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Theater News

„Der Spieler“ und anderes wird verspielt an den Münchner Kammerspielen

Januar 17, 2016 — by Juli Tributs0

Der Spieler und Rocco und seine Brüder an den Münchner Kammerspielen

Kinder, so ein Theater! Der künftige Hausregisseur der Münchner Kammerspiele, Christopher Rüping, vergeigt seine Einstandsinszenierung: Der Spieler von Dostojewski ging gründlich daneben, trotz oder wegen der Kinder, die hier zusammen mit Thomas Schmausen, dem größten Kind an diesem Abend, die Hauptrollen spielen. Schöner als Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung vom 19.12.2015 kann man es nicht sagen – geboten wird über weite Teile „Topfschlagen beim Kindergeburtstag“ und statt ernsthafter Auseinandersetzung mit den Figuren und dem Stoff von Dostojewski gibt es Schlägerei mit „Schaumstoffwürsten“. Das war leider nix (mehr dazu bei Nachtkritik).

Das wäre ja nicht weiter schlimm, jeder kann sich mal vertun und verzetteln, erst recht wenn man im Alter von gerade mal 30 Jahren an eines der – vormals – besten deutschsprachigen Theater als Hausregisseur geholt wird. Aber wenn auch sonst nix Gescheites zu sehen ist (wofür man natürlich dem Regisseur keinen Vorwurf machen kann), dann ist die Enttäuschung beim Publikum eben doch groß.

Seit Wochen möchte ich mir vom Niedergang der Kammerspiele ein eigenes Bild verschaffen.  Aber es ist so schwer geworden, überhaupt einen Theaterabend zu finden, seit Matthias Lilienthal die Intendanz übernommen hat. Es kommt entweder nichts, weil eine Konferenz zur Weltlage stattfindet. Oder es gibt auf der Hauptbühne ein Konzert und in den so bedeutsam umbenannten Kammern 2 und 3 dann: nichts. Und ab und an wird gelesen… bitte nicht falsch verstehen: Lesungen sind als Ergänzung zum Theater keine schlechte Sache, aber eben nicht auf der Hauptbühne am Freitagabend, wenn auch sonst nichts anderes läuft.

All das muss ich mir auf einer Website mühsam rausfieseln, von der man eher Augenkrebs bekommt als Inspiration. Schaut selbst (übrigens, das scheint mir programmatisch, findet man kaum die Seite, auf der die Schauspieler – eigentlich die Stars und Lockvögel eines Theater – vorgestellt werden…):

Münchner Kammerspiele Website 2016
Startseite! Münchner Kammerspiele
Münchner Kammerspiele Website 2016
Programm auf der Website der Münchner Kammerspiele

Warum die Kammerspiele als von der Stadt subventionierte Theaterbühne den Münchner Konzertbetreibern zur Hauptspielzeit Konkurrenz machen müssen und die Bühne für Konferenzen blockieren, die sehr gut auch woanders stattfinden können, bleibt mir ein großes Rätsel. Mehr noch als unerklärlich finde ich es sehr traurig und der Stadt München mit seiner großen Theatertradition unwürdig. Es ist überdies auch ärgerlich, dass da einer aus Berlin kommt und denkt, wir brauchen hier Anarchie im Off-Theater Format. Nein danke!

Wie mag es bloß den wenigen Schauspielern gehen, die aus dem alten Ensemble noch da sind? Die großartige Brigitte Hobmeier spielt ihre neuen männlichen Kollegen in „Rocco und seine Brüder“ dermaßen an die Wand, dass es nur so kracht. Rocco und seine Brüder nimmt aber in der Inszenierung von Simon Stone eine so große Fahrt auf, dass man sich diesem Sog nicht entziehen kann –  auch wenn einen die Unterschichten-Milieustudie von Luchino Visconti von 1960, die hier in Neuzeit-Sprache auf jung getrimmt ist – nicht unbedingt interessieren muss. Alles in allem ein  Abend mit Gefühlen und Figuren, die einem nahe gehen. Das kann man sich anschauen. Eine sehr gute ausführliche Besprechung des Abends findet sich bei Nachtkritik.

Ansonsten kann ich derzeit für die Kammerspiele (nur) die wenigen übernommen Inszenierungen der letzten Spielzeit empfehlen, darunter:

  • Die Zofen von Jean Genet in einer Inszenierung von Stefan Pucher: am 9.2.2016 (tolle Schauspielerinnen, sehr kurzweilig und unterhaltsam)
  • Maria Stuart von Friedrich Schiller in einer Inszenierung von Andreas Kriegenburg am 14.2 (sehr toller Text von Schiller, den auch eine statische Inszenierung nicht tot kriegt).
 Oder: geht besser gleich ins Residenztheater!