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Theater News

Peaches rockt mit „Peaches Christ Superstar“ die Münchner Kammerspiele

Oktober 11, 2015 — by Juli Tributs0

„Peaches Christ Superstar“ zur Spielzeiteröffnung der Münchner Kammerspiele unter der Intendanz von Matthias Lilienthal 

 

Da ist sie nun, die neue Spielzeit,  lang ersehnt und viel vorab besprochen. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ein anderer Intendant vor Beginn der Spielzeit so viel Aufmerksamkeit erhielt – oder bewusst provoziert hat – wie es gerade bei Matthias Lilienthal zu erleben war. Eines lässt sich bereits jetzt sagen: es bewegt sich etwas. Die Kammerspiele verändern sich. In welche Richtung es dann wirklich geht, werden wir sehen. Ob die von Lilienthal angestrebte Verjüngung des Theaters dauerhaft eintritt, wird sich zeigen. Dafür ist Peaches Christ Superstar nicht exemplarisch, zieht Peaches doch ganz klar ein eigenes Fan-Publikum an. Und den ersten Abend (Kaufmann von Venedig, inszeniert von Nicolas Stemann) habe ich verpasst… meine Beobachtungen sind also (noch) sehr begrenzt.

Offensichtlich ist: Es gibt Party. Es werden neue Räume für Bars erschlossen. Es gibt das sog. Aquarium, unter der Spielhalle, jetzt Kammer 2. Dann ist das Foyer des Theaters zur Bar geworden. Partystimmung stellte sich denn auch Samstagnacht im Theater ein, was sicher vor allem an den Fans von Peaches lag. Danach, bei der After-Premieren Party hängen dann lauter fremde, sehr junge Menschen in der Kantine vom Blauen Haus rum. Außer den bekannten Kritikern, die teilweise fast verloren allein unter Fremden rumstehen (ein seltenes Bild) und ein paar wenigen Hausangehörigen, begegnen einem kaum mehr bekannte Gesichter. Klar, die Schauspieler der letzten Intendanz sind ja auch fast alle weg, was an einem Abend wie gestern dann doch recht schmerzlich klar wurde.

Und nun zu Peaches Christ Superstar. Keine echte Premiere, sondern eine Performance, die bereits 2010 im Hebel Theater am Ufer im Berlin und an vielen anderen Orten in Europa zu sehen war. Nun holt Lilienthal sie auch nach München, als musikalisches Beiwerk für seine fulminante Spielzeiteröffnung (an diesem Wochenende mit zwei echten Theater-Premieren: Ode to Joy und Kaufmann von Venedig und einer bereits in Weimar und Graz aufgeführten Performance von Rimini Protokoll Adolf Hitler: Mein Kampf, Bd. 1&2).

Peaches singt sich allein durch die letzten 7 Tage Jesu vor seiner Kreuzigung, nur begleitet vom Piano. Stimmgewaltig singt sie alle Rollen von Jesus und seinen Jüngern, über Pontius Pilatus, den Pharisäern, Judas bis zu Maria Magdalena. Sie singt schon gut, aber der Performance fehlt die Inszenierung und damit die Tiefe. Die Leidensgeschichte von Jesu lässt sich nicht erzählen, nur indem man je nach Rolle die Stimmlage und einmal das Kostüm ändert. So süß wie es klingt, wenn man es liest – Peaches verwirklicht sich mit ihrer Performance des Musicals von Lloyd Webber einen Mädchentraum, sie kennt „Jesus Christ Superstar“ seit Kindertagen auswendig – aber nur singen reicht hier nicht. Das mögen die Peaches Fans anders sehen, was auch einige Standing Ovation erklärt. Aber neben Peaches Glamour wären ein paar dramaturgische Ideen gut gewesen.

Erst ganz am Schluss, als Peaches (wohl nach der Gerichtsverhandlung unter Pontius Pilatus, so ganz folgen kann man der Handlung mangels Dramaturgie nicht) die Peitsche hervorholt und aus dem Publikum gerufen wird „Crucify him!“ gab es bei mir ein Schauern, eine Ahnung davon, wie es sich anfühlen kann, wenn der Mob geweckt wird. Am Ende hängt Peaches am Kreuz, schwebt über der Bühne und singt ihre letzten Worte „Lord forgive them, they don’t know what they are doing“. Das ist ein schönes Bild.

Und so vergeben wir Peaches und freuen uns, als wir sie später in echt, als Peaches (das bedeutet grell grün geschminkt mit krasser Frisur) in der Kantine wieder treffen. Sie sitzt da einfach so am Tisch, knutscht mit ihrem farbigen Boyfriend und klatscht uns ab, als wir ihr beim Vorübergehen kurz den Daumen hoch zeigen.

Die nächste Vorstellung von Peaches Christ Superstar ist am 22. Dezember. Wer Gesang mag, dem sei sie empfohlen. Wer echte Handlung erwartet, der kann sich kurz vor Weihnachten dann auch intensiv dem Weihnachtsbaum und der Festtagsgans widmen.

An den kommenden Inszenierungen an den Kammerspielen bleibe ich dran und hoffe auf schöne Theaterabende.

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