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Theater News

„König Ödipus“ – Mateja Koleznik’s Sophokles Inszenierung am Residenztheater München

Oktober 19, 2015 — by Juli Tributs0

Thomas Lettow als König Ödipus am Residenztheater München: Er stemmt die Last der eigenen Existenz und kann doch seinem Schicksal nicht entfliehen 

 

Es gibt kein Entrinnen, es wird nicht gut gehen mit diesem Ödipus. Wir wissen es und schauen doch gebannt zu, wie Ödipus sich langsam, selbstquälerisch, als Mörder von Laios, dem eigenen Vater, und als Geliebter seiner eigenen Mutter, seiner Ehefrau Iokaste, entlarvt.

Auf der Bühne gibt es einen Krimi der feinsten Art. Hochkonzentriert ist das Spiel und die Sprache hinter der Wand aus Glas. Die trennt das Publikum von den Schauspielern. Sie alle bewegen sich in einem Kasten aus Fensterglas, vollkommen isoliert; nur durch Mikroports und Lautsprecher können ihre Gespräche nach draußen dringen. Es ist eine politische Bühne, wie wir sie von heute kennen, irgendwie weit weg und doch so nah und so klar. Wir schauen in das Foyer, vor dem Plenarsaal in dem die großen Staatsreden gehalten werden. Dieser ist auf der Bühne nur durch zwei Türen angedeutet. Aus ihr kommen und gehen die Anzugträger, um in Sitzungspausen Zigaretten rauchend zu beraten, zu intrigieren, zu tratschen. Thomas Grässle trägt als Diener mal leere mal volle Wasserbehälter über die Bühne. Wir hören aus dem Plenarsaal nur, wie Ödipus – noch ganz der stolze und starke König von Theben, verspricht, den Mörder von Laios zu finden, um damit Theben von dem Fluch der Pest zu befreien. Im Foyer qualmt daweil der einsame Aschenbecher, Wind wirbelt die Asche auf – das verheißt nichts Gutes.

Langsam tastet sich Ödipus, Frage um Frage aufwerfend, an die Wahrheit. Es gibt Momente der Hoffnung, die jedoch durch immer stärker werdende Indizien zunichte gemacht werden. Iokaste, unterkühlt und souverän gespielt von Sophie von Kessel, ahnt es schon etwas früher als Ödipus. Teiresias, der blinde Seher, altersweise wissend, wunderbar gespielt von Hans-Michael Rehberg, prophezeit es. Der Chor (gleichbedeutend mit Fraktion, Parlamentariern o.ä.), angeführt von René Dumont als leicht intrigantem Chorführer, tuschelt und berät, wird immer mehr zur Bedrohung. Die Regisseurin findet schöne treffende Bilder dafür, wie sich Erkenntnis und Zweifel schleichend durchsetzen, wie der Chor langsam dem Herrscher Gefolgschaft versagt.

Das muss man sehen! Man fühlt mit Ödipus und möchte ihm zurufen, glaub es doch endlich, du bist der Vatermörder, gegen dein Schicksal kommst du nicht an, also akzeptiere es doch. Als Ödipus sich am Ende verzweifelt selbst blendet, damit seine Augen nie wieder sehen müssen, was er angerichtet hat, fühlt man die Verzweiflung fast körperlich. Gibt es wirklich keine Alternative, als sich diesem Schicksal zu ergeben? Keine Vergebung für den, der nicht wußte was er tat und der doch eigentlich nur versucht hat, dem prophezeiten Unheil zu entgehen (dieses Unrecht scheint die Schuld für den tatsächlich verübten Totschlag an Laios, von der keine Rede ist, vollkommen zu überlegen…).

Thomas Lettow spielt den Ödipus mit einer großen Intensität. Es ist kaum zu glauben, dass er erst 29 Jahre alt und dies seine erste Hauptrolle ist. Man schaut ihm gespannt dabei zu, wie er fällt. Wie er am Anfang als der stolze Herrscher Thebens die Bedeutung der Worte von Teiresias nicht erkennen kann, der Zweifel aber doch an ihm nagt, er schonungslos aufklären will und dann um so härter vom Fluch der Wahrheit getroffen wird. All dies, von Sophokles ca. 429–425 v. Chr. dramatisiert, ist dem Heute gar nicht so weit entfernt. Da muss man gar nicht die prominenten politischen Enthüllungen und Skandale der letzten Jahre bemühen. Da kann man auch bei sich im Kleinen suchen. Wie lange verdrängt man bestimmte, unliebsame Wahrheiten, versucht, den Dingen besser nicht auf den Grund zu gehen. Mit welcher Wucht kann einen eine einmal erkannte Wahrheit dann doch treffen. Die Lebensfragen, die sich damals wie heute unverändert stellen, kreisen darum, ob es ein vorherbestimmtes Schicksal gibt und ob man diesem entgehen kann, lohnt es die Anstrengung überhaupt, wenn doch eh alles so kommt, wie vorgesehen. Wie weit reicht unsere Selbstbestimmung oder ist der freie Wille eine Mähr. Sicherlich gibt uns Sophokles Ödipus darauf keine befriedigende Antwort, aber Alternativen zur Selbstblendung sind denkbar.

Meine Empfehlung also: Der Abend am Residenztheater ist spannender und ergreifender als jeder Fernsehkrimi. Verdichtete Tragödie mit wunderbaren Bildern und großartigen Darstellen. Eine tolle Inszenierung von Mateja Koleznik! Unbedingt ansehen.