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Theater News

„Jagdszenen in Niederbayern“ inszeniert von Martin Kušej

März 16, 2015 — by Juli Tributs0

Jagdgründe, Abgründe. Es knallen Schüsse nieder auf Abram, der allein vor einer riesigen Bretterwand im Lichtkegel einer Taschenlampe steht. Das ist das Ende. Damit beginnt Kušej’s Inszenzierung von Martin Sperrs „Jagdszenen in Niederbayern“ an den Münchner Kammerspielen. Erzählt wird von hinten nach vorne. Die Todesnacht zu Beginn ist rabenschwarz, und so schwarz und so bedrückend bleibt es den ganzen Abend.

Gleich bedrückend auch die zweite Szene, in der ein ganzes Dorf Jagd macht auf Abrams, den Außenseiter, der so anders ist, der Männer mag. Man will ihn lebend fangen, wie ein Tier anschießen. Seine Mutter (intensiv und eindringlich gespielt von Gundi Ellert), selbst auch ein Gewehr in der Hand, verlangt aber etwas anderes: „bringt ihn um, damit ich keine Mutter mehr sein muss“. Damit sind die Gefühlswelten aller Personen des Stückes zueinander schon umrissen: Es gibt keine Liebe in dieser Welt (die nicht nur eine niederbayerische ist, sondern die überall sein kann), nicht zwischen Mutter und Sohn, nicht zwischen Mann und Frau, nicht zwischen Abram (männlich gespielt von Katja Bürkle) und Tonka (trostlos gespielt von Anna Drexsler) , die von Abram schwanger ist und die Abram ersticht, weil er sie, ihre vermeintliche Liebe oder vielleicht auch nur ein neues Leben in dieser Welt nicht erträgt.

Und so setzt sich im Zuschauer das Unwohlsein fest. Unwohlsein entsteht in vielen einzelnen Momenten und bleibt in der Erinnerung haften. Besonders stark auch, als Tonka sich dem Knecht und Kriegsheimkehrer (hervorragend dargestellt von Hans Kremer) in freudloser Lust hingibt und dieser sie ohne jede Zuneigung nimmt.

Nähe könnte entstehen zwischen Abram und Rovo, dem behinderten Jungen. Aber selbst diese Nähe soll nicht sein. Rovo, selber Außenseiter, muss Tonka als Hure beschimpfen und verliert damit jede Zuneigung, die sich in der Szene zuvor eingestellt hat. Der Knecht der für Rovo’s Mutter (Cristin König) arbeitet und ihr Liebhaber sein darf, ergreift zwar Partei für Abram’s Anderssein, weil er und andere Männer „sowas mit Männern“ im Krieg auch gemacht haben. Aber auch diese Solidarität, eh nur im geschützten Raum des Schlafzimmers geäußert, wird nicht zu echter Solidarität und den ausstehenden Lohn muss man „so einem“ natürlich nicht mehr ausbezahlen. Rovo’s Mutter die mit dem Knecht lebt, wird selber vom Dorf ausgegrenzt, weil sie ja noch mit einem Mann verheiratet ist, der im Krieg verschollen ist. Aber auch sie hat kein Verständnis und keine Empathie für die anderen oder die, die anders sind.

Warum auch, steht sich hier doch jeder selbst am nächsten. Gemeinschaft entsteht hier nur in der Ausgrenzung vermeintlich Andersartiger.

Kušej inszeniert unterkühlt und erzeugt durch die fehlende Emphatie, die die einzelnen Figuren in ihrem Verhältnis untereinander kennzeichnen, beim Zuschauer ein seltsames Gefühl der Distanziertheit zum Bühnengeschehen. Wie sehr es einem als Zuschauer doch fehlt, dass man sich mit niemandem solidarisieren kann, sich nicht identifizieren kann und keinen lieben kann. Opfer werden zu Tätern. Es gibt keine Helden, es gibt keine Lieblinge (außer natürlich die tollen Schauspieler, die man um ihrer Darstellung willen liebt). Es bleibt Unwohlsein und distanzierte Betroffenheit. Aber die setzt sich fort bis in den nächsten Tag.

 

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