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Theater News

„der die mann“ nach Konrad Bayer an der Volksbühne Berlin

Juli 11, 2015 — by Juli Tributs0

Herbert Fritsch hat die Essenz eines geschriebenen Lebenswerks genial, hochästhetisch und amüsant auf die Volks(Bühne) gebracht.

Ich bin dafür aus München angereist. Es ist Freitag. Zweieinhalb Stunden nach Landung und fünf Stunden nach der Flucht vom Schreibtisch in den Werken sitze ich, umgeben von vier Freunden, in der ausverkauften Volksbühne in Berlin, Reihe 7. Es geht los.

Schon der Beginn ist grandios. Die ersten Minuten berauscht uns Musik. Fulminant. Vier Live- Musiker (unter Leitung von Ingo Günther) die uns sofort in Stimmung bringen. Dann öffnet sich der Vorhang. Uns flasht die rot ausgeleuchtete Drehbühne, auf der sich die Showtreppe und ein schrill gelber überdimensionierter Grammophontrichter im Kreis drehen. Wie Wachsfigurenpuppen sitzen plötzlich bei der nächsten Umdrehung die Schauspieler auf der Treppe, wie im Spuk verschwinden sie wieder von dieser und stehen bei der nächsten Drehung hinter hier. Die Magie des Abends beginnt. Die sieben grandiosen Darsteller, sie stecken in knallfarbenen Latexanzügen und -kleidern, ihre Gesichter maskenartig, Barbie und Ken in Porzellan gegossen, Popartfiguren. Sie sprechen Bayer’sche Wortschlangen in unfassbarer Geschwindigkeit und Exaktheit, mal im Chor und mal allein. Sie jumpen am Gummieseil in den Himmel und wieder hinab. Sie liegen auf dem Boden und werfen Schatten an die nun nicht mehr rot, sondern grün ausgeleuchtete Wand. Wie Käfer bewegen sie sich am Boden und in ihrem Schattenspiel entstehen vielarmige Insekten am Bühnenhimmel. Das sind Vexierbilder, Sprache ist Magie und so ist es das Theater, mit allem drum und dran, Kostüm, Licht, Spiel oder Schattenspiel. Allein diese ersten 15 Minuten in popfarben sind so bizarr kreativ und ästhetisch, dass eine Steigerung nicht vorstellbar ist. Aber so überraschend vielseitig die Sprachfantasien von Konrad Bayer, so faszinierend sind die Umsetzungen von Herbert Fritsch. Wir jedenfalls sind schon zu Beginn nicht nur begeistert gebannt, sondern auch total scharf: auf die knalligen Gummianzüge! Und auf mehr gesprochene und inszenierte Wortakrobatik. Und auf Gummieseilhüpfen.

Zu dieser Wahnsinnsinszenierung von Fritsch muss man wissen, er huldigt offenbar einem Idol. Konrad Bayer. Mitglied der Gruppe 47. Dadaist. Geboren 1932 in Wien. Sein Hauptwerk fasst 450 Seiten Kleingeschriebenes. Es ist entstanden bis 1964, dem Jahr, in dem er sich mit 32 Jahren umgebracht hat. Möglicherweise, so lese ich, weil seine Texte in der Gruppe 47 nicht so aufgenommen wurden, wie er es wünschte, vielleicht aber auch, weil er als echter Wiener generell des Lebens müde war… Who knows. Rock me Amadeus.

Die Inszenierung von Fritsch, über 50 Jahre nach dem Tod von Konrad Bayer, vereint die Kulturgeschichte dieser gesamten Zeit bis heute, nun ja, eigentlich der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts: ohne Anspruch auf Richtigkeit oder Vollständigkeit sehe ich Andy Wahrhol und Pop Art, Madonna und Barby, Beatles und dann schon Musical und 80ies Glamour mit Showtreppe, es ist Rocky Horror Picture Show und Greece, Nina Hagen und Neue Deutsche Welle und vieles mehr (ich hoffe Fritsch reißt mir nicht den Kopf ab, naja, er wird es nicht lesen…)

Zurück zum hier und jetzt. „der die mann“ geht weiter. „franz goldenberg kam zur tür herein und gab mir die hand. dr. ertel gab marion bembe die hand. marion bembe gab dr. aust die hand. dr. aust gab dr. herbert krech die hand. dr. herbert krech gab fräulein gisela lietz die hand…“ Und so geht es weiter bis einer aufgefordert wird, den Empfang unverzüglich zu verlassen (in heutigen Zeiten der Autokorrektur hätte Bayer mit dem Kleinschreibtick allein deswegen schon Anfälle bekommen…)

Es ist ein rauschendes Sprech- und Spielfest. Wer Konrad Bayer nicht kennt, kennt vielleicht Ernst Jandl oder H.C.Artmann. An Jandl erinnern die mäandernden Tautologien, Bayer formt endlose Wortschleifen deren Sinn man(n), wenn sie einen haben, bei der Schnelle und dem Rhythmus nicht wirklich erfassen kann. Beispielhaft, herrlich sinnentleert steht dafür „der Karl im Karl“. Darin geht es ungefähr etwa 20 Minuten darum, dass: der Karl, der erscheint mit Karl auf dem Karl, der vor dem Karl sich auf den Karl wirft, in den Karl hineingeht und neben dem Karl steht… (oder so ähnlich, mitschreiben hoffnungslos).

Dazwischen gibt es Slapstick am und mit dem Mikrofon. Die Ständermikrofone sind hier eigenständige Wesen, ein gelbes, ein rotes ein blaues. Schwer zu bändigen, so wie die Wortmäander von Bayer, nehmen sie Besitz von ihren Schauspielern. Das ist so lustig, dass ein anwesendes etwa achtjähriges Kind im Publikum mit Lachen gar nicht mehr aufhören kann, wir Erwachsene tun es ihm gleich.

Dann kommt „der die mann“ in drei Fassungen. Das muss man sehen und hören. Es ist Nonsens und Wortakrobatik, komisch schräg, dada, toll. Danke an Herbert Fritsch, der uns mit solch einem Abend beschenkt.

Auf nach Berlin. Die Volksbühne macht kurz Sommerpause und dann geht es mit „der die mann“ weiter. Ich möchte mit allen meinen Freunden jeweils einzeln noch mal reingehen. Ich glaube, dann spielt die Volksbühne es für mich noch Jahre. Oder bis Chris Dercon übernimmt.

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