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Kunst

Manifesto von Julian Rosefeldt mit Cate Blanchett

Februar 16, 2016 — by Juli Tributs0

Manifesto. Eine Multi-Screen Film Installation von Julian Rosefeldt. Cate Blanchett spielt in 13 verschiedenen Rollen die Manifestos der Kunstwelt des 20 Jahrhunderts.

Manifesto ist derzeit zu sehen im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in Berlin und im Australian Centre for the Moving Image in Melbourne.

Die Installation ist atemberaubend. Mit Manifesto überschreitet Julian Rosefeldt die Grenzen der Kunst: Sein Werk ist Film- und Performancekunst mit der wandlungsfähigen Cate Blanchett in allen Hauptrollen. Ist Videoinstallation, skulpturale Bilderkomposition, die in der Gesamtheit erlebt absolut beeindruckend ist. Ist Textcollage, weil Manifeste von Karl Marx, Kandinsky, André Breton, Louis Aragon, Jim Jarmusch und vielen anderen Künstlern des letzten Jahrhunderts in Szene gesetzt werden.  Ist politisches Statement, weil modellhaft heutige Erscheinungsformen der Gesellschaft abgebildet (Cate Blanchett ist Obdachloser, Börsenmaklerin, Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage, Geschäftsführerin auf einem privaten Empfang, Tätowierte Punkerin, Wissenschaftlerin, Trauerrednerin, Puppenspielerin, Konservative Mutter mit Familie, Nachrichtensprecherin und Reporterin sowie Lehrerin) und durch die Manifeste in Frage gestellt, gespiegelt oder einfach kommentiert werden.

Julian Rosefeldt saugt alle Eindrücke aus der Welt auf, ist inspiriert vom Film, von der Kunst in all ihren („mus“-)Erscheinungsformen des Situationismus, Futurismus, Dadaismus, Surrealismus, Kreationismus, Konstruktivismus, Minimalismus Konzeptionismus und schafft daraus etwas Neues, ganz Eigenes und noch nie Dagewesenes.

Die Bilderwelt beginnt mit dem Manifest von Karl Marx, als Prolog, Im Video als brennende Zündschnur in Szene gesetzt. So in etwa -glühend, verglühend- war es wohl mit dem Kommunistischen Manifest. Aber selbst verglüht springen noch Funken…  Gleich daneben begegnet uns Cate Blanchett als „Homeless man“, spricht die Manifeste des Situationsmus, hoch über der Stadt Berlin auf dem Teufelsberg, auf dem sich früher die Flugüberwachungs- und Abhörstation der US-amerikanischen Streitkräfte befand. Man muss es im Ganzen und sicher auch mehrfach sehen, um die vielen Ebenen der Kunst zu erfassen. Hier ein kleiner Einblick:

Manifesto von Julian Rosefeldt mit Cate Blanchett
Cate Blanchett als Obdachloser – Szene aus Manifesto von Julian Rosefeldt

Beeindruckend ist Cate Blanchett als Grabrednerin in dem Video, in dem der Dadaismus und alle gesellschaftlichen Grundfesten zu Grabe getragen wird (no more democrats, no more bourgeoise…, no more armies, no more police … – nothing nothing nothing). Dazu gibt es Trauermarsch und Mafiamusik. Hier werden alle Sinne angesprochen.

Manifesto von Julian Rosefeldt mit Cate Blanchett
Cate Blanchett als Trauerrednerin – Szene aus Manifesto von Julian Rosefeldt

Und so geht spannend geht es weiter, jedes Video zeigt eine andere Welt. Cate Blanchett ist der Star aller Videos. Ihr hat Julian Rosefeldt die Szenen auf den Leib geschrieben. Die Verbindung beider Künstler ist kongenial. Es ist kaum vorstellbar, wie eine einzige Schauspielerin in so vielen Rollen so hundertprozentig echt die jeweiligen Charaktere verkörpert, den richtigen Ton, die richtige Nuance trifft. Und das in nur 12 Drehtagen. Die Kulissen sind perfekt für den Charakter inszeniert, das geht weit über Filmkunst hinaus, ist Bühnenbild- und bildende Kunst und hochästhetisch.

Manifesto ist eine Reminiszenz an Vordenker, politische Philosophen, Künstler, Andersdenkende. Julian Rosefeldt transferiert Kunst von früher ins Heute, zeigt, dass es vor jeder Idee schon eine andere Idee  gab. So entwickelt sich Leben, so entwickelt sich Kunst, und aus Kunst wird wieder Kunst.

Manifesto von Julian Rosefeldt ist ein Must. Daher auf nach Berlin und rein in die Warteschlange vor dem Hamburger Bahnhof (noch bis zum 10.Juli 2016). Zu sehen ist ein Jahrhundertwerk.