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Theater News

Erste Begegnungen mit Matthias Lilienthal, dem neuen Intendanten der Münchner Kammerspiele

März 7, 2015 — by Juli Tributs0

Seit kurzem stelle ich bei mir einen gewissen Lilienthal-Hype fest. Ich liebe die Münchner Kammerspiele. Habe dort seit meinem Umzug nach München 1995 fast alle Vorstellungen gesehen, die letzten zwanzig Jahre waren ja wahrlich das Intendantenparadies. Was für ein Glück, die Ära Dieter Dorn – Frank Baumbauer – Johan Simons – mit so vielen und so tollen Inszenierungen, immer wieder mal neuen und immer fabelhaften Schauspielern mitzuerleben. Und jetzt? Kommt etwas Neues.

Da ich das Neue nicht kenne, bin ich zunächst etwas besorgt und, auch wenn ich das nicht gerne zugebe, ein kleines bisschen voreingenommen. Und jetzt?

Jetzt begegne ich dem Neumünchner aus Berlin ständig, ganz zufällig natürlich. Das gefällt mir. Er kennt mich nicht, ich erkenne aber ihn und freue mich irgendwie ihn zu sehen. Weil er so anders ist. Mein erster Eindruck: Er tut München gut. Er ist schon optisch schräg (und meist auch etwas grell, was aber auch an seinen quietschorangen und quietschgelben T-Shirts liegt). Er ist anders und er strahlt etwas Kraftvolles aus – Energie, Offenheit und Unmittelbarkeit.

Es gefällt mir auch, dass endlich mal ein Kreativer nicht von München nach Berlin zieht, sondern von Berlin nach München.

Also kreuzen sich nun unsere Wege im Dorf München. An dem Mittwoch, als Susanne Hermannski mir in der Süddeutschen Zeitung im Lokalteil für München ausführlich über Shabbyshabby Apartments, das erste Kunstprojekt der Münchner Kammerspiele unter der Intendanz von Matthias Lilienthal, erzählt, sitze ich abends mit Freunden im Fraunhofer. Plötzlich schlappt Matthias Lilienthal rein, oranges T-Shirt, schlurfige Jeans, wilde Frisur. Wir versuchen, ihn nicht allzuseher zu beachten, ich schiele trotzdem immer mal wieder hin. Keiner meiner Freunde am Tisch glaubt mir, dass er der neue Intendant der Kammerspiele ist. Nur mit Mühe kann ich meine Freundin aus New York abhalten, gleich mal hinzugehen, ihm das Foto aus der SZ unter die Nase zu halten und zu fragen, ob er das nun ist oder nicht. Jedenfalls unterhalten wir uns alle am Tisch plötzlich über Wohnen im Container auf der Maximilianstraße und darüber, ob wir uns trauen würden, zu Wempe auf Toilette zu gehen. Und wie es sich sonst so auf der Straße im Container lebt, ist ja nur für einen Tag. Shabbyshabby Apartments heißt: Es werden 22 Wohngebäude im öffentlichen Raum Münchens entstehen. Im Moment läuft dafür der Design-to-build-Wettbewerb. Und dann darf man wohl ab Mitte Oktober für eine Nacht im shabby Apartment wohnen.

Tolle Idee, sich auf diese Weise in München künstlerisch mit Wohnungsknappheit und zu hohen Mietpreisen, die sich keiner mehr leisten kann, auseinanderzusetzen. Auch wenn man dies als Münchner nicht mehr hören und lesen kann… Dennoch, es ist trotzdem gut, wenn Kunst weiter auf die Misere aufmerksam macht. Vielleicht erreicht es ja doch den ein oder anderen Vermieter.

Und irgendwie verschmelzen hier ja auch wirklich private Themen mit öffentlichen Themen. Theater wird zum Leben und Leben zum Theater. Und wieder eine Begegnung mit ihm. „Hallo ich heiße … und wohne bald in München… bin Berliner Altbauten gewohnt… und suche…“ lese ich eines Tages im privat organisierten E-Mail-Verteiler „Budenschleuder“, in dem ein Matthias Lilienthal nach einer Wohnung in München gesucht hat. Ich suche dort auch, für einen spanischen Freund. Die Suche ist lang und frustrierend. So auch für ihn, wie mir später Gabriela Herpell im SZ Magazin berichtet hat.

Und so geht es weiter mit mir und Herrn Lilienthal, er steht nämlich auch mal gerne auf der Straße rum, auf der ich auch laufe, und und und … Jedenfalls führen diese zufälligen Begegnungen zusammen mit den Artikeln in der SZ, die dann meine persönliche Wahrnehmung spiegeln, zu diesem gewissen Hype, den ich bei mir diagnostiziere. Und klar, nichts erlaubt mir im Moment eine fundierte Einschätzung, da ich weder den Menschen Matthias Lilienthal noch seine Arbeit kenne. Was aber erlaubt ist, sind Vorfreude und Spannung. Also freue ich mich auf den Beginn der neuen Spielzeit im Oktober 2015 unter Matthias Lilienthals Intendanz. Bis dahin schaue ich mir noch alle laufenden Inszenierungen der Kammerspiele an. Und dann geht es nach kurzer Sommerpause auf zu Shabbyshabby Apartments.

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