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Theater News

Until our hearts stop – Uraufführung von Meg Stuart an den Münchner Kammerspielen

Juni 18, 2015 — by Juli Tributs0

Diese neue Produktion von Meg Stuart an den Münchner Kammerspielen ist eine Wucht! Sie schlägt ein wie der Blitz. Auf der Bühne geht es rund, die Zuschauer sind gebannt – „until our hearts stop„.

Letzte Premiere der Kammerspiele in dieser Spielzeit und unter der Intendanz von Johan Simons. Das muss sein. Mit Sommererkältung, begleitet von Gähnanfällen wegen durch zu vielen Wolken verursachter Müdigkeit schleppe ich mich nach der Arbeit in die Spielhalle der Münchner Kammerspiele. Und werde dort von der Choreographie von Meg Stuart, ihren fantastischen sechs Tänzern/Schauspielern und der atemberaubenden Musik der drei Live-Musiker elektrisiert. Keine Spur mehr von Müdigkeit, ich bin gebannt von Anfang bis Ende.

Die erste Stunde ist getanzte Liebe, mit allem was dazu gehört. Die Geschlechterrollen vermischen sich, heben sich auf. Es geht sanft und zart los. Langsam beginnen die Individuen sich zu einem großen Knäuel zu verdichten, rollen irgendwann als solches über die Bühne. Raufen miteinander, wie es Kinder und Liebende tun. Getanzte Liebe darf hier auch albern und lustig sein.

Aus dem Raufen wird später ernster Sex, explizite Szenen die einen unmittelbar berühren. Vorher beginnt man aber zaghaft, sich zu beschnuppern, fängt an, sich und die anderen auszuziehen, nur einer ist nackt, die anderen sind halb an- und halb ausgezogen – das Beschnuppern wird hier bis zum Exzess ausgelebt. Erst jetzt, durch die Nacktheit, wird klar, wer Mann und wer Frau ist. Vorher gab es keine Geschlechter. Aber auch die nun bloßgestellten Geschlechter heben sich gleich wieder auf, es gibt keine festgelegten Rollen, es ist egal, wer mit wem oder auf wem liegt. So lösen sich auf der Bühne die gewohnten Seh- und Verhaltensweisen auf. Es wird geliebt und es wird gehasst, Lust ist hier ganz nah auch am Schmerz.

Was Neil Callaghan, Jared Gradinger, Leyla Postalcioglu, Maria Scaroni, Claire Vivianne Sobottke und Kristof Van Boven hier durch die Bewegung ihrer Körper zum Ausdruck bringen, bildet alle Facetten der Liebe ab; was für den einen anziehend ist, stößt den anderen ab. Da wir aber die Vorlieben unseres Nachbarn nicht kennen, kann sich jeder wiederfinden. Alles wird wohl Teil des Lebens oder eine denkbare Variante davon sein.

Die getanzten Bilder sind kongenial begleitet von der wunderbaren Musik von Paul Lemp (Bass), Marc Lohr (Schlagzeug) und Stefan Rusconi (Piano).  Sie lässt Klangbilder beim Zuschauer entstehen. Das ist einzigartig: jeder Ton, den die Musiker spielen, passt perfekt zur Bewegung auf der Bühne. Getanzte Musik!

Statt einer Pause gibt es nach der ersten Stunde eine kleine unterhaltsame Interaktion mit dem Publikum. In der geht es recht lustig zu, Matthias Lilienthal, der auch im Publikum sitzt, bekommt ein Küsschen, andere einen Schluck Whiskey, wieder andere können sich zum Geburtstag beglückwünschen lassen… Das alles kommt ganz natürlich und ungezwungen daher und es könnte keine bessere Überleitung in den zweiten Teil geben. In dem wird es mystisch, es gibt eine Séance, es gibt Magie und Zaubertricks, es gibt Yoga und Chakra und Räucherstäbchen. Wir werden entführt in nicht nur eine, sondern tausend andere Welten. Worin wir uns aus der Lebenswirklichkeit flüchten, ist ja letztlich auch egal, für manche ist es Chakra, für andere ist es die Liebe. Magisch ist das alles, so wie das Leben (und damit verbindet sich denn auch der zweite mit dem ersten Teil).

Kristof Van Boven tritt nun als Magier auf, manchmal spielt er dabei aber auch sich selber und erinnert auch daran, dass Abschied weh tut (München verliert durch den Weggang von Johan Simons nicht nur ihn, sondern auch viele andere wunderbare Ensemblemitglieder). Als Magier kommt sein komisches Talent, das vorher schon immer wieder durchblitzte, vollends heraus. Ironie gepaart mit einem Tropfen wehmütiger Realität, und wenn die nicht gelingt, dann ist es Stand Up Comedy. Er präsentiert in der zweiten Stunde allerlei Wundersames. Das muss man selber sehen, von mir nur nacherzählt nimmt es dem Theater die Magie…

Der Spuk endet nach zwei Stunden, die wie im Rausch verflogen sind, mit Fragen über Fragen und Aufforderungen ans Publikum, von denen man nur zu gerne gleich einige in die Tat umsetzen möchte.

Meg Stuart hat im Interview, das der Dramaturg Jeroen Versteele in seinem während der Proben entstandenen und sehr sehenswerten Video festgehalten hat, gesagt, sie möchte auf der Bühne mehr Heiterkeit und Albernheit. Beides blitzt immer wieder durch. Und trotzdem ist dies kein durchweg heiterer Abend. Viel wichtiger ist, dass sie Bilder findet für die essentiellen Dinge im Leben, für die man oft keine Worte hat. Sie zeigt, dass es kein schwarz und weiß, nicht nur Licht und Dunkelheit gibt. Sie zeigt, dass das Leben für jeden Schritt auch eine Alternative bieten kann. Einmal losgelöst von festen Strukturen und Rollenbildern gibt es auch die andere Realität, die magische Welt der Illusion. Was wäre wenn? Oder, so wie es die wunderbare Maria Scaroni im Probenvideo fragt: Was wäre, wenn wir mehr als nur zwei Planten sehen würden? Würden wir dann zu dritt heiraten, hätten wir mehr als zwei Geschlechter?

Alle diese Fragen muss man nicht klären. Es reicht, sich von der Magie der Bewegungen, der Töne und der Körper betören und entführen zu lassen. Eine wunderbare Produktion. Noch 8 Mal bis zum 17.7. in München zu sehen… und dann on tour.

Ein Muss auch für Fans des Theaters, die sonst mit Tanz (so wie ich) nicht all zuviel anfangen können.

Und weil die Mitwirkenden alle auch ganz zauberhaft sind, empfehle ich vor dem Besuch den Probenfilm Jeroen Versteele mit den Interviews. Er ist auf dem Blog der MK veröffentlicht.

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