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Mittelreich – Josef Bierbichler’s Roman an den Münchner Kammerspielen

Februar 23, 2016 — by Juli Tributs0

Mittelreich in der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler an den Münchner Kammerspielen ist zum Berliner Theatertreffen 2016 eingeladen!

Ich gratuliere und freue mich für das Theater. Und kann endlich eine Inszenierung unter der neuen Intendanz von Matthias Lilienthal uneingeschränkt empfehlen.

Wie bringt man diesen Lebensroman Mittelreich von Josef Bierbichler, voll mit lebensumspannenden, tief symbolischen Bildern, Geschichten und viel Lokalkolorit auf die Bühne eines Theaters? Was zeigt man, was lässt man weg? Zehn gelebte Jahrzehnte einer Familie, durch zwei Weltkriege hindurch, durch Zeiten mit gesellschaftlichen Umbrüchen, Zeiten des einkehrenden Wohlstands („Mittelreich“). Der Roman ist die biographisch eingebettete Auseinandersetzung mit der Bigotterie im katholischen Bayern mit seinen Nazi- und Kommunistenströmungen, den Zwängen des Erbes, der Enge der Familie, dem Unverständnis für den Anderen, der Verdrängung von Wünschen und von Schuld – Verdrängung, die das Leben vielleicht erträglich macht, es zugleich aber auch entwertet.

Die Süddeutsche Zeitung, mein Theaterorgan schlechthin, hatte die Inszenierung so besprochen, dass einem die Lust eher vergangen ist. Wer schaut sich schon freiwillig ein „saft- und kraftloses Musiktheater“ an (SZ vom 24.11.2015)? Meine Geneigtheit, Inszenierungen gut zu finden, war zu der Zeit auch nicht allzu groß. Ich hatte gerade den Spieler, Caspar Western Friedrich, Rocco und seine Brüder hinter mir, die neuen Schauspieler haben mich enttäuscht, die verbliebenen Schauspieler des alten Ensembles machen einem schmerzhaft den Verlust deutlich, die Regisseure haben bislang noch nicht überzeugt. Die Webseite nervt und man schwelgt in Wehmut über das verlorene Regietheater, welches durch Kongresse zur Weltlage, Konzerte und Off-Theater Performances nicht adäquat ersetzt wird. Mit der Stimmung, alles weitere auch schlecht zu finden, saß ich nun also in Mittelreich.

Und wurde in den Bann dieser Familiengeschichte um den Seewirt aus Ambach am Starnberger See gezogen. Anstatt Musiktheater bekam ich Schauspielertheater. Steven Scharf darf als Gast den Semi, Sohn des Seewirts und Alter Ego von Sepp Bierbichler spielen und tut das ergreifend und wohltuend professionell. Annette Paulmann überzeugt als des Seewirts unglückliche Frau.

Die Inszenierung beginnt mit dem Ende, der Beerdigung des Seewirts (Stefan Merki). Die Familie sitzt auf Stühlen und singt „selig sind die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden…“.  Das ist ergreifend einfach. In der Rückschau entblättert Anna-Sophie Mahler dann die Motive des Romans und konzentriert sie auf die stärksten und eindrucksvollsten, die, die man als Leser des Romans sofort wieder erinnert. Das Bühnenbild ist der bayrischen Gastwirtschaft nachempfunden, erweckt aber eine bedrückende Assoziation von Enge.

Der Seewirt, der eigentlich Singen will, heiratet und übernimmt die Wirtschaft der Eltern, um sein Erbe nicht zu verlieren. Er ist es, der den Hof und die Gastwirtschaft zu ihrer Blüte bringt und der Familie den Wohlstand. Glücklich wird die Familie dadurch nicht. Die Ehe zwischen dem Seewirt und seine Frau ist lieblos – sie leidet unter der freudlosen Anwesenheit der Schwestern des Seewirts und unter fehlender Liebe, er hat sie zwar geheiratet, lebt mit ihr aber ohne Leidenschaft. Vielleicht ist diese im Krieg abhanden gekommen, vielleicht schon vorher, als der Traum vom Gesang enden musste. Das Verhältnis zwischen Semi und seinem Vater ist distanziert. Verdrängung – „nicht hören“ und „nicht wissen wollen“ bestimmen das Leben aller und ihr Verhältnis zu einander. Der Vater verdrängt den Krieg und seine Mittäterschaft bei der Vergasung von Kindern ist das Bild für Schuld und Verdrängung. Den jungen Semi verschickt man ins Internat, er möge dort fromm werden. Er verdrängt seine Einsamkeit und lernt und wird trotzdem nicht froh. Man hört ihn nicht, als er den Eltern den ständigen Missbrauch durch den Klosterbruder im Internat beichtet, „das bildest du dir ein, bete nur ein Vater unser“ ist alles was die Mutter ihrem Sohn dazu sagen kann. Damit zerbricht auch die Liebe des Sohnes zu seiner Mutter.

Das tragische, unglückliche Fräulein Zwittau outet sich als der Zwitter der sie ist und geht daran zugrunde, von ihrer Umwelt verkannt (irritierend mit hoher Stimme gesungen und gespielt von Damien Rebetz). Selbst im Sterben gibt es keine Erlösung, die Mutter verfällt im Rollstuhl, der Vater trifft der Schlag als ihn Semi mit der Wahrheit über seine Teilnahme an einem Kriegsverbrechen konfrontiert. Einzig der polnische Flüchtling (Jochen Noch), anhänglich und froh beim Seewirt ein Heim gefunden zu haben, ist bei sich und dankbar, ob seiner Existenz an diesem Ort. Er folgt dem Seewirt bis in den Tod, Zeichen für Treue und zugleich aus Angst vor der Einsamkeit.

Schon der Roman ist so bildhaft erzählt, dass sich Motive fest in das Gedächtnis einbrennen. Eine reduzierte Erzählweise, wie sie Anna-Sophie Mahler anwendet, tut diesem an Bezügen  und Geschichten reichen und überbordenden heimatverbunden Roman gut. Es wäre sonst zu viel. Die Inszenierung bringt die Schauspieler zur Geltung, sie transportieren diese bigotte Welt, die unterdrückten Gefühle derer, die in ihr leben und berühren den Zuschauer mit ihrem Spiel. Besonders bewegend ist Steven Scharf als Semi – leider nur als Gast – füllt er die Rolle des Sepp Bierbichler nicht nur mit seiner Körpergröße, sondern mit spielerischem Können. Wir vermissen ihn sehr im Ensemble.

Ein schöner und tiefer Abend, darüber waren sich danach alle einig. Sowohl mein spanischer Begleiter, der noch nie im Leben etwas von Mittelreich gehört hat, als auch die beiden älteren Damen, die nach der Vorstellung im Blauen Haus jede ihre zwei Weißbiere kippten, seit 40 Jahren Abo haben und sich (so wie ich) darüber freuten, dass der Abend viel besser war, als es uns die Kritik der SZ vermittelt hat.

Also Applaus für die tolle Leistung der Schauspieler in Mittelreich und für eine eindringliche, bewegende Inszenierung, die gut ins Bayerische passt.

 

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„Der Spieler“ und anderes wird verspielt an den Münchner Kammerspielen

Januar 17, 2016 — by Juli Tributs0

Der Spieler und Rocco und seine Brüder an den Münchner Kammerspielen

Kinder, so ein Theater! Der künftige Hausregisseur der Münchner Kammerspiele, Christopher Rüping, vergeigt seine Einstandsinszenierung: Der Spieler von Dostojewski ging gründlich daneben, trotz oder wegen der Kinder, die hier zusammen mit Thomas Schmausen, dem größten Kind an diesem Abend, die Hauptrollen spielen. Schöner als Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung vom 19.12.2015 kann man es nicht sagen – geboten wird über weite Teile „Topfschlagen beim Kindergeburtstag“ und statt ernsthafter Auseinandersetzung mit den Figuren und dem Stoff von Dostojewski gibt es Schlägerei mit „Schaumstoffwürsten“. Das war leider nix (mehr dazu bei Nachtkritik).

Das wäre ja nicht weiter schlimm, jeder kann sich mal vertun und verzetteln, erst recht wenn man im Alter von gerade mal 30 Jahren an eines der – vormals – besten deutschsprachigen Theater als Hausregisseur geholt wird. Aber wenn auch sonst nix Gescheites zu sehen ist (wofür man natürlich dem Regisseur keinen Vorwurf machen kann), dann ist die Enttäuschung beim Publikum eben doch groß.

Seit Wochen möchte ich mir vom Niedergang der Kammerspiele ein eigenes Bild verschaffen.  Aber es ist so schwer geworden, überhaupt einen Theaterabend zu finden, seit Matthias Lilienthal die Intendanz übernommen hat. Es kommt entweder nichts, weil eine Konferenz zur Weltlage stattfindet. Oder es gibt auf der Hauptbühne ein Konzert und in den so bedeutsam umbenannten Kammern 2 und 3 dann: nichts. Und ab und an wird gelesen… bitte nicht falsch verstehen: Lesungen sind als Ergänzung zum Theater keine schlechte Sache, aber eben nicht auf der Hauptbühne am Freitagabend, wenn auch sonst nichts anderes läuft.

All das muss ich mir auf einer Website mühsam rausfieseln, von der man eher Augenkrebs bekommt als Inspiration. Schaut selbst (übrigens, das scheint mir programmatisch, findet man kaum die Seite, auf der die Schauspieler – eigentlich die Stars und Lockvögel eines Theater – vorgestellt werden…):

Münchner Kammerspiele Website 2016
Startseite! Münchner Kammerspiele
Münchner Kammerspiele Website 2016
Programm auf der Website der Münchner Kammerspiele

Warum die Kammerspiele als von der Stadt subventionierte Theaterbühne den Münchner Konzertbetreibern zur Hauptspielzeit Konkurrenz machen müssen und die Bühne für Konferenzen blockieren, die sehr gut auch woanders stattfinden können, bleibt mir ein großes Rätsel. Mehr noch als unerklärlich finde ich es sehr traurig und der Stadt München mit seiner großen Theatertradition unwürdig. Es ist überdies auch ärgerlich, dass da einer aus Berlin kommt und denkt, wir brauchen hier Anarchie im Off-Theater Format. Nein danke!

Wie mag es bloß den wenigen Schauspielern gehen, die aus dem alten Ensemble noch da sind? Die großartige Brigitte Hobmeier spielt ihre neuen männlichen Kollegen in „Rocco und seine Brüder“ dermaßen an die Wand, dass es nur so kracht. Rocco und seine Brüder nimmt aber in der Inszenierung von Simon Stone eine so große Fahrt auf, dass man sich diesem Sog nicht entziehen kann –  auch wenn einen die Unterschichten-Milieustudie von Luchino Visconti von 1960, die hier in Neuzeit-Sprache auf jung getrimmt ist – nicht unbedingt interessieren muss. Alles in allem ein  Abend mit Gefühlen und Figuren, die einem nahe gehen. Das kann man sich anschauen. Eine sehr gute ausführliche Besprechung des Abends findet sich bei Nachtkritik.

Ansonsten kann ich derzeit für die Kammerspiele (nur) die wenigen übernommen Inszenierungen der letzten Spielzeit empfehlen, darunter:

  • Die Zofen von Jean Genet in einer Inszenierung von Stefan Pucher: am 9.2.2016 (tolle Schauspielerinnen, sehr kurzweilig und unterhaltsam)
  • Maria Stuart von Friedrich Schiller in einer Inszenierung von Andreas Kriegenburg am 14.2 (sehr toller Text von Schiller, den auch eine statische Inszenierung nicht tot kriegt).
 Oder: geht besser gleich ins Residenztheater!

 

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Peaches rockt mit „Peaches Christ Superstar“ die Münchner Kammerspiele

Oktober 11, 2015 — by Juli Tributs0

„Peaches Christ Superstar“ zur Spielzeiteröffnung der Münchner Kammerspiele unter der Intendanz von Matthias Lilienthal 

 

Da ist sie nun, die neue Spielzeit,  lang ersehnt und viel vorab besprochen. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ein anderer Intendant vor Beginn der Spielzeit so viel Aufmerksamkeit erhielt – oder bewusst provoziert hat – wie es gerade bei Matthias Lilienthal zu erleben war. Eines lässt sich bereits jetzt sagen: es bewegt sich etwas. Die Kammerspiele verändern sich. In welche Richtung es dann wirklich geht, werden wir sehen. Ob die von Lilienthal angestrebte Verjüngung des Theaters dauerhaft eintritt, wird sich zeigen. Dafür ist Peaches Christ Superstar nicht exemplarisch, zieht Peaches doch ganz klar ein eigenes Fan-Publikum an. Und den ersten Abend (Kaufmann von Venedig, inszeniert von Nicolas Stemann) habe ich verpasst… meine Beobachtungen sind also (noch) sehr begrenzt.

Offensichtlich ist: Es gibt Party. Es werden neue Räume für Bars erschlossen. Es gibt das sog. Aquarium, unter der Spielhalle, jetzt Kammer 2. Dann ist das Foyer des Theaters zur Bar geworden. Partystimmung stellte sich denn auch Samstagnacht im Theater ein, was sicher vor allem an den Fans von Peaches lag. Danach, bei der After-Premieren Party hängen dann lauter fremde, sehr junge Menschen in der Kantine vom Blauen Haus rum. Außer den bekannten Kritikern, die teilweise fast verloren allein unter Fremden rumstehen (ein seltenes Bild) und ein paar wenigen Hausangehörigen, begegnen einem kaum mehr bekannte Gesichter. Klar, die Schauspieler der letzten Intendanz sind ja auch fast alle weg, was an einem Abend wie gestern dann doch recht schmerzlich klar wurde.

Und nun zu Peaches Christ Superstar. Keine echte Premiere, sondern eine Performance, die bereits 2010 im Hebel Theater am Ufer im Berlin und an vielen anderen Orten in Europa zu sehen war. Nun holt Lilienthal sie auch nach München, als musikalisches Beiwerk für seine fulminante Spielzeiteröffnung (an diesem Wochenende mit zwei echten Theater-Premieren: Ode to Joy und Kaufmann von Venedig und einer bereits in Weimar und Graz aufgeführten Performance von Rimini Protokoll Adolf Hitler: Mein Kampf, Bd. 1&2).

Peaches singt sich allein durch die letzten 7 Tage Jesu vor seiner Kreuzigung, nur begleitet vom Piano. Stimmgewaltig singt sie alle Rollen von Jesus und seinen Jüngern, über Pontius Pilatus, den Pharisäern, Judas bis zu Maria Magdalena. Sie singt schon gut, aber der Performance fehlt die Inszenierung und damit die Tiefe. Die Leidensgeschichte von Jesu lässt sich nicht erzählen, nur indem man je nach Rolle die Stimmlage und einmal das Kostüm ändert. So süß wie es klingt, wenn man es liest – Peaches verwirklicht sich mit ihrer Performance des Musicals von Lloyd Webber einen Mädchentraum, sie kennt „Jesus Christ Superstar“ seit Kindertagen auswendig – aber nur singen reicht hier nicht. Das mögen die Peaches Fans anders sehen, was auch einige Standing Ovation erklärt. Aber neben Peaches Glamour wären ein paar dramaturgische Ideen gut gewesen.

Erst ganz am Schluss, als Peaches (wohl nach der Gerichtsverhandlung unter Pontius Pilatus, so ganz folgen kann man der Handlung mangels Dramaturgie nicht) die Peitsche hervorholt und aus dem Publikum gerufen wird „Crucify him!“ gab es bei mir ein Schauern, eine Ahnung davon, wie es sich anfühlen kann, wenn der Mob geweckt wird. Am Ende hängt Peaches am Kreuz, schwebt über der Bühne und singt ihre letzten Worte „Lord forgive them, they don’t know what they are doing“. Das ist ein schönes Bild.

Und so vergeben wir Peaches und freuen uns, als wir sie später in echt, als Peaches (das bedeutet grell grün geschminkt mit krasser Frisur) in der Kantine wieder treffen. Sie sitzt da einfach so am Tisch, knutscht mit ihrem farbigen Boyfriend und klatscht uns ab, als wir ihr beim Vorübergehen kurz den Daumen hoch zeigen.

Die nächste Vorstellung von Peaches Christ Superstar ist am 22. Dezember. Wer Gesang mag, dem sei sie empfohlen. Wer echte Handlung erwartet, der kann sich kurz vor Weihnachten dann auch intensiv dem Weihnachtsbaum und der Festtagsgans widmen.

An den kommenden Inszenierungen an den Kammerspielen bleibe ich dran und hoffe auf schöne Theaterabende.

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Juli im Sommerloch mit Kammerspiele Abschiedsweh

Juli 24, 2015 — by Juli Tributs0

14 Tage seit der letzten Veröffentlichung. Was macht Juli nur? Sie treibt sich schon rum, auch kulturell, nur hat sie darüber nicht schreiben können. Sie ist gerade etwas zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, gemeinhin auch Arbeit genannt. Und dann ist da noch die Hitze und der See…

Gmund am Tegernsee
Mein Tegernsee

Aber heute muss es wieder mal sein. Zeit für ein Resumé:

Juli war in der letzten Vorstellung von Lola Montez am Residenztheater, einem Operettenklamauk-Abend von ihrem Berliner Theaterliebling, Jürgen Kuttner, speziell für das Cuvilliétheater maßgeschneidert. Darüber wollte sie aber nicht schreiben. Es hat ihr nicht gefallen. Erwartet hat sie eine freche kluge Inszenierung. Bekommen hat sie viel Operetten Schmonzette in verstaubter Kulisse und ollen Kleidern. Genau fünf Minuten waren witzig, als Kuttner in gewohntem Schnellsprech nach Videoschnipsel-Manier in einer „Reflexionspause“ erklärt, wie er „von Hegel bis zu Lola Montez kegelt“. So hätte der Abend inszeniert sein müssen, war er aber nicht. Weil es aber eh der letzte Abend war, muss man sich über Empfehlung ja/nein keine Gedanken machen. Und besser auch nichts weiter schreiben darüber.

Dann nimmt Juli mit viel Wehmut von Inszenierungen, Schauspielern und einer ganzen Kammerspiele-Ära Abschied. Jeden Tag sagt das Programm der Münchner Kammerspiele, „Zum letzten Mal!“. Freunde von Juli sind plötzlich im Hype, sie wollen alles noch sehen und gehen fast jeden Tag ins Theater. Das ist schön zu sehen, ich fühle mich dafür (mit)verantwortlich. Aber es ist eben auch traurig, wenn alles vorbei geht.

Ich habe auch noch letzte Abende an den Münchner Kammerspielen gesehen: Dem Himmel sei Dank war ich noch in „Späte Nachbarn“ – Zwei Séancen von Alvis Hermanis nach Geschichten von Isaac B. Singer. Ein grandioser Abend. Alles toll toll toll. In der ersten Séance sieht man André Jung als 85-igjährigem jüdischem Kauz beim Leben zu in seinem Beach Apartment bei Miami. Er verliebt sich für einen Tag in seine neue, verwitwete Nachbarin, ebenfalls grandios von Barbara Nüsse gespielt, und dreht dabei noch mal richtig auf. In der zweiten Séance sind die beiden alte Nachbarn in New York, Andrè Jung darf an ihren telepathischen Séancen teilnehmen in einem wunderbar verramschten Yoga-Indienkult-Bühnenbild. Das ist ein Theater! Und ist an Schauspielkunst kaum zu übertreffen.

Sehr schön war auch „Hundeherz“ von Michail Bulgakow in der Regie von Matthias Günther. Ein lustiger kurzweiliger Theaterabend. Beide Inszenierungen zeigen, dass man Romanadaptionen doch sehr gut auf eine Theaterbühne bringen kann.

Die Zofen von Jean Genet (Regie Stefan Pucher) haben mich auch überaus gut unterhalten: Brigitte Hobmeier und Annette Paulmann als den zwei Zofen Claire und Solange bei ihrem leicht sadomasochistischem Rollenspiel und Wiebke Puls als gnädiger Frau zuzusehen, ist die reine Lust.

Am kommenden Samstag (25.7.) gibt noch eine letzte große Finaleparty an den Kammerspielen. Und dann ist Schluss mit der Intendanz von Johan Simons. Ob wohl in jedem Abschied ein guter Neubeginn liegt? Vergleicht man die alte und die neue Web-Seite der Münchner Kammerspiele (schon zu sehen für die Spielzeit 2015/16) wird die Wehmut erst mal nur größer. Schaut selbst. Grellgelb ist auch eine Farbe.

Vor dem Ende der Simons-Ära gibt es noch einmal André Jung, meinen absoluter Lieblingsstar (neben vielen anderen Lieblingen). Er ist noch ein letztes Mal zu sehen am Samstag in Hiob, aber es ist ausverkauft. Juli weint und fährt deshalb besser an den Schliersee. Dort ist das ganze Wochenende Seefest. Das ist immer sehr schön, am Samstagabend kann man romantisch mit einem lampionbestückten Bötchen über den See schippern  und das Feuerwerk genießen.

Und dann kommt: das Sommerloch. Was das wohl bringt?

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Until our hearts stop – Uraufführung von Meg Stuart an den Münchner Kammerspielen

Juni 18, 2015 — by Juli Tributs0

Diese neue Produktion von Meg Stuart an den Münchner Kammerspielen ist eine Wucht! Sie schlägt ein wie der Blitz. Auf der Bühne geht es rund, die Zuschauer sind gebannt – „until our hearts stop„.

Letzte Premiere der Kammerspiele in dieser Spielzeit und unter der Intendanz von Johan Simons. Das muss sein. Mit Sommererkältung, begleitet von Gähnanfällen wegen durch zu vielen Wolken verursachter Müdigkeit schleppe ich mich nach der Arbeit in die Spielhalle der Münchner Kammerspiele. Und werde dort von der Choreographie von Meg Stuart, ihren fantastischen sechs Tänzern/Schauspielern und der atemberaubenden Musik der drei Live-Musiker elektrisiert. Keine Spur mehr von Müdigkeit, ich bin gebannt von Anfang bis Ende.

Die erste Stunde ist getanzte Liebe, mit allem was dazu gehört. Die Geschlechterrollen vermischen sich, heben sich auf. Es geht sanft und zart los. Langsam beginnen die Individuen sich zu einem großen Knäuel zu verdichten, rollen irgendwann als solches über die Bühne. Raufen miteinander, wie es Kinder und Liebende tun. Getanzte Liebe darf hier auch albern und lustig sein.

Aus dem Raufen wird später ernster Sex, explizite Szenen die einen unmittelbar berühren. Vorher beginnt man aber zaghaft, sich zu beschnuppern, fängt an, sich und die anderen auszuziehen, nur einer ist nackt, die anderen sind halb an- und halb ausgezogen – das Beschnuppern wird hier bis zum Exzess ausgelebt. Erst jetzt, durch die Nacktheit, wird klar, wer Mann und wer Frau ist. Vorher gab es keine Geschlechter. Aber auch die nun bloßgestellten Geschlechter heben sich gleich wieder auf, es gibt keine festgelegten Rollen, es ist egal, wer mit wem oder auf wem liegt. So lösen sich auf der Bühne die gewohnten Seh- und Verhaltensweisen auf. Es wird geliebt und es wird gehasst, Lust ist hier ganz nah auch am Schmerz.

Was Neil Callaghan, Jared Gradinger, Leyla Postalcioglu, Maria Scaroni, Claire Vivianne Sobottke und Kristof Van Boven hier durch die Bewegung ihrer Körper zum Ausdruck bringen, bildet alle Facetten der Liebe ab; was für den einen anziehend ist, stößt den anderen ab. Da wir aber die Vorlieben unseres Nachbarn nicht kennen, kann sich jeder wiederfinden. Alles wird wohl Teil des Lebens oder eine denkbare Variante davon sein.

Die getanzten Bilder sind kongenial begleitet von der wunderbaren Musik von Paul Lemp (Bass), Marc Lohr (Schlagzeug) und Stefan Rusconi (Piano).  Sie lässt Klangbilder beim Zuschauer entstehen. Das ist einzigartig: jeder Ton, den die Musiker spielen, passt perfekt zur Bewegung auf der Bühne. Getanzte Musik!

Statt einer Pause gibt es nach der ersten Stunde eine kleine unterhaltsame Interaktion mit dem Publikum. In der geht es recht lustig zu, Matthias Lilienthal, der auch im Publikum sitzt, bekommt ein Küsschen, andere einen Schluck Whiskey, wieder andere können sich zum Geburtstag beglückwünschen lassen… Das alles kommt ganz natürlich und ungezwungen daher und es könnte keine bessere Überleitung in den zweiten Teil geben. In dem wird es mystisch, es gibt eine Séance, es gibt Magie und Zaubertricks, es gibt Yoga und Chakra und Räucherstäbchen. Wir werden entführt in nicht nur eine, sondern tausend andere Welten. Worin wir uns aus der Lebenswirklichkeit flüchten, ist ja letztlich auch egal, für manche ist es Chakra, für andere ist es die Liebe. Magisch ist das alles, so wie das Leben (und damit verbindet sich denn auch der zweite mit dem ersten Teil).

Kristof Van Boven tritt nun als Magier auf, manchmal spielt er dabei aber auch sich selber und erinnert auch daran, dass Abschied weh tut (München verliert durch den Weggang von Johan Simons nicht nur ihn, sondern auch viele andere wunderbare Ensemblemitglieder). Als Magier kommt sein komisches Talent, das vorher schon immer wieder durchblitzte, vollends heraus. Ironie gepaart mit einem Tropfen wehmütiger Realität, und wenn die nicht gelingt, dann ist es Stand Up Comedy. Er präsentiert in der zweiten Stunde allerlei Wundersames. Das muss man selber sehen, von mir nur nacherzählt nimmt es dem Theater die Magie…

Der Spuk endet nach zwei Stunden, die wie im Rausch verflogen sind, mit Fragen über Fragen und Aufforderungen ans Publikum, von denen man nur zu gerne gleich einige in die Tat umsetzen möchte.

Meg Stuart hat im Interview, das der Dramaturg Jeroen Versteele in seinem während der Proben entstandenen und sehr sehenswerten Video festgehalten hat, gesagt, sie möchte auf der Bühne mehr Heiterkeit und Albernheit. Beides blitzt immer wieder durch. Und trotzdem ist dies kein durchweg heiterer Abend. Viel wichtiger ist, dass sie Bilder findet für die essentiellen Dinge im Leben, für die man oft keine Worte hat. Sie zeigt, dass es kein schwarz und weiß, nicht nur Licht und Dunkelheit gibt. Sie zeigt, dass das Leben für jeden Schritt auch eine Alternative bieten kann. Einmal losgelöst von festen Strukturen und Rollenbildern gibt es auch die andere Realität, die magische Welt der Illusion. Was wäre wenn? Oder, so wie es die wunderbare Maria Scaroni im Probenvideo fragt: Was wäre, wenn wir mehr als nur zwei Planten sehen würden? Würden wir dann zu dritt heiraten, hätten wir mehr als zwei Geschlechter?

Alle diese Fragen muss man nicht klären. Es reicht, sich von der Magie der Bewegungen, der Töne und der Körper betören und entführen zu lassen. Eine wunderbare Produktion. Noch 8 Mal bis zum 17.7. in München zu sehen… und dann on tour.

Ein Muss auch für Fans des Theaters, die sonst mit Tanz (so wie ich) nicht all zuviel anfangen können.

Und weil die Mitwirkenden alle auch ganz zauberhaft sind, empfehle ich vor dem Besuch den Probenfilm Jeroen Versteele mit den Interviews. Er ist auf dem Blog der MK veröffentlicht.

Dies und DasFilm NewsTheater News

Shabbyshabby Apartments in München

April 14, 2015 — by Juli Tributs0

Vote for your favorite shabbyshabby apartment at http://creative.arte.tv/de/labor/shabby-shabby-apartments !!! Noch bis zum 19.4.2015 !!!

Tolle Idee! Danke Matthias Lilienthal. Kaum in München angekommen, ist er mit dem großen Problem der Stadt konfrontiert: Schäbige Buden für sauviel Asche, und dann sind sie auch noch knapp.  Dies ändert sich für kurze Zeit, wenn man auf Dusche, Toilette und den eigenen Kram verzichten kann: Wir können ab September 2015, der neuen Spielzeit der Münchner Kammerspiele, shabbyshabby Apartments mieten. Statt ins Theater zu gehen, können wir für schlappe 35 Mäuse Teil unserer eigenen Wohn-Inszenierung sein – shabby Wohnen im Stadtgebiet. Die Buden sind in der ganzen Stadt verteilt. Sage und schreibe 258 Entwürfe wurden eingesendet. Die von der Jury unter der Regie von Traumlabor auserkorenen sehr hübschen Entwürfe sind zu sehen unter: http://raumlabor.net/shabbyshabby-apartments/

Das Volk durfte auch wählen (und darf dies noch bis 19.4.): Meine Lieblinge sind das Wohnklettergerüst am Isartor und der muschelartige Pavillon der sich auf der Tiefgarageneinfahrt am Max-Joseph-Platz kringelt. Das wird lustig, da will ich wohnen.

Wieviel Raum es in der Stadt noch gibt für kleine sehr schräge Wohnobjekte! Von den Jury-prämierten Buden gefällt mir „Yello Submarin“ sehrrrr … Schlafen in einer gelben Badewanne, die auf Pfählen im Eisbach steht, was will man mehr!!!

Also, Münchner, auf zum Wählen und dann zum Wohnen!

Und weil wir gerade von Häusern sprechen. Es gibt Neues von Erwin Wurm, auch er hat eine Vision: „I am still a house?“ fragt er… Was dabei herauskommt ist jetzt in Wuppertal im Skulpturenpark zu sehen. Herrlich!

 

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„Camino Real“ in einer Inszenierung von Sebastian Nübling an den Münchner Kammerspielen

März 29, 2015 — by Juli Tributs0

Sebastian Nübling inszeniert an den Münchner Kammerspielen Camino Real von Tennessee Williams. Und ich habe es schon gesehen, yippi, gestern, am 28.3.2015, war Premiere. Wer sich vor der Konfrontation mit einer Welt nicht scheut, in der Liebe und Wärme, Solidarität und Empathie für den anderen verloren gehen, dem sei der Theaterbesuch von mir sehr empfohlen.

Die Inszenierung ist archaisch, körperlich, eindringlich. Die Schauspieler geben alles. Und das überträgt sich auf das Publikum, welches gebannt dem verrückten Treiben zuschaut: Ist das unsere Welt? Mich lässt die Inszenierung bewegt und etwas verstört. Das liegt zum einen am Stück, vor allem aber am intensiven Spiel der wunderbaren Schauspieler. Ganz besonders bewegend sind die Szenen zwischen Risto Kübar in der Rolle des ehemaligen Boxers Kilroy und Sandra Hüller als Esmeralda, sowie zwischen Wiebke Puls als Marguerite Gautier und Oliver Mallison als Jacques Casanova.

Tennessee Williams schrieb an „Camino Real“ bis zur Uraufführung 1953 im national theatre in New York  „zwei Jahre“ .. „mit dem Fieber eines improvisierenden Jazzmusikers“ (man kann es sich vorstellen). Er erzählt von einem trostlosen Ort, am Ende der zivilisierten Welt (im Stück ist dies irgendwo in einer lateinamerikanischen Hafenstadt) und den Beziehungen der Gestalten, die es dorthin verschlägt: Es sind die Gescheiterten und die, die schon immer „unten“ waren. Von T. Williams als gesellschaftskritische Abrechnung mit den USA geschrieben, wird es dort von der Kritik nach der Premiere zerrissen. Dies ist sogar dem Spiegel in Heft 16/1953 einen Titelbeitrag wert, auf den hier verwiesen sein soll.

Sebastian Nübling erzählt die Schicksale aus heutiger Perspektive mit reduzierter Sprache, dafür aber umso körperlicher. Der „Camino Real“ ist bei ihm in einer Welt, die mit überlebensgroßen Teddy-Plüschtieren dekoriert ist, Symbol für billigen Konsum, und die beherrscht und bewacht ist von autoritären Ordnungshütern (wunderbar Jochen Noch als Polizist Gutmann). Zwischen diesen Teddies auf der einen und den Wächtern auf der anderen Seite spielen sich die persönlichen Dramen der abgehalfterten Figuren ab. Das „Eintrittsgeld“ für den Camino „ist die Verzweiflung, in bar auf den Tisch“. Er ist „ein Hafen zum Kommen und Gehen, es gibt keine Dauergäste“, der einzige realistische Weg aus dieser Welt ist der Tod (so wird auch in fast jeder Station einer Figur das Leben genommen). Jeder, der hier lebt, ist sich selbst der Nächste. „Warum macht die Enttäuschung die Menschen so unfreundlich zueinander“, fragt Jacques Casanova in einem der wenigen Momente der Nähe und Wärme seine Angebetete Marguerite. Doch diese ist schon lange in der inneren Isolation und auf der Flucht, vor sich und diesem „trostlosen Ort“, “an dem es keine Liebe mehr gibt. „Man hat sich nur aneinander gewöhnt“.

Wie wohl es da tut, dass Kilroy auftaucht. Ein ehemaliger Box-Champion, der weil sein Herz so groß wie ein Kinderkopf ist, Frau und Beruf verloren hat. Der naiv und optimistisch auf der Suche nach normalen Menschen ist. Er wird auserkoren, den Schleier von Esmeralda lüften zu dürfen, die jeden Monat ihre Unschuld zurückgewinnt. Und obwohl er weiß, dass dies den Tod für sein schwaches Herz bedeutet, sag er dafür „bitte bitte“. Diese Szenen zwischen Risto Kübar und Sandra Hüller, mit denen die Inszenierung endet, sind die eindringlichsten Momente des ganzen Abends.

Denn bei all der sozialen Isolation, fehlenden Solidarität und menschlichen Kälte, die einem in dieser Inszenierung um die Ohren gehauen werden, macht diese auch spürbar, dass es Empfindungen und Sehnsüchte noch geben kann… und diese vielleicht auch in unserer heutigen Welt überleben.

p.s. Schaut mal rein unter https://vimeo.com/123181300

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„Jagdszenen in Niederbayern“ inszeniert von Martin Kušej

März 16, 2015 — by Juli Tributs0

Jagdgründe, Abgründe. Es knallen Schüsse nieder auf Abram, der allein vor einer riesigen Bretterwand im Lichtkegel einer Taschenlampe steht. Das ist das Ende. Damit beginnt Kušej’s Inszenzierung von Martin Sperrs „Jagdszenen in Niederbayern“ an den Münchner Kammerspielen. Erzählt wird von hinten nach vorne. Die Todesnacht zu Beginn ist rabenschwarz, und so schwarz und so bedrückend bleibt es den ganzen Abend.

Gleich bedrückend auch die zweite Szene, in der ein ganzes Dorf Jagd macht auf Abrams, den Außenseiter, der so anders ist, der Männer mag. Man will ihn lebend fangen, wie ein Tier anschießen. Seine Mutter (intensiv und eindringlich gespielt von Gundi Ellert), selbst auch ein Gewehr in der Hand, verlangt aber etwas anderes: „bringt ihn um, damit ich keine Mutter mehr sein muss“. Damit sind die Gefühlswelten aller Personen des Stückes zueinander schon umrissen: Es gibt keine Liebe in dieser Welt (die nicht nur eine niederbayerische ist, sondern die überall sein kann), nicht zwischen Mutter und Sohn, nicht zwischen Mann und Frau, nicht zwischen Abram (männlich gespielt von Katja Bürkle) und Tonka (trostlos gespielt von Anna Drexsler) , die von Abram schwanger ist und die Abram ersticht, weil er sie, ihre vermeintliche Liebe oder vielleicht auch nur ein neues Leben in dieser Welt nicht erträgt.

Und so setzt sich im Zuschauer das Unwohlsein fest. Unwohlsein entsteht in vielen einzelnen Momenten und bleibt in der Erinnerung haften. Besonders stark auch, als Tonka sich dem Knecht und Kriegsheimkehrer (hervorragend dargestellt von Hans Kremer) in freudloser Lust hingibt und dieser sie ohne jede Zuneigung nimmt.

Nähe könnte entstehen zwischen Abram und Rovo, dem behinderten Jungen. Aber selbst diese Nähe soll nicht sein. Rovo, selber Außenseiter, muss Tonka als Hure beschimpfen und verliert damit jede Zuneigung, die sich in der Szene zuvor eingestellt hat. Der Knecht der für Rovo’s Mutter (Cristin König) arbeitet und ihr Liebhaber sein darf, ergreift zwar Partei für Abram’s Anderssein, weil er und andere Männer „sowas mit Männern“ im Krieg auch gemacht haben. Aber auch diese Solidarität, eh nur im geschützten Raum des Schlafzimmers geäußert, wird nicht zu echter Solidarität und den ausstehenden Lohn muss man „so einem“ natürlich nicht mehr ausbezahlen. Rovo’s Mutter die mit dem Knecht lebt, wird selber vom Dorf ausgegrenzt, weil sie ja noch mit einem Mann verheiratet ist, der im Krieg verschollen ist. Aber auch sie hat kein Verständnis und keine Empathie für die anderen oder die, die anders sind.

Warum auch, steht sich hier doch jeder selbst am nächsten. Gemeinschaft entsteht hier nur in der Ausgrenzung vermeintlich Andersartiger.

Kušej inszeniert unterkühlt und erzeugt durch die fehlende Emphatie, die die einzelnen Figuren in ihrem Verhältnis untereinander kennzeichnen, beim Zuschauer ein seltsames Gefühl der Distanziertheit zum Bühnengeschehen. Wie sehr es einem als Zuschauer doch fehlt, dass man sich mit niemandem solidarisieren kann, sich nicht identifizieren kann und keinen lieben kann. Opfer werden zu Tätern. Es gibt keine Helden, es gibt keine Lieblinge (außer natürlich die tollen Schauspieler, die man um ihrer Darstellung willen liebt). Es bleibt Unwohlsein und distanzierte Betroffenheit. Aber die setzt sich fort bis in den nächsten Tag.

 

Theater News

Schnell noch in „Unser Dorf soll schöner werden“ zu „Wunderbaum“ in die Münchner Kammerspiele

März 11, 2015 — by Juli Tributs1

Unser Dorf soll schöner werden“ läuft nur noch bis 14. März 2015 im Werkraum der Münchner Kammerspiele!!! Dann entschwinden die Wunderbäume wieder nach Hause. Zu Hause ist in Holland. Von da holte sie Johan Simons am Ende seiner Intendanz und… ließ sie mal machen. Herausgekommen sind selbst geschriebene und selbst gespielte „Acts“ (Wunderbaum=Walter Bart, Maartje Remmers, Marleen Scholten werden dabei verstärkt durch die Schauspieler Stefan Hunstein und Steven Scharf aus dem Ensemble der Kammerspiele).

In diesen Acts werden von Wunderbaum reale Diskussionsbeiträge diverser in unserer Gesellschaft auftretender Typen zu aktuellen gesellschaftlich relevanten Themen, insbesondere zu Umwelt und Nachhaltigkeit, verwertet. Es treten auf: eine transformierte Managerin, ein BMW-Designer, der auch Kunst mag, (Umwelt)aktivisten, eine Klimaexpertin („pessimistisch seit ihrer Geburt“). Man wartet auf Naomi Klein, die dem BMW Designer wie eine Wassermelone scheint, innen rot und außen grün. Es geht um Kapitalismuskritik genauso wie um Ökoaktivismuskritik, um neoliberale Ideen im Zeitalter von Klimawandel, um Geschlechterrollen und Rollenklischees, um Selbstverliebtheit und Egozentrik von Managern, um den BMW i3 und den Trommelsound von Phil Collins. Es gibt keine Guten und keine Bösen, alle werden ironisch demontiert. Naomi Klein, real existierende Umweltaktivistin, hier dargestellt von Walter, endet nach wenigen Sekunden Diskussion im verbalen und physischen Nahkampf gegen den BMW-Designer Walter am Boden.  Soviel zum Thema Toleranz und Diskussionskultur.

Ich mochte den Abend sehr, fand die erste Stunde großartig, war in der zweiten Stunde etwas verloren und habe nicht mehr jeden Zusammenhang zwischen den „Acts“ verstanden. Aber machte nix, war trotzdem irgendwie unterhaltsam. Dies vor allem durch die wunderbaren Schauspieler, die alle wahnsinnig gut spielen. Am Ende verkauft Walter  im Foyer das aktuell erschienene Buch von Naomi Klein („Die Entscheidung. Kapitalismus versus Klima“)  in drei Sprachen, die deutsche Ausgabe ist die teuerste. Fast die schönste Idee des Abends als krönender Abschluss.

Daher schnell noch in die Kammerspiele gehen und den Wunderbäumen zuschauen bei ihrem irren Spiel.

Theater News

Erste Begegnungen mit Matthias Lilienthal, dem neuen Intendanten der Münchner Kammerspiele

März 7, 2015 — by Juli Tributs0

Seit kurzem stelle ich bei mir einen gewissen Lilienthal-Hype fest. Ich liebe die Münchner Kammerspiele. Habe dort seit meinem Umzug nach München 1995 fast alle Vorstellungen gesehen, die letzten zwanzig Jahre waren ja wahrlich das Intendantenparadies. Was für ein Glück, die Ära Dieter Dorn – Frank Baumbauer – Johan Simons – mit so vielen und so tollen Inszenierungen, immer wieder mal neuen und immer fabelhaften Schauspielern mitzuerleben. Und jetzt? Kommt etwas Neues.

Da ich das Neue nicht kenne, bin ich zunächst etwas besorgt und, auch wenn ich das nicht gerne zugebe, ein kleines bisschen voreingenommen. Und jetzt?

Jetzt begegne ich dem Neumünchner aus Berlin ständig, ganz zufällig natürlich. Das gefällt mir. Er kennt mich nicht, ich erkenne aber ihn und freue mich irgendwie ihn zu sehen. Weil er so anders ist. Mein erster Eindruck: Er tut München gut. Er ist schon optisch schräg (und meist auch etwas grell, was aber auch an seinen quietschorangen und quietschgelben T-Shirts liegt). Er ist anders und er strahlt etwas Kraftvolles aus – Energie, Offenheit und Unmittelbarkeit.

Es gefällt mir auch, dass endlich mal ein Kreativer nicht von München nach Berlin zieht, sondern von Berlin nach München.

Also kreuzen sich nun unsere Wege im Dorf München. An dem Mittwoch, als Susanne Hermannski mir in der Süddeutschen Zeitung im Lokalteil für München ausführlich über Shabbyshabby Apartments, das erste Kunstprojekt der Münchner Kammerspiele unter der Intendanz von Matthias Lilienthal, erzählt, sitze ich abends mit Freunden im Fraunhofer. Plötzlich schlappt Matthias Lilienthal rein, oranges T-Shirt, schlurfige Jeans, wilde Frisur. Wir versuchen, ihn nicht allzuseher zu beachten, ich schiele trotzdem immer mal wieder hin. Keiner meiner Freunde am Tisch glaubt mir, dass er der neue Intendant der Kammerspiele ist. Nur mit Mühe kann ich meine Freundin aus New York abhalten, gleich mal hinzugehen, ihm das Foto aus der SZ unter die Nase zu halten und zu fragen, ob er das nun ist oder nicht. Jedenfalls unterhalten wir uns alle am Tisch plötzlich über Wohnen im Container auf der Maximilianstraße und darüber, ob wir uns trauen würden, zu Wempe auf Toilette zu gehen. Und wie es sich sonst so auf der Straße im Container lebt, ist ja nur für einen Tag. Shabbyshabby Apartments heißt: Es werden 22 Wohngebäude im öffentlichen Raum Münchens entstehen. Im Moment läuft dafür der Design-to-build-Wettbewerb. Und dann darf man wohl ab Mitte Oktober für eine Nacht im shabby Apartment wohnen.

Tolle Idee, sich auf diese Weise in München künstlerisch mit Wohnungsknappheit und zu hohen Mietpreisen, die sich keiner mehr leisten kann, auseinanderzusetzen. Auch wenn man dies als Münchner nicht mehr hören und lesen kann… Dennoch, es ist trotzdem gut, wenn Kunst weiter auf die Misere aufmerksam macht. Vielleicht erreicht es ja doch den ein oder anderen Vermieter.

Und irgendwie verschmelzen hier ja auch wirklich private Themen mit öffentlichen Themen. Theater wird zum Leben und Leben zum Theater. Und wieder eine Begegnung mit ihm. „Hallo ich heiße … und wohne bald in München… bin Berliner Altbauten gewohnt… und suche…“ lese ich eines Tages im privat organisierten E-Mail-Verteiler „Budenschleuder“, in dem ein Matthias Lilienthal nach einer Wohnung in München gesucht hat. Ich suche dort auch, für einen spanischen Freund. Die Suche ist lang und frustrierend. So auch für ihn, wie mir später Gabriela Herpell im SZ Magazin berichtet hat.

Und so geht es weiter mit mir und Herrn Lilienthal, er steht nämlich auch mal gerne auf der Straße rum, auf der ich auch laufe, und und und … Jedenfalls führen diese zufälligen Begegnungen zusammen mit den Artikeln in der SZ, die dann meine persönliche Wahrnehmung spiegeln, zu diesem gewissen Hype, den ich bei mir diagnostiziere. Und klar, nichts erlaubt mir im Moment eine fundierte Einschätzung, da ich weder den Menschen Matthias Lilienthal noch seine Arbeit kenne. Was aber erlaubt ist, sind Vorfreude und Spannung. Also freue ich mich auf den Beginn der neuen Spielzeit im Oktober 2015 unter Matthias Lilienthals Intendanz. Bis dahin schaue ich mir noch alle laufenden Inszenierungen der Kammerspiele an. Und dann geht es nach kurzer Sommerpause auf zu Shabbyshabby Apartments.