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Theater News

„Camino Real“ in einer Inszenierung von Sebastian Nübling an den Münchner Kammerspielen

März 29, 2015 — by Juli Tributs0

Sebastian Nübling inszeniert an den Münchner Kammerspielen Camino Real von Tennessee Williams. Und ich habe es schon gesehen, yippi, gestern, am 28.3.2015, war Premiere. Wer sich vor der Konfrontation mit einer Welt nicht scheut, in der Liebe und Wärme, Solidarität und Empathie für den anderen verloren gehen, dem sei der Theaterbesuch von mir sehr empfohlen.

Die Inszenierung ist archaisch, körperlich, eindringlich. Die Schauspieler geben alles. Und das überträgt sich auf das Publikum, welches gebannt dem verrückten Treiben zuschaut: Ist das unsere Welt? Mich lässt die Inszenierung bewegt und etwas verstört. Das liegt zum einen am Stück, vor allem aber am intensiven Spiel der wunderbaren Schauspieler. Ganz besonders bewegend sind die Szenen zwischen Risto Kübar in der Rolle des ehemaligen Boxers Kilroy und Sandra Hüller als Esmeralda, sowie zwischen Wiebke Puls als Marguerite Gautier und Oliver Mallison als Jacques Casanova.

Tennessee Williams schrieb an „Camino Real“ bis zur Uraufführung 1953 im national theatre in New York  „zwei Jahre“ .. „mit dem Fieber eines improvisierenden Jazzmusikers“ (man kann es sich vorstellen). Er erzählt von einem trostlosen Ort, am Ende der zivilisierten Welt (im Stück ist dies irgendwo in einer lateinamerikanischen Hafenstadt) und den Beziehungen der Gestalten, die es dorthin verschlägt: Es sind die Gescheiterten und die, die schon immer „unten“ waren. Von T. Williams als gesellschaftskritische Abrechnung mit den USA geschrieben, wird es dort von der Kritik nach der Premiere zerrissen. Dies ist sogar dem Spiegel in Heft 16/1953 einen Titelbeitrag wert, auf den hier verwiesen sein soll.

Sebastian Nübling erzählt die Schicksale aus heutiger Perspektive mit reduzierter Sprache, dafür aber umso körperlicher. Der „Camino Real“ ist bei ihm in einer Welt, die mit überlebensgroßen Teddy-Plüschtieren dekoriert ist, Symbol für billigen Konsum, und die beherrscht und bewacht ist von autoritären Ordnungshütern (wunderbar Jochen Noch als Polizist Gutmann). Zwischen diesen Teddies auf der einen und den Wächtern auf der anderen Seite spielen sich die persönlichen Dramen der abgehalfterten Figuren ab. Das „Eintrittsgeld“ für den Camino „ist die Verzweiflung, in bar auf den Tisch“. Er ist „ein Hafen zum Kommen und Gehen, es gibt keine Dauergäste“, der einzige realistische Weg aus dieser Welt ist der Tod (so wird auch in fast jeder Station einer Figur das Leben genommen). Jeder, der hier lebt, ist sich selbst der Nächste. „Warum macht die Enttäuschung die Menschen so unfreundlich zueinander“, fragt Jacques Casanova in einem der wenigen Momente der Nähe und Wärme seine Angebetete Marguerite. Doch diese ist schon lange in der inneren Isolation und auf der Flucht, vor sich und diesem „trostlosen Ort“, “an dem es keine Liebe mehr gibt. „Man hat sich nur aneinander gewöhnt“.

Wie wohl es da tut, dass Kilroy auftaucht. Ein ehemaliger Box-Champion, der weil sein Herz so groß wie ein Kinderkopf ist, Frau und Beruf verloren hat. Der naiv und optimistisch auf der Suche nach normalen Menschen ist. Er wird auserkoren, den Schleier von Esmeralda lüften zu dürfen, die jeden Monat ihre Unschuld zurückgewinnt. Und obwohl er weiß, dass dies den Tod für sein schwaches Herz bedeutet, sag er dafür „bitte bitte“. Diese Szenen zwischen Risto Kübar und Sandra Hüller, mit denen die Inszenierung endet, sind die eindringlichsten Momente des ganzen Abends.

Denn bei all der sozialen Isolation, fehlenden Solidarität und menschlichen Kälte, die einem in dieser Inszenierung um die Ohren gehauen werden, macht diese auch spürbar, dass es Empfindungen und Sehnsüchte noch geben kann… und diese vielleicht auch in unserer heutigen Welt überleben.

p.s. Schaut mal rein unter https://vimeo.com/123181300

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