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KunstLiteraturTheater News

Rocko Schamoni im Münchner Volkstheater bei den Süd-Punks

November 22, 2015 — by Juli Tributs0

Rocko Schamoni im Münchner Volkstheater

Münchner Volkstheater, Samstagabend, 21.11.2015, 20 Uhr. Schon am Publikum im Foyer erkennt man – es findet wohl irgendwas hippes, cooles statt, wenngleich für die gehobene Altersklassse (E30/Ü40 und – wie wir später erfahren – lauter Punks… die andere Hälfte des Publikums besteht aus der Verwandtschaft von Rocko aus der Nähe von Weilheim).

München kann sich glücklich schätzen: Es ist Station von Rocko Schamoni’s Europatournee, die vorvorgestern in Leipzig begann, vorgestern in Regensburg ihren Peak hatte und gestern in München endete. Dementsprechend erschöpft ist Rocko, musste doch sowohl der Beginn als auch die Halbzeit gebührlich gefeiert werden. Er kuriert sich daher auf der Bühne mit Tegernseer. Und als bekennender Antinichtraucher gibt es später auch ein Zigarettchen. Die Show meistert der „King“ dann trotz der behaupteten Jämmerlichkeit mit Bravour. Er beglückt die Süd-Punks (das weiß doch jeder, dass München die Süd-Punkstadt ist :-)) mit Lesungen alter und neuer Texte, launigen kleinen Reflektionen über sich und  das Leben und macht dazwischen Musik mit seiner Band (zu der noch Tex Matthias Strzoda gehört und eine über Skype aus Hamburg eingespielte Hintergrundband, mal mit Ringo Starr mal mit Meik Jägger oder Elvis besetzt… ).

Rocko Schamoni ist ein smarter, lustiger und unterhaltsamer Entertainer. Einer, dem man stundenlang dabei zuhören und zusehen kann, wenn es aus ihm heraus sprudelt. Z. B. über die Dummheit in ihren verschiedenen Erscheinungsformen: zahlendumm (Rocko selbst), kunstdumm (die meisten anderen außer Rocko), sprachdumm (Männer im allgemeinen), raumdumm (Frauen im allgemeinen, weshalb es auch so schwierig mit den Männern und Frauen ist, denn der sprachdumme Mann kann der raumdummen Frau den Weg aus der Raumverirrung schlicht nicht erklären… naja, nicht alles ist hochgeistig, aber es läuft leicht runter auf der Showbühne und ist amüsant unterhaltsam).

Der Abend handelt aber auch davon, wie man dem Leben standhält („Wir müssen eine Mauer bauen, eine Mauer im Kopf…“), wie die Macht uns verändert („Angela“), man trotz Depressionen weitermachen (Lassie Singers) und selbst dann, wenn Dinge herunterfallen oder man wieder mal eine Teetasse umgeschmissen hat, sagen kann: egal, das Leben geht weiter…

Kostenprobe (Mauern):

Kostprobe (Angela)

Musikalisch erinnert Rocko Schamoni an vergangene Songs von Wegbegleitern, die weiterleben sollen. Er spielt u.a. den wunderbar depressiven Song der Lassie Singers  (heute gibt es davon nur noch Christiane Rösinger, die auch immer noch schreibt und singt): „Ist das wieder so ne Phase … oder bleibt es für immer so stehn, werd ich jemals noch in diesem Leben wieder aufstehn, mich anziehn und auf die Straße gehn…“ (in voller Länge zu finden nur unter Spotify!). Die Einspielung von Rocko’s Hintergrundband über Skype funktioniert zwar musikalisch gar nicht, aber das ist total egal, es geht hier nicht um musikalische Qualität im Vortrag, sondern um das Da- und Hiersein…

Grandios sind die unter dem Tarnnamen Kevin Bock geschriebenen schlechten Buchanfänge. Kevin Bock hat diese an Verlage geschickt, um sie dann zusammen mit den Absagen (… lassen sie sich von der Absage nicht abhalten weiter zu schrieben und versuchen sie es auf jeden Fall bei einem der anderen großen Verlage noch mal…) zu veröffentlichen . Auch schlechte Buchanfänge müssen aber erst einmal geschrieben werden und sind, wenn sie von Schamoni vorgetragen werden, zum quieken komisch. Wirklich „weak“ und sehr lustig: „Immer Ärger mit Herr Berger“. Die Geschichte vom Hund „Herr Berger“ hat die Verlage nicht mal mehr zu Absagen motivieren können… Schräger und sehr heiterer Ausklang eines launigen, erfrischenden, komischen Abends.

Rocko, bitte behalt die Punkstadt München als Station in deinen künftigen Welttourneen… – wir wären hocherfreut und danken es mit Treue.

Zum Abschluss noch ein offizielles Rocko Schamoni Video:

Theater News

„Sein oder Nichtsein“ am Münchner Volkstheater: Hingehen oder es Sein lassen, das ist die Frage…

Oktober 1, 2015 — by Juli Tributs0

Das Sommerloch ist schon lange zu Ende und es gibt erst jetzt wieder kulturphorische News. Dabei ist einiges passiert, über das es sich lohnen würde zu berichten. Ganz besonders schön war es zum Beispiel, die shabbyshabby apartments an dem Tag, als sie wie Pilze aus dem Münchner Boden schossen, zu suchen und zu finden… und zu fotografieren (mit übernachten darin wird es leider nix).

Für alle zum Raten – wo steht dieses goldene Prachtexemplar?

Aktion Kammerspiele München

Dann gab es schöne Momente in Münchner Galerien, aber auch fast zu lange her, um nun noch etwas konkret zu empfehlen.  Wahnsinn, wie schnell die voranschreitende Zeit die Ereignisse überholt. Aber wenn nun mal keine Zeit zum Schreiben ist, dann ist das schade, aber nicht zu ändern. Daher springen wir direkt zur Spielzeiteröffnung ins Volkstheater, Donnerstag, 27.09.2015.

Es hat Premiere: „Sein oder Nichtsein“ in einer Inszenierung von Mina Salehpour. Das Stück: Eine Tragikomödie über eine polnische Theatergruppe in der Zeit kurz nach Hitler’s Machtergreifung bis in die deutsche Besatzungszeit Polens.  Filmmusik Hollywood ertönt – eine Reminiszenz an die Filmvorlage von Ernst Lubitsch. Es öffnet sich eine Bühne auf der Bühne. Auf ihr proben – durchaus komisch – Schauspieler eine Groteske über Hitler und deutsche Nazis. Wir befinden uns in Warschau, im Theater. Dort wird angesichts der angespannten Lage 1939 die Premiere des Stücks verboten, kurz darauf greifen die Deutschen Polen an. Es ist Krieg und Warschau von den Deutschen besetzt. Die Schauspieler, vorher noch mit allerlei Liebesverwirrungen beschäftigt, sehen sich unvermittelter Dinge als Ensemble im Untergrund und es beginnt ein Kampf ums Überleben, der – so ist es im Film und im Theaterstück angelegt – bei aller Tragik stets auch Komödie ist.

Wer den Film nicht kennt (so wie ich bei der Premiere) hat möglicherweise einen unterhaltsamen Theaterabend. Es gibt hübsche Szenen, wenn der betrogene Ehemann den berühmten Hamlet Monolog „Sein oder Nichtsein“ spricht und jedes Mal ein junger Fliegeroffizier auffällig seinen Platz in der vordersten Reihe verlässt (was den eitlen Schauspieler zutiefst in seiner Ehre kränkt), um während des langen Monologs die Ehefrau des Schauspielers in ihrer Garderobe zu treffen.

Wer den Film kennt, dem gibt die Theaterinszenierung nichts. Zu viel Slapstick, zu wenig bleibt dabei von der Tragik in der Komödie. Für das spaßige Aneinanderreihung von komischen Szenen ist das Thema zu ernst. Und wenn dann ganz am Schluss plötzlich doch einer der Kameraden erschossen wird, kommt das einfach nur überraschend daher, nach all dem Klamauk. Die Stimmen nach der Premiere waren dementsprechend zwiespältig, einige fanden die Aufführung okay, andere grottenschlecht.

Mich hat die Aufführung zwar durchaus unterhalten, es bleibt aber ein unbefriedigtes Gefühl. Es fehlt der Inszenierung etwas – sie transportiert nicht den Ernst der Lage, nicht die Angst, die dem ganzen Treiben –  bei aller Komik – ja stets latent innewohnt.

Ich habe noch in derselben Nacht Filmausschnitte der Vorlage von Ernst Lubitsch geschaut. Schon in wenigen Minuten wird klar, dass der Film grandios ist und die Aufführung dagegen nicht ankommt. Daher ist meine Empfehlung: Den Gang ins Volkstheater kann man sich schenken und besser den auf DVD erhältlichen Film von Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1942 anschauen.

Hier noch eine kleine Kostprobe: