mit dem Mond über dem Alcántara Stausee

Gleich geht die Sonne auf, die Vacas und Toros glotzen uns mampfend an, ansonsten sind wir allein unterwegs. Die Welt gehört uns, wir sind ganz einig und seelig und glücklich.

Kurz nach 9 Uhr betreten wir die Churreria in Cañaveral, fertige Churros warten schon, es gibt Kaffee und Chocolate. Der Italiener und der Franzose tauchen auch auf, sie haben ja abgekürzt… der Italiener, aus Turin kommend, schaut abschätzig auf unseren riesigen Berg mit Churros: sowas ißt man bei uns in Neapel auch… der Franzose ist offen für alles und probiert ein Stück von mir und gibt wohlgefällige Schmatzlaute von sich, doch gar nicht so übel, die Churros. Wir verabschieden uns nun endgültig von den beiden und laufen Richtung Landstraße.

Dort sehen wir vor einem kleinen Hotel einen Mann, der einen Van bepackt. Schnell fragen, ob er uns mitnimmt. Nach einem kurzen Routenabgleich, sagt er ja. Aus dem Hotel kommen nach und nach immer mehr Rentner, die alle in unser Auto einsteigen, einer nach dem anderen. Mein spanischer Begleiter hat einer der ältlichen Damen angeboten, sie könne zur Not auf seinem Schoß sitzen, woraufhin sie dankend ablehnt und sagt, sie sei mit ihrem Ehemann unterwegs. Es geht dann genau auf, als alle drin sind, eng gepackt in der hintersten Reihe die senioren Mädels, bleiben genau zwei Plätze frei. Die sind für uns.

Noch einmal umsteigen, auch das zweite Auto hält sofort an, und wir sind in Carcabosa. Wir sind 38 km gesprungen, es hat keine Stunde gedauert. Von hier sind es noch 20 km bis Cáparra. Es ist kurz nach 11 Uhr, noch nicht so richtig heiß und wir denken, das können wir schaffen.

Die Landschaft ist schön grün, es fließt Wasser in einem kleinen Kanal. Am Horizont gibt es Berge. Wir wandern durch das Ambroz-Tal, das in den Ausläufern der Sierra de Gredos liegt, es geht die calzada romana entlang. Links und rechts grasen Rinder, auf den Wiesen stehen riesige alte Stein- und Korkeichen. Die grüne Abwechslung tut nach der Trockenheit der letzten Tage dem Auge und der Seele gut.

Nach etwa zweieinhalb Stunden wird es heiß. Es ist immer noch wunderschön, wird nun aber anstrengend. Pause. Wir verlassen unseren Feldweg und kommen auf eine baumlose Teerstraße. Diese schlängelt sich durch die Wiesen, ohne das wir mit bloßem Auge ihr Ende erkennen können. Kein Schatten weit und breit, die Sonne knallt jetzt mit 40 Grad auf uns. Ich trinke noch mal einen großen Schluck Wasser, erneuere den Sonnenschutz und setze mein tapferes Gesicht auf. Es hilft ja nix. Hier gibt es nur vor, kein zurück. Wie durch ein Wunder nähert sich von hinten ein Auto. Mein Begleiter stoppt es kurzer Hand, ungebeten. Er kennt mittlerweile meinen Gesichtsausdruck und weiß ihn zu deuten.  Der Fahrer nimmt und mit und zeigt uns, wie der Weg nach der Teerstraße weitergeht, es ist immer noch endlos. Er bietet an, uns nach Oliva zu bringen und rät, wir sollen morgen früh mit frischer Kraft Cáparra anpacken. Gute Idee, so machen wir es.

Oliva hat eine Herberge und ein Casa rural. Wir rufen aus dem Schatten der Bushaltestelle in der Casa rural an. Am Telefon ist Rafael. Er sagt, er hat uns schon gesehen, ist an uns vorbeigefahren mit einem LKW voller Baumaterial. Er holt uns ab und bringt uns in sein Haus. Auf dem Weg dahin erfahren wir schon die wesentlichen Dinge. Er hat unlängst die Herberge übernommen und saniert sie gerade. Auf meinen zaghaft geäußerten Wunsch nach kaltem Bier öffnet er trotz Mittagspause den hiesigen Einkaufsladen. Klar, auch dieser gehört ihm. Seine Casa rural ist auch ganz frisch renoviert. Er hat sich dafür eine Dekorateurin aus der Gegend geholt und in sie verliebt. Nun ist sie von ihm schwanger. Er findet, mit 41 Jahren sei es Zeit für Familiengründung, sie leben nun zusammen in Olivia und warten auf das Baby.

Ich finde das toll. Ein Mensch, der in seinem Dorf alles in die Hand nimmt. Andere versauern hinter der Ladentheke, er renoviert, vermietet und ist der Checker vom Dorf. Aktion statt Resignation. Toll.

So frisch versorgt mit kühlem Bier und ganz unverhofft von den Strapazen des heißen Wanderwegs befreit, genießen wir den Nachmittag im kühlen Zimmer. Abends kaufen wir bei Rafael unser Abendessen und bereiten es zusammen mit einem lupenreinen Engländer in der Küche zu. Wir verbringen einen Abend mit rotem Wein und sehr gepflegter Konversation, auch das gibt es beim Pilgern.

Donnerstag 4. Juni, 14. Tag:

Wir stehen um 6 Uhr auf und bekommen von der Mama Frühstück. Sie führt ein strenges Regiment, also lieber nichts in der Küche anfassen. Der Kaffee wird serviert. Rafael bringt uns mit dem Auto die 10 km bis nach Cáparra. Das gehört zum Service.

Via Cáparra
Arco de Cáparra

Wir schauen in aller Ruhe und ganz allein die archäologischen Ausgrabungen der historischen römischen Rast- und Pilgerstätte an. Cáparra liegt an einer alten Kreuzung, die Raststätte für Soldaten und Passanten war. Der Triumphbogen ist ein Tetrapylon, er öffnet sich in vier Wegrichtungen. Die römische Ansiedlung hat alles, was man für eine Rast braucht: ein thermisches Bad, eine Einkaufsstraße, einen Garten und diverse Räume zum Wohnen. Eine archäologische Sensation.

Wir laufen halb 8 in Cáparra los. Wir wollen ins 28 km entfernt gelegene Baños de Montemayor, dem  letzten Ort der Extremadura vor der Grenze zu Castilla y Leon. Und wie es so oft auf dieser Reise schon war, bringt der Tag eine unverhoffte Wendung: Es ist bewölkt und hat sich dadurch ein klein wenig abgekühlt. Bei 25 Grad ist das Wandern ganz entspannt.

Vor Baños kommen wir aber erst mal nach Aldeanueva del camino.  Dort machen wir zwei Stunden Pause, verbringen den Mittag bei Wein, Kaffee und essen unsere mitgebrachte Brotzeit. Wir könnten hier auch bleiben, aber aus irgendeinem Grund drängt es mich weiter. Ich mag den Ort nicht, vielleicht weil zu viele Menschen nichts tuend rumsitzen, die Bar kein ordentliches Essen anbietet oder weshalb auch immer. Erklären lässt sich das oft nicht, warum man den einen Ort super findet und den anderen nicht. Außerdem haben wir – jedenfalls suggeriert das der Name – eine verlockende Alternative. Also auf nach Baños de Montemayor.

Es geht ausschließlich die Landstraße entlang. Aber das ist heute nicht schlimm. Um uns herum ist es grün, es geht ganz leicht bergan und die Zeit vergeht wie im Flug. Keine zwei Stunden später sind wir da. Uns empfängt ein Kurort mit Bädern, wunderschön an begrünten Bergen gelegen. Kaum im Ort gibt es schon frisches Bergquellwasser aus einem Brunnen. Das erste Mal, dass wir direkt unsere Flaschen unter das kühle Wasser halten können. Wir trinken, so viel in uns reingeht. Das nächste, was wir sehen, ist eine casa rural von 1816. Wir treten ein und es umgibt uns erfrischende Kühle. Hier will ich bleiben, keinen Meter will ich weiter. Nach kurzer Verhandlung bekommen wir ein Zimmer für 40 Euro, fünf Euro Rabatt verhandelt (nicht ich), ja, das gehört dazu. Wir sind bislang die einzigen Gäste. Die Zimmer sind liebevoll restauriert und gestaltet. Es gibt eine wunderschöne Terasse und ich möchte am liebsten länger hier bleiben.

Baño de Montemayor
Meine Casa Rural in Baño de Montemayor

Der Ort ist durch die Kurgäste angenehm lebendig. Auch wenn die Gäste im Durchschnitt eher zwischen 60 und 80 sind, geht es dem Ort durch sie gut. Das sieht und spürt man. Dennoch gibt es das ein oder andere Haus zu kaufen, wie so oft auf diesem Weg… (ich hätte am liebsten das gegenüber von unserer casa rural). Träumen ist schön. Naja, ohne Häuser zu kaufen gehen wir zum Abendessen. Dem wasserreichen Ort angemessen probiere ich Froschschenkel, die ersten meines Lebens.

So schaut ein Frosch aus, wenn er gebacken ist.
So schaut ein Frosch aus, wenn er gebacken ist.

Wir genießen den Abend, den Ort und die Menschen. Ganz glücklich und zufrieden gehen wir heute schlafen. Es weht frisch und kühl in unser Zimmer. Baños, wunderbare grüne Oase.

Leave a Reply